Das Washington Monument in der us-amerikanischen Hauptstadt Washington D.C.
Münsteraner Dechant wird Auslandsseelsorger in Washington

Ein Hirte sehnt sich nach dem Geruch der Herde

Bislang ist Karl Josef Rieger Dechant im Bistum Münster. Doch bald zieht er nach Washington, um dort Pfarrer der deutschen Gemeinde zu werden. Der Grund ist nicht nur seine Leidenschaft für die USA.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 06.02.2018

Dass Dechant Karl Josef Rieger jetzt als Auslandsseelsorger nach Washington D.C. geht, ist auch der Ermutigung von drei Damen zu verdanken. Das Gespräch mit den drei engagierten Mitgliedern der Auslandsgemeinde bei einem Besuch in der us-amerikanischen Hauptstadt nahm der Pfarrer zumindest als Zeichen, dass Gott ihn künftig vielleicht tatsächlich lieber dort als in Kamp-Lintfort haben will. Nicht nur, dass sie alle drei genau wie er aus dem südlichen Münsterland stammen. Die Damen fragten Rieger auch noch, ob er mit ihnen als neuer Pfarrer vielleicht ein, zweimal im Monat ein Bibelgespräch halten könne – aber bitte einen "modernes". Da stand der erste Seelsorgeauftrag ja quasi schon fest.

Freunde überall in den USA

Im Juli wechselt der 57-Jährige nun in die USA. Für seine Gemeinde Sankt Josef in Kamp-Lintfort am Niederrhein kam das zwar überraschend – dass ihr Gemeindeleiter eine Begeisterung für die Vereinigten Staaten hat, war aber weithin bekannt. Nach seinem Urlausbsziel brauchte ihn niemand mehr fragen, es war sowieso immer das gleiche: "Ich fliege seit meinem 16. Lebensjahr in die USA, manchmal mehrmals im Jahr." Das hat einen bestimmten Grund: In den 50er-Jahren wanderte Riegers Tante dorthin aus. Sie verliebte sich, heiratete – und blieb. "Mein Onkel ist gerade 90 geworden, aber er ist noch fit wie mit 60", sagt Rieger lachend. Das Seniorenpaar wohnt in der Nähe von Chicago, die Cousins und Cousinen sind über die gesamten Staaten verteilt. Über die Jahre, sagt Rieger, habe er Freunde in ganz unterschiedlichen Städten gefunden, in Los Angeles, Las Vegas, Tucson in Arizona und El Paso an der mexikanischen Grenze.

Karl Josef Rieger vor der Skyline von Chicago.
Bild: © privat

Karl Josef Rieger vor der Skyline von Chicago - die schönste Stadt der USA, ist er überzeugt.

Die Aufgabe, die in Washington auf ihn wartet, ist erneut eine Pfarrstelle – damit hören die Gemeinsamkeiten aber auf. 13.000 Gemeindemitglieder in Kamp-Lintfort, 380 in der Washingtoner deutschsprachigen Gemeinde; hier ein Team von 15 Mitarbeitern, dort eine Pfarrsekretärin und eine Haushaltshilfe, hier jeden Sonntag 900 Gottesdienstbesucher an sieben Gottesdienstorten, in Washington der fast intime Kreis von 60 bis 80 Gläubigen in der Kapelle einer katholischen Schule. Den Luxus eines eigenen Kirchengebäudes gibt es nicht in der Auslandsgemeinde. Dafür aber ein sehr ausgesuchtes Publikum: Botschaftsmitarbeiter, hochrangige Militärs, Mitarbeiter der deutschen Handelskammer, des Goethe-Instituts und weiterer deutscher Institutionen.

Dass Rieger die neue Aufgabe quasi als 'Bonbon' vor dem Ruhestand sieht, diesen Eindruck macht er aber nicht. Zu seiner neuen Aufgabe gehört nicht "nur" die Gemeindearbeit, sondern auch jede Woche acht Stunden Religionsunterricht an einer Deutschen Schule und die Funktion als Militärseelsorger für die deutschsprachigen Nato-Soldaten in der amerikanischen Hauptstadt. Diese Abwechslung reizt Rieger. Er vergleicht seine neue Stelle mit einem dreibeinigen Hocker: "Und ich möchte, dass der Hocker gut steht, dass alle drei Beine stabil sind".

Außerdem sehnt sich der Pfarrer nach einer anderen Gemeindestruktur. Sein Wechsel in die USA ist auch eine Kritik an den deutschen Großpfarreien: "Ich merke, dass das nicht die beste Lösung ist. Es gibt sicher Geistliche, die die riesigen Strukturen gut managen können, aber viele sind einfach überfordert." Die Seelsorge, das was ihm als Pfarrer eigentlich am Herzen liegt, leidet in Kamp-Lintfort unter all den Verwaltungsaufgaben, die er zu leisten hat. "Ich mache mein Team fit für die Seelsorge. Aber ich selbst muss mich da fast komplett herausziehen, weil die Zeit einfach nicht reicht." Auch wenn ihm andere viel abnehmen: Zuerst landet alles erst mal auf dem eigenen Schreibtisch.

Trotzdem fällt Rieger der Abschied nach acht Jahren in Kamp-Lintford nicht leicht. Seine Aufgabe dort, so sagt er, sei es vor allem gewesen, die Wunden einer trauernden Gemeinde zu heilen. Die waren entstanden, als 2009 die erst 1971 eingeweihte St. Paulus-Kirche im Stadtteil Niersenbruch abgerissen werden musste – wenige Monate, bevor er seine Stelle antrat. "Danach ging es darum, dass die Gemeinde wieder den Frieden findet", erinnert sich Rieger. Heute weist nur noch der Kirchturm auf das frühere Gotteshaus hin. Drumherum entstand ein modernes Wohnquartier, in dem auch eine Tagespflege der Caritas für alte Menschen angesiedelt ist.

Wegen der sinkenden Gläubigenzahlen musste Rieger später aber auch selbst Einschnitte vornehmen. Unter seiner Leitung funktionierte die Pfarrei die Barbara-Kirche zum Kolumbarium um und machte aus der Marien-Kirche ein Kita. Gerade letzteres Projekt war so ungewöhnlich wie erfolgreich. "Das ist jetzt eine der schönsten Kitas im ganzen Bistum, die mehrfach ausgezeichnet wurde", sagt Rieger. Dennoch, drei profanierte Kirchengebäude in sechs Jahren, das ist schon eine Menge für eine einzige Pfarrei: "Da muss man behutsam vorgehen, die Leute mitnehmen, damit sie auch verstehen, warum dieser Schritt jetzt nötig ist."   

Im Washington hofft Rieger nun, weniger organisieren zu müssen und dafür noch mehr den Geruch der Herde annehmen zu können. Da will er mitten hinein -  und freut sich vor allem auf die scheinbar profanen Dinge: Kommunion- und Firmkatechese, sonntägliche Treffen nach dem Gottesdienst. Nach seiner Ankunft will er die Pfarrgemeinderatsmitglieder zu Hause besuchen und sich auch für alle anderen als Gesprächspartner anbieten. Außerdem möchte er eine "Messdienerschar" aufbauen, die derzeit auf einen kleinen Rest zusammengeschrumpft ist. Ein Traum wäre es, mit dem Washingtoner Nachwuchs 2019 zum Weltjugendtag nach Panama zu fahren und dort die Jugendlichen aus der alten Heimat in Deutschland wieder zu treffen.

Ich merke, dass Großpfarreien nicht die beste Lösung sind. Von den riesigen Strukturen sind viele einfach überfordert.

Zitat: Karl Josef Rieger

Die Jugendarbeit ist Riegers Steckenpferd. "Die jungen Leute halten einen jung. Das fängt schon damit an, was sie reden, wie sie reden", sagt er. Um innerlich nicht zu rasten und zu rosten, hilft dem Pfarrer aber auch sein Glaube. "Wer glaubt, wird nicht alt", so wandelt er spontan einen Satz ab, der eigentlich von Benedikt XIV. stammt: "Wer glaubt, ist nie allein." Wer an die Auferstehung glaube, sei immer irgendwie erwartungsfroh und zuversichtlich – und in diesem Sinn auch jung, findet Rieger.

"Möchte kein Gewohnheitstier werden"

Zumindest für ihn scheint das zu stimmen. Jedenfalls wird er von den meisten deutlich jünger geschätzt als er ist. Der innere Wunsch nach dem Mobilbleiben ist auch ein Grund, warum Rieger mit 57 jetzt nochmal ganz neu anfängt. "Ich möchte nicht so ein Gewohnheitstier werden, nach dem Motto: Das haben wir schon immer so gemacht, das machen wir jetzt wieder so", sagt er. Und noch etwas anderes ist ihm wichtig: zur richtigen Zeit den Absprung zu finden. Wenn schon von außen Anfragen kommen, wann man denn gehen will, dann ist es seiner Ansicht nach schon zu spät. Na also, dann viel Glück in Amerika. Und viele Grüße an die drei Damen aus dem südlichen Münsterland.

Von Gabriele Höfling