Blick in den Umweltenzyklika von Papst Franziskus
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Die internationalen Reaktionen auf die Umweltenzyklika des Papstes sind positiv

Ein Kompass für den Klimaschutz

"Epochal" sei das Papier und es komme genau zum richtigen Zeitpunkt: Nicht nur der deutsche Kardinal Reinhard Marx lobt die Umweltenzyklika des Papstes. Eine der wenigen kritischen Stimmen kommt aus den USA.

Bonn - 18.06.2015

Für den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, kommt die Enzyklika "zum richtigen Zeitpunkt". Am Beginn des 21. Jahrhunderts müsse die Menschheit umsteuern. Die bevorstehenden internationalen Gipfel seien zum Handeln aufgefordert. "Papst Franziskus gibt der Staatengemeinschaft ein starkes Signal für die Verhandlungen. Und er bietet die Kirche als Partner in diesen Prozessen an", so der Erzbischof von München-Freising. Er betonte, es sei neu, dass ein Papst "sehr bewusst Wirkung in die Weltpolitik hinein entfalten will".

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Kardinal Marx spricht auf dem vierten Forum des Dialogprozesses in Magdeburg.

Mit seinem Text wende sich der Papst an jeden einzelnen Menschen: "Deshalb fordere ich alle auf, sich mit der Enzyklika zu befassen, die viel mehr ist als irgendein kirchlicher Text, sondern die Wegweisungen geben kann für alle Menschen guten Willens".

Der katholische Umweltbischof Bernd Uhl sieht in der neuen Enzyklika von Papst Franziskus die Anregung zu einem schnelleren Ende des Braunkohleabbaus in Deutschland. Das Lehrschreiben sei ein "Impuls" für deutsche Politiker, darüber nachzudenken, ob die Nutzung der Braunkohle "eine Lösung für die Zukunft" sei, sagte Uhl am Donnerstagabend in Berlin.

Glück: Franziskus spricht Klartext

Nach den Worten von Alois Glück zeugt das Schreiben von Franziskus auch von dessen persönlichem Stil. "Papst Franziskus spricht erneut Klartext. Er erwartet von uns ein radikales Umlenken in unserer Art zu leben und zu wirtschaften", so der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. "Absolut eindeutig" formuliere das Oberhaupt der katholischen Kirche seine Botschaft, die Glück so zusammenfasst: "Es reicht nicht mehr, das Gemeinwohlprinzip nur für unser eigenes Leben zu bedenken, es geht um den Maßstab des Weltgemeinwohls. Der Mensch und seine Umwelt müssen dabei als eine untrennbare Schicksalsgemeinschaft gesehen werden."

Auch  katholische Hilfswerke würdigten den Text. Adveniat-Hauptgeschäftsführer Prälat Bernd Klaschka zeigte sich begeistert: Die Enzyklika "wird – da bin ich mir schon jetzt sicher – Geschichte schreiben".  Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel sieht den Text als Motivation für die Arbeit seines Hilfswerks. "Die Kernbotschaft der Enzyklika, dass Umwelt- und Armutsfragen nicht voneinander zu trennen sind, tragen wir in Gemeinden, in die Parlamente der Länder des Südens, und in unsere Parlamente", versprach er.

"Konservative Kreise überzeugen"

Ebenso lobte auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, die Öko-Enzyklika. "Dem Text aus Rom wünsche ich von Herzen eine breite internationale Aufmerksamkeit", sagte Bedford-Strohm.

Auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hofft, dass das Lehrschreiben eine Wirkung über die katholische Kirche hinaus entfaltet. Sie wünsche sich, dass die Argumente des Papstes insbesondere jene "konservativen Kreise" überzeugten, "die die enorme Brisanz des Klimawandels kleinreden wollen", so die Ministerin, die auch Mitglied im ZdK ist.

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) bezeichnete die Umweltenzyklika von Papst Franziskus als wegweisend. "Für die noch in diesem Jahr anstehenden Entscheidungen über einen Weltzukunftsvertrag und ein Klimaabkommen der Weltgemeinschaft müssen uns die Ausführungen von Papst Franziskus nicht nur Mahnung, sondern auch eine Verpflichtung zum Handeln sein".

"Epochales" Papier

Als "epochal" wertete der Münchner Wirtschaftsethiker Johannes Wallacher das neue Lehrschreiben. Franziskus habe "einen ethischen Kompass" für eine nachhaltige Entwicklungsagenda vorgelegt, sagte Wallacher der Katholischen Nachrichten-Agentur. Die Papst-Botschaft sei auch ein wichtiger Impuls für ein Klimaschutzabkommen. "Wenn die Spitze der katholischen Kirche sagt, jede Form der Leugnung des Klimawandels ist eine Verschleierung von Macht- und Partikularinteressen, dann ist das eine sehr kraftvolle Botschaft."  

Auch auf internationaler Ebene stößt die Enzyklika auf Interesse. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat die Öko-Enzyklika von Papst Franziskus begrüßt. Die Menschheit habe die Pflicht, sich um den Planeten Erde zu kümmern. Er rief alle Regierungen der Welt auf, das Wohl der Erde über nationale Interessen zu stellen und beim Klimagipfel in Paris in diesem Jahr ein ehrgeiziges Abkommen zu verabschieden.

Der brasilianische Amazonas-Bischof, Erwin Kräutler, hat an dem Schreiben mitgearbeitet. "Diese Enzyklika kann man nicht einfach lesen, abhaken, beiseite legen und unverrichteter Dinge zur Tagesordnung übergehen", ist Kräutler überzeugt. Mit der Enzyklika treffe Franziskus einen "Lebensnerv".

Für den Befreiungstheologen Leonardo Boff (76) spiegelt das Schreiben die argentinische Herkunft Franziskus‘ wider. "Bei der aktuellen Bestandsaufnahme schreibt der Papst einen Satz, der an eine in Lateinamerika verbreitete Reflexion erinnert: Eine echte ökologische Abhandlung ist immer auch eine Sozialanalyse", so Boff in einem Gastkommentar für die "tageszeitung" von Donnerstag. Trotz der deutlichen Kritik am aktuellen Lebensstil sei die Enzyklika jedoch von einem positiven Grundton geleitet. "Der Text ist von Leichtigkeit, Poesie und Freude im Geist der Hoffnung getragen", lautet Boffs Fazit.

Jeb Bush braucht die Ratschläge des Papstes nicht

Dass die Töne aus den USA, noch dazu von einem konservativen Politiker der republikanischen Partei, etwas kritischer ausfallen würden, war zu erwarten. So sparte sich US-Präsidentschaftsanwärter Jeb Bush die Lektüre des Textes und gab schon am Mittwoch bekannt, er brauche die Ratschläge von Franziskus nicht: "Ich beziehe meine Wirtschaftspolitik weder von meinen Bischöfen noch von meinen Kardinälen noch von meinem Papst", so zitiert die "Huffington Post" den Politiker, der in den 70er Jahren zum Katholizismus übergetreten war.

Die us-amerikanischen Bischöfe sehen das Papier differenzierter: Sie heben vor allem den Appell des Papstes zu einem schonenden Umgang mit Ressourcen hervor. Das Lehrschreiben "Laudato si" verlange von der Kirche Anwaltschaft, Bildungsengagement und konkrete Schritte für den Umweltschutz, so der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Joseph Kurtz. (gho/KNA/dpa)

19.06.2015, 09.30 Uhr: ergänzt um Statement von Weihbischof Uhl

Enzyklika "Laudato si"

Heute wurde die erste eigene Enzyklika von Papst Franziskus unter dem Titel "Laudato si" veröffentlicht. Sie beschäftigt sich vorrangig mit ökologischen Fragen. Katholisch.de hat alles Wichtige rund um das Schreiben für Sie zusammengestellt.

Linktipp: Ein "Ohrwurm für die Menschheit"

Die am Donnerstag veröffentlichte Enzyklika "Laudato si" hat international ein großes Echo hervorgerufen. Bei den deutschen Bischöfen stößt das Schreiben auf viel Lob. Katholisch.de zeigt die Reaktionen der Oberhirten im Überblick.