Ein letztes Mal quer durch den Petersdom: Adieu, Kabinchen!
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Kolumne: Römische Notizen

Ein letztes Mal quer durch den Petersdom: Adieu, Kabinchen!

Gudrun Sailer blutet das Herz: Radio Vatikan baut für seine Live-Übertragungen neue Sprecherkabinen. Dabei waren die alten so genial. Sie lagen im Petersdom, und der Weg dorthin war voll Staunen. Unsere Kolumnistin schreitet die Fluchten herrschaftlich leerer Säle im Papstpalast ein letztes Mal ab.

Von Gudrun Sailer |  Rom - 03.06.2019

Gudrun Sailers Kolumne Römische Notizen (Bildquelle: Fotolia.com/Delphotostock/BillionPhotos.com)

Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf dem Petersplatz und schauen frontal auf die Basilika. Das Mittelgeschoss bietet der Breite nach neun große Fenster auf. Hinter dem ersten, ganz linken, liegen die Übertragungskabinen von Radio Vatikan. Das schicke ich entschuldigend voraus, um zu erklären, dass wir unseren Spaziergang nicht ganz so rasch durchkriegen. Um nämlich links auf halber Höhe anzukommen, muss man rechts unten einsteigen, wahlweise auch hinten unten, dann mäandernd treppauf durch den Apostolischen Palast und schließlich quer durch den Petersdom ziehen.

Der Aufstieg in die Höhen der Live-Übertragung beginnt entweder am Bronze- oder am Annentor, jedenfalls: mit Schweizergardisten. Das Bronzetor liegt am Petersplatz, leicht erhöht am Ansatz der rechten Kolonnade, und ist der repräsentative Diensteingang in den Papstpalast. Ständig halten hier Touristen auf dem Weg zum Petersdom inne und heben das Handy. Was sie anfixt? Natürlich die Uniform: Ein junger Gardist steht stramm mit Hellebarde. Er darf uns nicht zurückgrüßen (erst ab Monsignore aufwärts werden die Hacken zusammengeschlagen). Ein anderer, älterer, sitzt am Schreibtisch und lotst uns freundlich weiter. Die Reiterstatue zur Rechten zeigt Kaiser Konstantin auf dem Weg zu der Schlacht, die den Aufstieg des Christentums in Europa besiegeln wird; wir gehen hier zwar nur zur Live-Übertragung einer Papstmesse, nehmen den hier so eindrucksvoll inszenierten Auftrag aber trotzdem demütig entgegen.

Auf der königlichen Treppe

Die Statue hat Bernini geschaffen, ebenso wie die große Treppe, die "Scala Regia", die uns jetzt zwischen Petersdom und Papstpalast nach oben führt und ganz großes Barocktheater ist: Säulen tragen ein prachtvolles Tonnengewölbe, und weil sie nach oben zu immer kleiner werden und immer dichter stehen, verlängern sie die Treppe optisch himmelan. Gern lässt sich das Auge täuschen, unbestechlicher ist der Raumsinn: Die "Scala Regia", das fällt mir jedes Mal auf, nimmt Tempo heraus. Ihre Stufen sind tatsächlich auf königliches Schreiten angelegt und nicht auf journalistisches Galoppieren.

Oben angelangt, klopft man an eine mächtige Holztür, die filmreif ein weiterer Schweizer von innen entriegelt und öffnet. Vor uns tut sich die leere "Sala Regia" auf. In diesem prachtvollen Thronsaal empfingen die Päpste früher Könige nebst Gefolge. Die Fresken rühmen die Macht der Hausherren, damit kein Gast auf falsche Gedanken käme. Nun halten wir kurz inne und warten gewissermaßen virtuell, bis wir auf dem anderen Weg, via Annentor, hier eintreffen.

Das Gebäude mit Sendemast von Radio Vatikan.

Das Gebäude und der Sendemast von Radio Vatikan.

Das Annentor (Schweizergardist, Ausweis) öffnet sich zum Geschäftsviertel der Vatikanstadt. Links lassen wir den gedrungenen Turm liegen, in dem die Vatikanbank IOR sitzt, rechts passieren wir die Post, gerade hinauf bringt uns die Straße in den Belvederehof, in dem Renaissance-Päpste gerne Turniere veranstalteten, heute aber, wie langweilig, bloß Autos parken.

Hier liegt der Hintereingang zum vatikanischen Staatssekretariat: Schweizergardist, Ausweis, toller alter Aufzug mit poliertem Holz und Chromgeblinke. Wenn ich allein unterwegs bin, irre ich mich oft im Stockwerk, immer noch. Dann lande ich auf der Ebene der (leerstehenden) Papstwohnung, sehe weder einen Schweizer noch überhaupt eine Menschenseele und weiß, dass ich mein Glück eins drunter versuchen muss. Bin ich richtig, dann trete ich auf den spiegelblanksten Marmorboden meines Lebens und gehe – unter den Augen des Schweizers – durch eine sonnenhelle, über und über mit Fresken geschmückte Loggia, ehe ich rechts in den menschenleeren Herzogsaal abbiege. Hier hängt über dem Durchgang zum nächsten Saal ein origineller Raumtrenner, ein Vorhang aus Stuck, den vier riesige Putten in die Höhe raffen. Schon wieder Bernini! Hinter den Türen links wohnt die kleine Gemeinschaft der Ordensmänner, die dem Papst als Sakristane dienen. Wie sich das Leben wohl anfühlt inmitten dieser hohen, steinernen, stillen und leeren Säle? Vatikanisches Geheimnis.

Gudrun Sailer ist Journalistin in Rom und Redakteurin bei "Vatican News".

Jetzt stehen wir wieder im Thronsaal mit seinen sieben Türen. Zwei davon führen zu Kapellen: zur Sixtinischen und zur Paulinischen Kapelle. Hinter der Sixtina-Tür tobt, von dieser Seite aus kaum hörbar, das Inferno des Massentourismus; der Kultraum ist weltberühmt als Schauplatz der Papstwahl und – wenn gerade keine stattfindet - überlaufen wie kein zweiter Ort in Rom. Nur wenige Schritte weiter das Gegenstück, die Paulinische Kapelle, unbemannt und fast unbekannt, obwohl sie Michelangelos letzte und vielleicht beste Fresken aufzubieten hat. Wenn der diensthabende Schweizer keiner von der strengen Sorte ist, darf ich hinein und stehe staunend vor dem Bildnis des alten Petrus, der sich kopfüber kreuzigen lässt.

Die richtige Tür ist aber die daneben. Sie führt zur Segnungsaula, ein riesiges, hohes Ambiente hinter der Petersdomfassade. Hier sind sie wieder, die neun Fenster, diesmal von innen. Wobei die Fenster in Wirklichkeit sieben Meter hohe Türen sind. Die Segnungsaula hat rechts Fenster nach innen, in den Petersdom, und links Türen nach außen, auf den Petersplatz. Die Tür in der Mitte führt auf die Segnungsloggia, jenen vielgefilmten Balkon, von dem zu Ostern und Weihnachten die Päpste den Segen Urbi et Orbi spenden, und ist einer frisch gewählt, dann präsentiert er sich hier zum ersten Mal der Stadt und der Welt. Jedes Mal an dieser Stelle vergegenwärtige ich mir dieses Bild: Aus der Sixtina tritt der neue Papst, unterwegs zu seiner ersten Begegnung mit der Welt und den Menschen, denen er dienen wird, und flankiert von Zeremoniären und erschöpften Kardinälen durchmisst er seinen Thronsaal, schreitet die paar Stufen hoch zur Segnungsaula und hält auf die Tür in der Mitte zu, die soeben geöffnet wird...

Sechs Kabinchen aus Sperrholz mit Spannteppich

Das Kabinchen ruft zur Pflicht. Ich eile zum Ende der Aula, eine letzte Tür, ein Filzvorhang, der Welten trennt. Dahinter wird alles unfeierlich: eng, staubig, vorläufig und belebt, das Ambiente besenkammerhaft, hier gestapelte Bretter, dort Gerüststangen und, nanu, ein Beichtstuhl. Es ist unser Arbeitsraum. Tür an Tür sechs Kabinchen aus Sperrholz mit Spannteppich, in jedem ein Pilotenheadset mit Mikrofon und ein Bildschirm, über den die Liveaufnahmen flimmern. Koordinator und Techniker sind zur Stelle. Ton ab, Laudetur Jesus Christus, hier ist Radio Vatikan.

Leben ist Bewegung, das gilt auch für Institutionen. Anfangs schwebten die Kabinen für unsere Mess-Übertragungen im Hauptschiff des Petersdoms, an den Vierungspfeilern hoch über dem Papstaltar. Das war, bevor es im Vatikan Liveaufnahmen gab und man einen direkten Blick auf das Geschehen brauchte. Die Kabinen dann vom Dom in die Loggia auszulagern statt gleich ins Radio, war eine mit vernünftigen Argumenten nicht erklärbare Ortsverfehlung. Wir haben dieses mysteriöse Provisorium sehr genossen, zumal Franziskus den räumlichen mit einem persönlichen Anreiz ergänzte: Er schüttelt als erster Papst nach jedem Urbi et Orbi seinen Radioleuten einzeln die Hand. Beim letzten Mal wars also ein Abschieds-Handshake. Adieu, Kabinchen!

Von Gudrun Sailer

Kolumne "Römische Notizen"

In der Kolumne "Römische Notizen" berichtet die "Vatikan News"-Redakteurin Gudrun Sailer aus ihrem Alltag in Rom und dem Vatikan.