Chilenische Kinder lachen in die Kamera.
Bild: © KNA
Wo der Tag der Unschuldigen Kinder wie der 1. April ist

Ein lustiger Tag mit traurigem Hintergrund

Eigentlich ist es ein trauriger Tag: Denn am 28. Dezember gedenkt die Kirche des grausamen Kindermords durch König Herodes. In der spanischsprachigen Welt wird der Tag jedoch ganz anders begangen.

Von Roland Müller |  Bonn - 28.12.2017

Es ist grotesk: Am 28. Dezember gedenkt die Kirche des grausamen Kindermords durch König Herodes. Aber in der spanischsprachigen Welt ist das Fest der Unschuldigen Kinder ein fröhlicher Tag. Denn in Spanien und Lateinamerika gibt es die Tradition, an diesem Tag in der unmittelbaren Zeit nach Weihnachten Falschmeldungen zu verbreiten und Witze zu machen. Ähnlich wie in Deutschland am 1. April prüfen besonders die Spanier und Mexikaner, ob ihre Mitmenschen auf die Scherze hereinfallen. Der Tag der Unschuldigen, "el Día de los Inocentes", wie er dort verkürzt genannt wird, zeigt, wie naiv – auf Spanisch "inocente" – die Hereingelegten sind. So besteht schon alleine vom Namen her eine Verbindung zwischen den Witzen und dem kirchlichen Fest.

Der eigentliche Ursprung des lustigen Treibens scheint jedoch mit den sogenannten Saturnalien zusammenhängen, die im römischen Reich zu Ehren des Gottes Saturn gefeiert wurden. Dieses heidnische Fest erstreckte sich über mehrere Tage gegen Ende Dezember. Es gab Bankette für das einfache Volk, man machte sich Geschenke und die Standesunterschiede zwischen freien Bürgern und Sklaven wurden zeitweise aufgehoben. So war es etwa üblich, dass die Herren ihre Sklaven bedienten. Die Ordnung der Welt wurde also für einige Tage aufgehoben.

So erklärt sich schließlich auch die Tradition, dass Medien und Gesellschaft am 28. Dezember die Realität ein wenig "verdrehen". Im vergangenen Jahr verkündete etwa Carles Puigdemont, heute entmachteter Präsident der katalanischen Regionalregierung, sein Kabinett aus Barcelona abzuziehen. Es sollte nach Girona, im Osten Kataloniens verlegt werden, um Puigdemonts "Weg zur Arbeit zu verkürzen". Der Politiker wohnte in Girona und war mehrere Jahre zuvor dort Bürgermeister gewesen. Auch die us-amerikanische Fastfood-Kette Burger King machte sich einen Spaß mit ihren Kunden und verkündete, den Firmennamen in Zukunft zu hispanisieren. Die Schnellrestaurants sollten fortan "Burguer King" heißen, um den Spaniern eine korrekte Aussprache zu garantieren.

Doch nicht nur Politiker, Firmen und Medien machen am 28. Dezember Witze. Auch die Kinder wissen den Tag der Unschuldigen für sich zu nutzen. In einigen Städten Spaniens ziehen sie von Haus zu Haus und bitten um Süßigkeiten. Dafür singen sie Weihnachtslieder oder machen mit Lärm auf sich aufmerksam, indem sie Löffel und leere Flaschen gegeneinanderschlagen. Zum klassischen Scherze-Repertoire gehören das Vertauschen von Salz und Zucker und das unbemerkte Anbringen von Schildern auf dem Rücken Erwachsener. Diese Witze heißen nach dem spanischen Namen des Tags "Inocentadas".

Ein weiterer Scherz ist das Verleihen. Unter Freunden testet man aus, wie gut man auf die Witze hereinfällt, indem man sich darum bittet, etwas auszuleihen. Wird einem die gewünschte Sache übergeben, bedenkt man den leichtgläubigen Freund mit einem lustigen Spruch, der sich darum dreht, dass man das geborgte Ding behalten darf. Zu früheren Zeiten wurden noch Karten überreicht, die auf den biblischen König Herodes Bezug nahmen: "Der grausame und unsanfte Herodes aus seinem Grab uns prophezeit, dass der naiv ist, der eine Sache verleiht."

Es gibt jedoch Menschen, denen die lustige Tradition am Fest der Unschuldigen Kinder ein Dorn im Auge ist. So wurde vor vier Jahren eine Online-Petition gestartet, die Papst Franziskus dazu bewegen sollte, dem närrischen Treiben ein Ende zu setzen. Doch die lustigen Traditionen sind weiterhin sehr beliebt: Die Petition hatte nur 25 Unterstützer und wurde inzwischen eingestellt. Wie der Heilige Vater zu den weihnachtlichen Scherzen steht, ist hingegen nicht bekannt. Als Argentinier wird er mit den "Inocentadas" vertraut sein. Doch als Kirchenmann kann davon ausgegangen werden, dass ihm der eigentlich sehr ernste Anlass des kirchlichen Fests wichtiger ist. Dennoch kann niemand Franziskus Biederkeit vorwerfen. Der Pontifex ist bekanntlich oft zu Scherzen aufgelegt.

Von Roland Müller