Klaus Keidel ist Nebenerwerbs-Schäfer auf einem Bauernhof in Gersfeld-Schachen in der Rhön. Nach seiner Schicht bei der Straßenmeisterei geht der Schäfer mit den Hunden zu seiner Rhönschafherde. In der Hand hält er seinen Schäferstab. Schäfer Keidel kniet zwischen den Schafen und beruhigt die Herde.
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Der biblische Beruf des Schäfers erfordert heute viel Herzblut

"Ein Schaf will immer zur Herde"

Es ist am helllichten Tag klirrend kalt. Klaus Keidel kommt von der Nachtschicht zurück. Doch ihm ist jetzt nicht nach behaglich geheizten Räumen und Schlaf zumute - Keidel zieht es zu seinen Tieren. Der Nebenerwerbs-Schäfer aus dem Örtchen Gersfeld-Schachen in der Rhön tauscht den orangefarbenen Overall der Straßenmeisterei gegen wetter- und schmutzfeste Kleidung, Lederhut und Schäferstab, dann zieht er los.

Gersfeld-Schachen - 15.12.2013

Seine beiden Hunde Bora und Jimmy toben ausgelassen um Keidel und dessen Besucher herum. Bordercollies, also echte Hütehunde, sind das. Die Berge ringsum sind weiß gepudert vom Schnee, die Pfützen auf dem Weg zugefroren. Nur ein paar Schritte, dann erreicht die kleine Gruppe die Weide, auf der die Rhönschafherde des Bio-Landwirts zurzeit grast.

"Alle sind zufrieden, alle kauen", sagt Keidel. Frostige Temperaturen allein machen den Rhönschafen kaum etwas aus. Doch fangen bei den herrschenden Minusgraden die Trinkbehälter auf der Weide an zuzufrieren. Der Landwirt erzählt, dass er im nächsten Jahr voraussichtlich Land hinzubekommt. Dazu gehöre auch ein Bachlauf, der im Winter nicht so leicht mit Eis bedeckt sein dürfte.

"Rhönschafe sind für die hiesigen Gegebenheiten optimal", sagt Keidel mit Blick auf das raue Klima in dem "Land der offenen Fernen", wie die Rhön wegen ihrer ausgedehnten Wiesen und Felder mitunter heißt.

"Die Schafe kannst Du auch bei minus 17 Grad draußen lassen", fügt Keidel hinzu, schränkt dann aber ein, dass das Wasser in zweifacher Hinsicht ein Problem sei: Neben der Versorgung mit Trinkwasser fürchten Schafhalter Niederschläge im Winter. Wenn Schnee liegt, nehmen die Hufe der Tiere nämlich leicht Schaden. Deswegen holen viele Hüter ihre Herden in den Stall, wenn Schnee vorhergesagt wird.

Natürliche Landschaftspflege

So macht es auch Julia Djabalameli einige Orte weiter mit ihrer Rhönschafherde. Djabalameli wie Keidel haben ihren Beruf aus Überzeugung gewählt; beide halten neben Rhönschafen auch Ziegen, beide betreiben mit Hilfe der Tiere Landschaftspflege. Denn wenn Schafe und vor allem Ziegen die Pflanzen nicht kurz und klein knabberten, würden die Wiesen in der Rhön bald von Bäumen und Büschen überwuchert. Und das würde den Charakter der UNESCO-geschützten Kulturlandschaft entscheidend verändern.

Djabalameli hat ihre Herden noch nicht so lange wie Keidel, der im nächsten Jahr 20-jähriges Betriebsjubiläum feiern wird. Auch die Zahl der Tiere, die sie hütet, ist geringer. Die studierte Agrarwissenschaftlerin und Mutter eines knapp zweijährigen Sohnes, die selber in einem Arzthaushalt groß wurde, entdeckte ihre Liebe zu Schafen schon in jungen Jahren. In der Nachbarschaft gab es einen Hof, wo sie in ihrer Kindheit oft zu Besuch war. Bereits damals sei ihr klar gewesen, dass sie auch einmal einen Bauernhof haben wolle. "Schafe haben mich schon immer mehr begeistert als Rinder, Schweine und Geflügel", erzählt sie.

Klaus Keidel ist Nebenerwerbs-Schäfer auf einem Bauernhof in Gersfeld-Schachen in der Rhön. Nach seiner Schicht bei der Straßenmeisterei geht der Schäfer mit den Hunden zu seiner Rhönschafherde. In der Hand hält er seinen Schäferstab. Schäfer Keidel kniet zwischen den Schafen und beruhigt die Herde.
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Klaus Keidel ist Nebenerwerbs-Schäfer auf einem Bauernhof in Gersfeld-Schachen in der Rhön. Nach seiner Schicht bei der Straßenmeisterei geht der Schäfer mit den Hunden zu seiner Rhönschafherde.

Keidel hat 1994 mit damals vier Schafen und ebenso vielen Lämmern begonnen. Den Hof hat er mit seiner Familie vom Onkel seiner Frau übernommen. Herzblut erfordere der Beruf - und das bei der ganzen Familie, betont er. Seine Schafe sollten anfangs nur die Weiden am Haus kurz halten. Doch die Zahl der Tiere wuchs und wuchs, sodass Keidel, der das Fleisch seiner Tiere bis ins Rhein-Main-Gebiet vermarktet, heute 200 Rhönschafe und 80 Ziegen sein Eigen nennt. Zum Betriebsjubiläum im kommenden Jahr will er deshalb den Stall erweitern.

Geburt im Winter

In guten Jahren, erzählt er, gebe es viele Zwillingsgeburten bei den Schafen: "Einmal waren es 40 Zwillingspaare - da bin ich nicht mehr aus dem Stall rausgekommen." Los geht es mit den Geburten bei den Rhönschafen im Dezember. Die letzten Lämmer kommen irgendwann im Frühjahr zwischen Februar und April zur Welt - das hänge von der Zahl der Böcke ab, die die Mutterschafe befruchten. Mit nur einem Bock zieht sich das naturgemäß länger hin als mit den zweien männlichen Tieren, die Keidel mittlerweile hat.

Die männlichen Lämmer werden entweder geschlachtet oder im Frühjahr als Gartenschafe verkauft. "Ich verkaufe generell nur zwei oder vier Lämmer", betont Keidel und erläutert den Grund: Allein will kein Schaf sein, "ein Schaf will immer zur Herde zurück". Und die Tiere sollten ja zufrieden sein, solange sie lebten, meint er.

Auf die biblische Weihnachtsgeschichte und die Rolle der Hirten darin angesprochen, reagieren Djabalameli und Keidel ganz unterschiedlich. Während Keidel seinen Berufsstand spontan in der Tradition dieser biblischen Hirten sieht, betont Djabalameli erst einmal: "Ich bin überhaupt nicht gläubig."

"Fürsorge und Verantwortung"

Im Gespräch klingen bei der aus einer katholisch-muslimischen Familie stammenden Schäferin dann aber doch einige biblische Bezüge an, zum Beispiel, dass sie sich "dieser Fürsorge und Verantwortung bewusst" sei, die in der Bibel dargestellt sei. "Und wenn am 24. Dezember ein Lamm zur Welt käme, das wäre schon etwas Besonderes", unterstreicht sie. Wenn Keidel die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium hört, wird ihm bewusst: "Ich mache etwas, was es früher auch schon gab." Tatsächlich ist der Hirten- oder Schäferberuf nach Expertenansicht einer der ältesten der Welt.

Julia Djabalameli mit ihrem zweijährigen Sohn und einem Lämmchen.
Bild: © KNA

Julia Djabalameli mit ihrem zweijährigen Sohn und einem Lämmchen.

Lutz Heipmann, evangelischer Pastor und Hobby-Schäfer aus dem ostwestfälischen Bünde, deutet die Weihnachtsgeschichte so: "Die Krippe und das ganze Umfeld, da passen Hirten gut rein." Denn die Hirten, die damals im Auftrag der reichen Herdenbesitzer Tag und Nacht draußen bei den Tieren waren, standen nach seinen Worten zur Zeit Jesu im "sozialen Gefüge nicht oben, das waren eigentlich arme Leute". Die Offenbarung des Göttlichen sei also "in Armut, nicht in Macht und Herrlichkeit und Pomp" erfolgt.

Einen anderen Aspekt der biblischen Erzählung hebt der katholische Professor für die Exegese des Neuen Testamentes, Marius Reiser, hervor: Bereits das Alte Testament spreche "im Allgemeinen sehr positiv von Hirten. Vor allem aber wird David als Hirte dargestellt, der von seiner Herde weg zum Königtum berufen wird." Da es in der Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums "um die Stadt Davids geht und einen Spross aus dem Haus Davids, spielt das sicher eine Rolle".

Hirte zu sein, ist nach Reisers Worten in Palästina anspruchsvoll: "Da dort viel Wüstenland und wenig Gras ist, muss er wissen, wo gerade gutes Weideland zu finden ist, und seine Herde dorthin führen."

Von Susanne Rochholz (KNA)