Ein Stück Münster in Berlin
An St. Matthias in Berlin predigen nur Pfarrer aus dem Bistum Münster

Ein Stück Münster in Berlin

Die Stadt Berlin gehört zum Erzbistum Berlin. Trotzdem predigen an der Berliner St.-Matthias-Kirche seit 150 Jahren ausschließlich Pfarrer aus dem Bistum Münster. Ein Blick in die Geschichte zeigt, warum.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 01.06.2018

Dass St. Matthias eine besondere Kirche ist, sieht man ihr auf den ersten Blick nicht an. Das Ende des 19. Jahrhunderts im neugotischen Stil errichtete Gotteshaus am Berliner Winterfeldtplatz sieht mit seinem 60 Meter hohen Turm zwar durchaus imposant aus, mit seiner Bauweise ähnelt es aber vielen anderen Kirchen der wilhelminischen Zeit. Und doch sticht St. Matthias hervor – mit einer interessanten personellen Eigenheit. Denn obwohl die Kirche mitten in der Hauptstadt und damit auf dem Gebiet des Erzbistums Berlin liegt, wird die Pfarrstelle an St. Matthias traditionell von einem Pfarrer aus dem rund 400 Kilometer entfernten Bistum Münster besetzt.

Der Grund für diese Besonderheit liegt in der Entstehungsgeschichte des Vorgängerbaus der heutigen Kirche. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es zwischen der St.-Hedwigs-Kirche im Zentrum Berlins – der heutigen Kathedrale des Erzbistums – und der Nachbarstadt Potsdam kein katholisches Gotteshaus. Diesem Zustand wollte der aus dem Bistum Münster stammende preußische Beamte Matthias Aulike nicht tatenlos zusehen. Um der steigenden Zahl der Katholiken in der weitgehend evangelisch geprägten Stadt Rechnung zu tragen, stiftete der im preußischen Kultusministerium tätige Ministerialdirektor 20.000 Taler für den Bau einer neuen katholischen Kirche.

Matthias Aulike war der Stifter der ersten St.-Matthias-Kirche in Berlin.

Mit dem Geld erwarb der Kirchenvorstand von St. Hedwig ein Grundstück in der Potsdamer Straße und errichtete dort in den Jahren 1867/1868 eine kleine Kirche, die nach dem Namenspatron ihres Stifters St. Matthias genannt wurde. Außerdem erfüllte die Gemeinde einen besonderen Wunsch Aulikes: Der hatte bei der Stiftung darum gebeten, die Pfarrstelle an der neuen Kirche immer mit einem Pfarrer aus dem Bistum Münster zu besetzen. Und weil es keinen Grund gab, diesem Wunsch irgendwann nicht mehr zu entsprechen, stammen die Pfarrer an St. Matthias bis heute aus dem westfälischen Heimatbistum des Stifters; derzeit leitet mit Josef Wieneke ein gebürtiger Dülmener die Pfarrei.

Den 150. Jahrestag dieser besonderen Tradition feiert St. Matthias an diesem Sonntag um 10 Uhr mit einem Festhochamt in der alten Kirche an der Potsdamer Straße. Predigen wird – passend zum Anlass – Münsters Bischof Felix Genn, anschließend wird die Gemeinde in einer Fronleichnamsprozession zur heutigen St.-Matthias-Kirche am Winterfeldtplatz ziehen.

Rasantes Katholiken-Wachstum Ende des 19. Jahrhunderts

Dass das von Aulike gestiftete Kirchengebäude heute nicht mehr Heimat der Matthias-Gemeinde ist, hat mit dem rasanten Wachstum der Katholikenzahl im Berlin des späten 19. Jahrhunderts zu tun. Innerhalb von nur rund 20 Jahren stieg allein die Zahl der Gemeindemitglieder in St. Matthias von ursprünglich 800 auf mehr als 10.000 an. Nachdem die Kirche an der Potsdamer Straße 1881/1882 zunächst noch erweitert werden konnte, musste Anfang der 1890er-Jahre schließlich ein Neubau her.

Dieser sollte eigentlich auf dem Wittenbergplatz – in der Nähe des heutigen "Kaufhaus des Westens" – errichtet werden. Der anvisierte Standort lag jedoch in Sichtweite des Breitscheidplatzes, auf dem damals gerade die evangelische Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche erbaut wurde. Der Magistrat von Charlottenburg verweigerte deshalb seine Zustimmung für den St.-Matthias-Neubau. Stattdessen wurde von der Gemeinde 1892 das heutige Grundstück auf dem Winterfeldtplatz gekauft.

Die Berliner St.-Matthias-Kirche steht am Winterfeldtplatz im Stadtteil Schöneberg.

Der Bau der neuen Kirche dauerte von 1893 bis 1895. Fast genau zwei Jahre nach der Grundsteinlegung konnte das nach Plänen des Baumeisters Engelbert Seibertz aus roten Ziegeln und Sandstein errichtete Gotteshaus am 24. Oktober 1895 vom Breslauer Fürstbischof Kardinal Georg von Kopp geweiht werden. Danach folgten jedoch noch weitere Arbeiten: So wurden erst im Jahr 1902 die neuen Glocken geweiht und 1914 konnte erstmals die neue Orgel in der Kirche erklingen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gotteshaus dann stark zerstört. Die Inneneinrichtung fiel zusammen mit den Fenstern, den Gewölben und Teilen des Mauerwerks den Bomben der Alliierten zum Opfer. Der Wiederaufbau in vereinfachter Form erfolgte bis 1952 durch Diözesanbaumeister Felix Hinssen. Die auffälligste Vereinfachung war der Verzicht auf den Turmhelm – deshalb ist der heutige Turm 33 Meter kleiner als sein Vorgänger. Auch das Dach des Kirchenschiffs wurde flacher und in reduzierter Form wiederhergestellt. Die Chorfenster wurden zunächst vermauert, 1989 jedoch im Zuge einer grundlegenden Modernisierung der Kirche wieder geöffnet.

Der "Löwe von Münster" und der "Dickkopf vom Winterfeldtplatz"

Der bekannteste münstersche Pfarrer, der in den vergangenen 150 Jahren an St. Matthias tätig war, ist sicher Clemens August Graf von Galen. Der spätere Kardinal und Bischof von Münster wirkte von 1906 bis 1911 als Kaplan und von 1919 bis 1929 als Pfarrer in der Gemeinde am Winterfeldtplatz. An den "Löwen von Münster", wie Galen später wegen seines Einsatzes gegen den Nationalsozialismus genannt wurde, erinnert heute eine Gedenktafel neben dem Haupteingang der Kirche.

Bekanntheit erlangte aber auch Galens Nachfolger Albert Coppenrath. Der aus dem westfälischen Oelde stammende Pfarrer wurde während der NS-Zeit wegen kritischer Äußerungen und Predigten gegen das Regime auch "Dickkopf vom Winterfeldtplatz" genannt. Mehrfach wurde Coppenrath von den NS-Behörden wegen "Kanzelmissbrauchs" verhört und verhaftet, bevor am 21. Februar 1941 vom Reichssicherheitshauptamt ein Aufenthaltsverbot für den Bereich des Bistums Berlin gegen ihn erlassen wurde. Die Tradition der münsterschen Pfarrer in Berlin ging trotzdem weiter.

Von Steffen Zimmermann

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