Eine Frau zwischen Jubel und Ablehnung
Die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann geht in den Ruhestand

Eine Frau zwischen Jubel und Ablehnung

Erst der steile Aufstieg, dann der tiefe Fall und später die Rehabilitierung: Margot Käßmanns kirchliche Karriere glich einer Achterbahnfahrt. Jetzt geht die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende in den Ruhestand.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 30.06.2018

An dieser Frau scheiden sich die Geister. Die einen jubeln ihr bei Kirchentagen und Lesungen in großer Zahl zu, die anderen winken schon ab, wenn sie nur ihren Namen hören: Margot Käßmann. Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Botschafterin des Reformationsjubiläums polarisiert noch immer. An diesem Samstag wird die zierliche Frau mit dem markanten Kurzhaarschnitt mit einem Gottesdienst in der Hannoveraner Marktkirche in den Ruhestand verabschiedet.

Käßmann wird am 3. Juni 1958 als Tochter einer Krankenschwester und eines Kraftfahrzeugmechanikers in Marburg geboren. Nach dem Abitur studiert sie von 1977 bis 1983 Evangelische Theologie in Tübingen, Edinburgh, Göttingen und in ihrer hessischen Heimatstadt. Noch während des Studiums heiratet Margot Schulze, wie sie damals noch heißt, ihren Studienfreund Eckhard Käßmann, mit dem sie vier Töchter bekommt und mit dem sie sich sieben Jahre lang eine Pfarrstelle im nordhessischen Frielendorf teilt. Noch während dieser Zeit wird Käßmann 1989 an der Universität Bochum mit einer Arbeit zum Thema "Armut und Reichtum als Anfrage an die Kirche" promoviert.

Eine steile kirchliche Karriere bis an die Spitze der EKD

Kurz danach startet Käßmann eine steile kirchliche Karriere, durch die sie schließlich auch bundesweit bekannt wird. Als erste Frau wird sie 1994 Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags; in dieser Funktion organisiert sie zwischen 1995 und 1999 die Treffen in Hamburg, Leipzig und Stuttgart. Das Amt erweist sich als Sprungbrett, denn 1999 wird die damals 41-Jährige zur Bischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers – der größten Landeskirche in der EKD – gewählt.

Linktipp: Typisch katholisch, typisch evangelisch

Die Ökumene wird immer besser, Katholiken und Protestanten rücken näher zusammen - aber im Alltag gibt es immer wieder auch überraschende Unterschiede, die sich trotz aller Annäherung erhalten haben. (Artikel von Februar 2017)

Schnell avanciert Käßmann in ihrem neuen Amt zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten des deutschen Protestantismus. Sie wolle eine fröhliche, lebensnahe Kirche, "die sich auch einmischt in die Fragen dieser Zeit", sagt sie einmal – und tut das als Bischöfin vor allem zu gesellschaftspolitischen Themen immer wieder. Dabei hilft ihr ein gewisser Hang zur medialen Selbstdarstellung: Auch schwere persönliche Krisen wie eine Krebserkrankung oder die Scheidung ihrer Ehe versteckt sie nicht vor der Öffentlichkeit. Das bringt ihr bei vielen Gläubigen – aber auch bei Menschen außerhalb der Kirche – Glaubwürdigkeit und Respekt ein; 2006 wird sie von einer Zeitschrift zur "Frau des Jahres" gewählt.

2009 folgt schließlich der nächste Karriereschritt. Am 28. Oktober wird Käßmann als Nachfolgerin von Wolfgang Huber zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt; auch in diesem Amt ist sie die erste Frau. Bereits wenige Wochen später setzt sie ein erstes Ausrufezeichen: Am Neujahrstag 2010 predigt Käßmann in der Dresdner Frauenkirche, hängen bleibt danach vor allem ein Satz: "Nichts ist gut in Afghanistan". Ihre Kritik am Bundeswehr-Einsatz in dem Land entfacht eine breite Debatte und erfährt vor allem in der Politik viel Ablehnung.

Die Predigt in Dresden hätte der Auftakt für eine vielbeachtete Amtszeit an der EKD-Spitze werden können. Doch nur wenige Wochen später folgt der tiefe Fall: Am 20. Februar wird Käßmann in Hannover nach dem Überfahren einer roten Ampel in ihrem Dienstwagen von der Polizei gestoppt, sie hat 1,54 Promille Alkohol im Blut. Um ihre Glaubwürdigkeit und den eigenen moralischen Anspruch zu wahren, tritt sie vier Tage später als Ratsvorsitzende und Bischöfin zurück. Ihr Herz sage ihr, dass sie nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben könne, erklärt sie bei einer Pressekonferenz. Der Rücktritt bringt ihr erneut viel Respekt ein, bald ist von der "Bischöfin der Herzen" die Rede.

Bild: © KNA

Im ökumenischen Dialog mit der katholischen Kirche agierte Margot Käßmann mitunter unglücklich.

Es folgen eine Auszeit in den USA und eine kurze Gastprofessur in Bochum, ehe Käßmann 2011 von der EKD zur Botschafterin für das Reformationsjubiläum im Jahr 2017 ernannt wird. In dieser Funktion tritt sie schließlich wieder vermehrt öffentlich in Erscheinung. 2016 wird sie vom damaligen SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel sogar als Bundespräsidentin ins Gespräch gebracht, die Kandidatur für das höchste Staatsamt lehnt sie jedoch ab. Viel Gehör findet sie bis heute trotzdem, vor allem als Autorin dutzender populär-theologischer Bücher.

Unglückliche Wortmeldungen zur katholischen Kirche

Käßmanns Wortmeldungen zur katholischen Kirche waren in der Vergangenheit nicht immer glücklich. Die Art und Weise, wie sie Papst Benedikt XVI. (2005-2013) fehlende Fortschritte in der Ökumene vorwarf, haben viele Katholiken ihr nicht verziehen. Und auch ihre Äußerungen zu Papst Franziskus ("Noch sehe ich nicht, dass sich durch diesen Papst in der katholischen Kirche wirklich Grundstürzendes verändert") stießen vor wenigen Wochen manchen katholischen Gläubigen sauer auf.

Nun, wenige Wochen nach ihrem 60. Geburtstag, geht Käßmann vorzeitig in Pension. Mehr Ruhe zum Lesen und Schreiben erhofft sie sich vom Ruhestand, wie sie vor Monaten sagte, und vor allem mehr Zeit für ihre Enkelkinder. Doch so ganz wird sie wohl trotzdem nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden. Ihre Fans würde das sicher freuen – ihre Kritiker wohl weniger.

Von Steffen Zimmermann