FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß.
Der Theologe Wolfgang Ockenfels zur Aufregung um den Fall Hoeneß

Es geht um die Wurst

Im Fall Uli Hoeneß plädiere ich für etwas mehr Fairness, vielleicht sogar Barmherzigkeit. Für einen nämlich, den man kürzlich noch als Fußballgott verehrt, als Fußballvereinsmanager gepriesen und als Wurstfabrikanten bewundert hat. Wem der Fußball sowieso Wurst ist – abgesehen von der Simulierung nationaler Ehre – dem darf das Schicksal eines begnadeten Spielers nicht gleichgültig sein.

Bonn - 23.04.2013

Was mich aber am Phänomen Hoeneß vor allem stört, ist die Verwurstung, diese unheimliche Vermengung von Spiel, Geschäft und Politik. Und nicht so sehr die Frage einer Steuerschuld, die nun seine früheren Anhänger, die sich wohl alle als steuerpolitische Unschuldslämmer fühlen, in Rage bringt. Auch wenn die angestachelte Empörungsbereitschaft so etwas wie Sachlichkeit oder gar Mitleid nicht zulässt, darf man doch wohl noch fragen: Wie konnte einer so tief fallen, daß nun alle über ihn herfallen? Haben nicht gerade jene Medien und Stammtische, die den Uli Hoeneß als leuchtendes Vorbild emporhoben, ihn nun zum Abschuss freigegeben?

Der Dominikaner und Theologe Wolfgang Ockenfels.
Bild: © KNA

Der Dominikaner und Theologe Wolfgang Ockenfels.

Taugt ein Geschäftemacher und Möchtegernpolitiker als Vorbild?

Schon die quasireligiöse Aufladung der Fußballvereinsmeierei mit unerfüllbaren Heilserwartungen lädt dazu eine, jene Götter zu stürzen, die man vorher selber geschaffen hat. Warum soll ausgerechnet ein Fußballer, ein Geschäftemacher und Möchtegernpolitiker ein auserlesenes Vorbild für die aufstrebende Jugend sein? Solche Leute, so untadelig normal sie sich auch betragen, sind kein Ersatz für uneigennützige Heilige. Herr Hoeneß ist eher Abbild, vielleicht auch Abziehbild, aber keineswegs Vorbild einer verwirrten Gesellschaft, die freilich immer auf der Suche nach verbindlichen Orientierungen ist. Da möge man sich doch bitte an Mutter Teresa oder auch an Mahatma Gandhi halten.

Die aber haben vermutlich keine unmittelbaren Geschäftsbeziehungen zu Adidas, zu Nürnberger Würstchen, zu politischen Parteien oder zu Schweizer Banken unterhalten. Wahrscheinlich hatten sie bei ihren gemeinnützigen Aktivitäten auch nichts zu versteuern. Darin liegt schon ein gewaltiger Unterschied zu Uli Hoeneß, der aber auch nie behauptet hat, die männliche Wiedergeburt von Mutter Teresa zu sein. Vielmehr hat er durch Selbstanzeige auf seine Zweifel aufmerksam gemacht, ob er seiner Steuerpflicht gegenüber den deutschen Behörden gerecht geworden sei. Eine eigentlich noble Handlung, oder? Hoeneß hätte ja auch von den Bahamas aus seine deutschen Würste weltweit verbreiten können.

Den Vorbildcharakter muss er sich abschminken

Was ihn mit Bayern, ja mit Deutschland verbindet, ist wohl immer noch der Fußball. Eine ebenso mystische wie geschäftsmäßige Verbindung, sentimental ohnehin. Den Vorbildcharakter wird er sich wohl abschminken müssen. Auch wirken einige Prestigemanifestationen reichlich überzogen. Ein wenig Demut wäre angebracht.

Aber wer hat jemals freudig und freiwillig seine Steuern bezahlt? Auch in Zeiten, als es nur um den Zehnten ging, hielt sich die Lust der Steuerzahler in Grenzen. Klassisch zu nennen ist die Einschärfung Jesu: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist." Aber was steht dem Staat, was der Religion zu - und was bleibt für den steuerzahlenden Bürger noch übrig? Darauf weiß die Bibel leider auch keine Antwort.

"Du sollst nicht stehlen!" gilt auch für den Staat

Der Katechismus der Kirche hat die Steuerhinterziehung als Sünde bezeichnet, wenn auch nur als "lässliche", nicht als Todsünde. Sie verstoße gegen das Siebte Gebot. Dass aber das Gebot "Du sollst nicht stehlen!" auch für den Staat gilt und ihn gegenüber seinen Bürgern zur Zurückhaltung verpflichtet, daran haben die Kirchen kaum gedacht. Nicht wenige Bürger haben das Gefühl, unter die Räuber gefallen zu sein.

Einträglicher wäre es, die Steuerhinterziehung bei den Schwarzarbeitern zu unterbinden, die den Staat um jährlich über 300 Milliarden Euro prellen.

Zitat: Wolfgang Ockenfels

Bei notorisch prekären Haushaltslagen und vor riesigen Schuldenbergen suchen Politiker vor allem nach Möglichkeiten, Finanzlöcher zu stopfen. Dies gelingt freilich nicht, indem man die klassenkämpferische Jagd auf "die da oben" eröffnet. Einträglicher wäre es, die Steuerhinterziehung bei den Schwarzarbeitern zu unterbinden, die den Staat um jährlich über 300 Milliarden Euro prellen.

Statt jedoch einzelne Steuersündenböcke an den Pranger zu stellen, sollten Juristen und Politiker der Frage nachgehen: Wie gerecht, langfristig funktionsfähig und wirtschaftlich tragfähig hat ein Steuersystem zu sein, um allgemeine Beachtung zu finden? Freilich ist eine "große" Steuerreform, die diesen Namen verdient, in weite Ferne gerückt. Und ein "Professor aus Heidelberg" namens Paul Kirchhof, der sie forderte, wurde politisch kaltgestellt.

Mit seiner Steuerpolitik versucht der Staat, nicht nur seine notwendigen Ausgaben zu decken, sondern ehrgeizig die Gesellschaft zu steuern. Dabei scheint er nicht zu merken, wie sehr er von der Gesellschaft gesteuert wird. Aber mit ihren nimmersatten Ansprüchen an den "Vater Staat" fördern Interessenverbände und Wählergruppen eine Verstaatlichung der Gesellschaft. Und damit ihre eigene Enteignung und Entmündigung. Auch darüber wird man im "Fall Hoeneß" diskutieren müssen.

Von Wolfgang Ockenfels

Zur Person

Der Dominikaner Wolfgang Ockenfels ist Inhaber des Lehrstuhls für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Trier. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Politische Ethik und Theologie, Katholische Soziallehre und Sozialethik.