Ein Kämpfer auf den Straßen der christlichen Stadt Maalula in Syrien.
Auch nach vier Jahren Bürgerkrieg kehrt in Syrien keine Ruhe ein

"Es wird nach wie vor gekämpft"

Irak, Ukraine, Gaza - aktuell gibt es eine Vielzahl an Krisenherden in Europa und dem Nahen Osten. Immer mehr aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit gerät jedoch ein anderes Schlachtfeld: Syrien . Hier soll es in den vergangenen Tagen erneut rund 1.500 Tote gegeben haben. Der blutige Konflikt, der dort seit 2011 tobt, hat laut Caritas International "die größte humanitäre Katastrophe der vergangenen zehn Jahre" verursacht. Und Besserung ist nicht in Sicht.

Bonn - 01.08.2014

"Ich verstehe es, wenn sich die Menschen in Deutschland vor dem schützen wollen, was da in Syrien passiert", sagt Vera Jeschke, Syrien-Referentin beim Hilfswerk Caritas International. Man könne nicht jeden Tag mit dem Ausmaß dieses Leides konfrontiert werden. "Dennoch brauchen die Menschen dort weiterhin Unterstützung", sagt sie. Denn das Leben in umkämpften Gebieten wie der nördlich gelegenen Stadt Aleppo wird gerade in diesem heißen Sommer immer schwieriger. "Es gibt oft tagelang keinen Strom und damit häufig kein Wasser, keine Kühlung für die Wohnungen oder Lebensmittel", erklärt Jeschke.

Etwa neun Millionen Syrer sind aktuell auf der Flucht . Laut Caritas International gelten 6,5 Millionen von ihnen als Binnenvertriebene im eigenen Land. Die anderen haben Zuflucht in Nachbarländern wie dem Libanon gesucht, der mittlerweile selbst zu kollabieren droht. Seit Beginn des Konflikts sind mehr als 170.000 Menschen ums Leben gekommen. Weitere Hunderttausende sind verletzt, verstümmelt, traumatisiert, heimatlos.

Vera Jeschke arbeitet bei Caritas International und ist Expertin für den Nahen Osten.

Die Bevölkerung leidet am meisten

Wer in diesem Konflikt gegen wen kämpft, sei nur noch schwer nachzuvollziehen, gesteht auch die Caritas-Referentin. "Es ist bekannt, dass Staatspräsident Baschar al-Assad der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) Öl abgekauft und sie damit indirekt gestärkt hat." Der Grund scheint simpel: Die IS kämpft auch gegen die säkular geprägte und eigentlich friedliebende Opposition im Land. "Und die war für Assad politisch weitaus gefährlicher als die IS", sagt Jeschke. Doch mittlerweile scheint der Staatspräsident umzudenken. Bei einer Schlacht um das Gasfeld Schaar in Zentralsyrien kam es in den vergangenen Tagen wohl zur ersten große Konfrontation zwischen den Milizen und dem Regime.

Die syrische Bevölkerung ist die Leidtragende des Konflikts. "Die Menschen hier werden aufgrund ihrer jeweiligen ethnischen Herkunft oder ihrer politischen und religiösen Gesinnung unterdrückt ", sagt Jeschke. Nicht nur im Nordirak würden aktiv Christen verfolgt und getötet. "Das passiert auch in einigen Regionen Syriens", so die Expertin, die den Nahen Osten selbst häufig bereist. Sie erzählt von syrischen Christinnen, die sich mittlerweile verschleiern, um nicht weiter aufzufallen. Dennoch würden diese an Kontrollpunkten im Land häufig herausgegriffen. "Wenn der Name im Ausweis christlich klingt, kann es passieren, dass sie gefoltert und vergewaltigt werden." Mittlerweile würden gerade Christen das Land oft überstürzt verlassen, um sich den Übergriffen zu entziehen.

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Größe Anteilnahme aus Deutschland gewünscht

Doch es fehlt der Bevölkerung auch an Grundnahrungsmittel, Hygieneartikeln oder Medikamenten. Und die, die helfen wollen, stehen vor großen Herausforderungen. Zwar hatte der UN-Sicherheitsrat im Februar beschlossen, dass die Regierung von Präsident Assad, überall im Land humanitäre Hilfe zuzulassen und Hilfsorganisationen den Zugang zu gewähren hätte. Doch die Realität sieht anders aus. "Ein freier Zugang ist nach wie vor nicht gewährleistet und außerdem gefährlich", sagte Jeschke. Denn es werde immer noch gekämpft.

Dennoch gibt es Möglichkeiten zu helfen. "Wir können Spenden an Partnerorganisationen vor Ort weiterleiten", erklärt die Referentin. Denn auf den syrischen Märkten gebe es auch in umkämpften Regionen noch Lebensmittel und andere Artikel für den täglichen Bedarf. "Medikamente, Spritzen, Verbände und ähnliches schaffen wir auf verschlungenen Wegen aus Nachbarländern wie dem Irak oder Libanon herbei", so Jeschke. Wie genau diese verschlungenen Wege aussehen, möchte sie lieber nicht erzählen.

Von den Menschen in Deutschland wünscht sich Jeschke eine noch größere Anteilnahme. Natürlich ließe sich humanitäres Leid in Syrien nicht gegen anderes – zum Beispiel im Gazastreifen – abwägen. "Aber Syrien entwickelt sich zu einer absoluten Dauerkatastrophe." Das merke man auch im Gespräch mit Flüchtlingen, sagt die Caritas-Mitarbeiterin. "Jahrelang hieß es: 'Ich gehe zurück, wenn es sich beruhigt hat.' Das hört man nun nicht mehr." Realistisch gesehen, gebe es diese Chance einer Rückkehr zur Normalität in naher Zukunft auch nicht, sagt Jeschke. Dafür müssten sich innerpolitische Parteien und Weltmächte wie Russland und die USA, aber auch Saudi-Arabien und der Iran an einen Tisch setzen. "Gerade auch vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts sehe ich da aktuell keine Chancen."

Von Björn Odendahl