FARC-Chef bittet Franziskus in Brief um Vergebung
"Timochenko": Durch Gewalt Gerechtigkeit für Benachteiligte erreichen

FARC-Chef bittet Franziskus in Brief um Vergebung

Als Anführer der FARC-Guerilla hat Rodrigo Londoño Echeverry, besser bekannt als "Timochenko", viel Schuld auf sich geladen. Nun bittet er Papst Franziskus um Verzeihung für die vielen Todesopfer.

Bogotá - 09.09.2017

Der Anführer der kolumbianischen Ex-Guerilla FARC, Rodrigo Londoño Echeverry alias "Timochenko", hat Papst Franziskus in einem Brief um Vergebung für das Leid gebeten, das seine Organisation in mehr als 50 Jahren Bürgerkrieg verursacht hat. "Ihre wiederholten Hinweise auf die unendliche Barmherzigkeit Gottes bewegen mich dazu, Sie um Vergebung anzuflehen für jegliche Träne oder jeden Schmerz, den wir dem Volk Kolumbiens (...) verursacht haben", schrieb er in einem am Freitag (Ortszeit) in kolumbianischen Medien veröffentlichten Brief an den Papst, der sich noch bis Sonntag in dem südamerikanischen Land aufhält.

FARC habe "jeglichem Ausdruck von Hass und Gewalt" abgeschworen

"Timochenko" entschuldigte sich dafür, dass er den Papst aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich treffen könne. Er versicherte ihm, dass die FARC "jeglichem Ausdruck von Hass oder Gewalt" abschwören wolle und die feste Absicht habe, ihrerseits all jenen zu verzeihen, die bisher ihre Feinde waren. "Wir empfinden die Reue, die nötig ist, um unsere eigenen Fehler zu sehen und um alle Opfer unserer Handlungen um Vergebung zu bitten."

Die Grundabsicht seiner Gruppierung sei eine gute gewesen, betonte "Timochenko": Man habe Gerechtigkeit für die Ausgeschlossenen und Verfolgten sowie die Überwindung der Ungleichheit und Benachteiligung angestrebt. "Wir träumen davon, dass Sie und Ihr Vater uns verstehen", so der nunmehrige Parteichef an Franziskus. Dankbar äußerte er sich über Aussagen des Papstes, wonach Gott die Ausbeutung armer Länder durch reiche ebenso missfalle wie die Missachtung der Menschenwürde durch Gewinnstreben.

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Der Salesianer James Areiza berichtet über ehemalige Kindersoldaten der FARC in Kolumbien.

"Seit Sie den ersten Schritt in mein Land gesetzt haben, spüre ich, dass sich endlich etwas ändern wird", betonte "Timochenko". Der Papst hinterlasse einen tiefen Eindruck in der Geschichte des Landes, mobilisiere alle Bevölkerungsteile und gebe ihnen eine Botschaft. "Nur ein Heiliger wie Sie bringt das zustande", schrieb der Ex-Guerillachef.

Friedensvertrag sieht Entwaffnung der Rebellen vor

Die FARC habe dem Friedensvertrag mit der kolumbianischen Regierung zugestimmt; es habe seitens der Regierung jedoch auch Kritik gegeben. "Timochenko" bat den Papst, er möge das kolumbianische Volk vor "Frustration" bewahren, nachdem die Friedensverhandlungen einen enormen Kraftakt bedeutet hätten. Auch die FARC bete darum.

Regierung und FARC hatten den Friedensvertrag im November 2016 nach vier Jahren Verhandlung unterschrieben. Durch die Unterzeichnung wurde die Entwaffnung und Demobilisierung der Guerilla möglich, die im Sommer als Oppositionspartei mit gleichem Parteikürzel zu einer politischen Kraft unter Londonos Führung wurde.

Linktipp: Feilschen um Verantwortung

Gesucht werden 60 Personen, die stellvertretend für sechs Millionen Opfer des kolumbianischen Bürgerkrieges stehen sollen: Verschwundene Geiseln, niedergemetzelte Zivilisten, Binnenflüchtlinge, vergewaltigte Frauen. Die katholische Kirche in Kolumbien soll nun mithelfen, eine Auswahl zu treffen, die der Bandbreite möglichst aller grausamer Menschenrechtsverbrechen gerecht wird. (Artikel vom Juli 2014)

Papst Franziskus hatte am Freitag in Villavicencio zur Versöhnung in Kolumbien aufgerufen. An seinem zweiten Tag im südamerikanischen Land traf das Kirchenoberhaupt Opfer und Täter des langjährigen Bürgerkriegs und dankte ihnen für ihre sehr persönlichen Zeugnisse im Gespräch.

Papst reist nach Medellín

Eine gut halbstündige Ansprache des Papstes rührte viele Zuhörer im Saal zu Tränen. Franziskus gestand ein, es sei sehr schwierig, den Kreislauf von Hass, Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen. Aber alle seien Opfer dieses Kreislaufs, unschuldige wie schuldige. Der Papst ging auch auf die verbreitete Skepsis gegenüber dem Friedensprozess ein: Es sei "schwer, den Wandel derer zu akzeptieren, die grausame Gewalt angewandt haben".

Heute reist der Papst nach Medellín. Der Tag wird unter dem Zeichen des Wirkens der katholischen Kirche im Land stehen. Zu einer Messe auf dem Flughafen werden Hunderttausende Menschen erwartet. Nachmittags (Ortszeit) spricht Franziskus in der Stierkampfarena La Macarena vor Priestern, Ordensleuten und kirchlichen Laienmitarbeitern. Zuvor besucht er das traditionsreiche Kinderheim Hogar San José, eine Einrichtung für minderjährige Gewaltopfer. Medellin ist eine traditionell konservative Hochburg des Katholizismus in Kolumbien. (rom/KNA)