Leerer Rollstuhl am Strand
Wie Urlaubsträume von pflegenden Angehörigen wahr werden

Ferien trotz Pflege

Wie ein behindertengerechtes Hotel finden? Wie den Transport organisieren? Und was, wenn am Urlaubsort gesundheitliche Probleme auftreten? Dafür gibt es den gemeinnützigen Verein "Ferien mit Pflege".

Mönchengladbach - 03.07.2013

Nein, ein gemeinsamer Urlaub gehöre für sie beide wohl der Vergangenheit an, hatte Katharina Loer resigniert. Bis sie durch Zufall auf den Verein "Ferien mit Pflege" stieß.

Denn der gemeinnützige Verein, der anders als andere Anbieter auf dem wachsenden Markt für betreute Seniorenreisen nicht gewinnorientiert arbeitet, macht es auch Menschen wie Katharina und Willi Loer möglich, gemeinsam in den Urlaub zu fahren. "Ich brauche mich um nichts zu kümmern. Wir werden von zu Hause abgeholt, der Bus ist behindertengerecht, im barrierefreien Hotel gibt es vom Behindertenbett bis zum Toilettenaufsatz alles, was mein Mann braucht", schwärmt die 79-Jährige, die sich seit sechs Jahren gemeinsam mit ihrem Mann bei "Ferien mit Pflege" zumindest stundenweise erholt.

Dringend nötige Auszeit

"Viele pflegende Angehörige, die sich eigentlich eine dringend nötige Auszeit von der Pflege nehmen müssten, geben ihren Angehörigen nicht in eine Kurzzeitpflege, um selbst Urlaub zu machen. Sie können sich innerlich nicht entspannen, weil sie in Sorge sind, ob ihr Partner während dieser Zeit wirklich gut versorgt ist", so die Erfahrung von Charlotte Coenen (62). Die gelernte Kauffrau organisiert seit 2003 ehrenamtlich Seniorenreisen mit Pflegeangeboten. Weil sie dabei an den Rand ihrer Kräfte kam, gründete sie 2006 den Verein "Ferien mit Pflege", der sich das Motto "Wir kümmern uns" auf die Fahnen geschrieben hat und ausschließlich ehrenamtlich arbeitet.

Das Angebot, das jährlich von über 200 Reisenden wahrgenommen wird, will pflegenden Angehörigen die Möglichkeit geben auszuspannen, Kontakte zu Menschen in ähnlicher Situation knüpfen, mal eine andere Umgebung zu genießen und dabei ihre Angehörigen in guten Händen und in ihrer Nähre zu wissen. Wegen der regen Nachfrage gibt es mittlerweile nicht nur am ursprünglichen Standort Mönchengladbach, sondern auch Büros in Bonn, Krefeld und Neuss. Daneben arbeitet der Verein mit dem Diakonischen Werk in Gummersbach zusammen, wo interessierte Senioren auf das ungewöhnliche Gruppenreiseangebot hingewiesen werden.

Edeltraud Nickel (69) aus dem oberbergischen Nümbrecht freut sich auf die bevorstehende Reise nach Norderney. "Ich bin sonst den ganzen Tag im Einsatz. Im Hotel kann ich mich auch mal bedienen lassen", sagt sie. Ihren Sohn Knuth (44), der nach einer Gehirntumor-Operation im Rollstuhl sitzt und auf ihre Hilfe angewiesen ist, nimmt sie selbstverständlich mit. "Wir sind aufeinander eingestellt. Es macht mir Freude, mit ihm zusammen zu sein, so lange das noch geht. Einen Kurzzeitpflegeplatz für ihn will ich nicht", erklärt sie.

Arbeit mit Pflegediensten vor Ort

Vor Reiseantritt bietet der Verein den Reiseinteressenten eine individuelle Beratung im Rahmen eines Hausbesuchs an. Einer der neun fachlich geschulten Ehrenamtlichen kommt dazu ins Haus. Von Dialyseplätzen über Zusatznahrung bis zur Tagesbetreuung des Angehörigen und der Antragstellung auf Finanzierung der Kurzzeitpflege oder Verhinderungspflege durch die Krankenkasse können alle Fragen geklärt werden, mit denen sich die pflegenden Angehörigen allein oft überfordert sehen. Anschließend werden alle nötigen Hilfen zur Entlastung der pflegenden Angehörigen vor Reiseantritt mit Pflegediensten am Urlaubsort individuell abgestimmt. Dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, dem sich der Verein angeschlossen hat, ist bislang kein anderer Anbieter bekannt, der ausschließlich ehrenamtlich arbeitet und ohne staatliche oder sonstige Zuschüsse auskommt.

Charlotte Coenen ist stolz darauf, dass sie die Reisen zu Preisen anbieten kann, die unter denen kommerzieller Anbieter liegen: So kostet ein zweiwöchiger Urlaub an der Nordsee pro Person im Doppelzimmer, inklusive Halbpension, Ausflugsprogramm sowie An- und Heimreise 1.170 Euro. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie kein teures medizinisches Fachpersonal mit auf die Reise nimmt. "Wir arbeiten mit den Pflegediensten vor Ort zusammen. Die kennen sich bestens aus. Auf diese Weise haben wir bei einer Reise sogar mal eine Grippewelle bewältigt", erzählt sie. Auch die Reiseleitung, die vor Ort für die Gruppe Programmangebote und Ausflüge organisiert oder bei Schwierigkeiten anzusprechen ist, wird von Ehrenamtlichen übernommen.

Von Karin Vorländer (KNA)