Schwester Jordana Schmidt
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Warum Schwester Jordana Schmidt Kinderdorfmutter wurde

Fernsehnonne mit Baby

Schwester Jordana war früher hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach eigenen Kindern und dem Ordensleben. Heute hat sie quasi beides: Seit sechs Jahren arbeitet die Dominikanerin als Kinderdorfmutter.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 04.04.2018

Rund um den Weiher inmitten des großen Parks stehen Wohnhäuser im holländischen Stil. Dort gleich neben dem Spielgelände gelangt man über einen kleinen Steg ins Brückenhaus. Hier ist Schwester Jordana Schmidt zu Hause. Sie lebt hier mit sechs Kindern, die nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern sein können. Die Dominikanerinnen von Bethanien ist Kinderdorfmutter in Schwalmtal-Waldniel bei Mönchengladbach.

Fröhlich öffnet die 49-jährige Ordensfrau die Tür. Sie trägt einen Wollpulli, Jeans und einen Kurzhaarschnitt. Auf ihren weißen Habit und den schwarzen Schleier verzichtet sie zu Hause. Im Kinderdorf hat sie den Spitznamen "Fernsehnonne". Bis 2010 war sie eine der katholischen Sprecherinnen des "Wort zum Sonntag". Seitdem hat sie immer wieder Auftritte im Fernsehen.

Schwester Jordana wollte Kinderkrankenschwester werden und machte auch die Ausbildung dazu. Dann hat eine Freundin überlegt, ins Kloster zu gehen und Jordana dachte darüber nach, ob sie ebenfalls dazu berufen sein könnte. Sie fühlte sich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach eigenen Kindern und dem Ordensleben. Schließlich folgte sie dem Ruf Gottes, verschenkte ihr Hab und Gut und trat ins Kloster ein. Damals war sie 21 Jahre alt. "Zuerst war ich furchtbar unglücklich", gesteht sie. Sie fühlte sich eingeengt. Zu ihrer Überraschung ließ ihr der Dominikanerinnen-Orden viele Freiheiten. Heute ist sie ausgebildete Kinderkrankenschwester, diplomierte Heilpädagogin und systemische Familientherapeutin, hat ein eigenes iPhone und ein Auto.

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Schwester Jordana Schmidt ist Dominikanerinen von Bethanien und leitet ein Kinderhaus im Kinder- und Jugenddorf Schwalmtal. Von 2006 bis 2010 war sie eine der katholischen Sprecherinnen des Worts zum Sonntag in der ARD.

Im Flur des Brückenhauses stehen vier Autositze für Kinder, auf dem Kleiderhaken hängen Jacken, Wollmützen und bunte Schals, alles ordentlich nebeneinander aufgereiht. "Willkommen in unserer Großfamilie", lacht Schwester Jordana. Den Haushalt führt sie hier zwar alleine, wird aber von Erzieherinnen und einer Hauswirtschaftskraft unterstützt, ein Mann ist auch dabei. "Das ergänzt sich prima", erklärt sie.

Auf dem Gelände des Kinderdorfes ist auch das Kloster der Dominikanerinnen. 16 Schwestern leben hier noch. Schwester Jordana ist die jüngste von ihnen. Über zehn Jahre lang war sie Erziehungsleiterin im größten der drei Bethanien Kinderdörfer in Schwalmtal. Irgendwann wollte sie auch eine eigene Kinderdorffamilie haben. Von dieser Idee musste sie ihre Mitschwestern erst überzeugen. "Das war gar nicht einfach", erzählt sie, "weil ich damit aus dem täglichen Konventsleben ausgestiegen bin und nicht mehr am regelmäßigen Gebetsleben teilnehme und auch hier im Brückenhaus wohne und mit Ordensämtern ist es schwierig, denn dafür gibt es kaum Zeit". Seit sechs Jahren ist Schwester Jordana nun schon Kinderdorfmutter. "Ich habe gleich gespürt, dass das genau zu mir passt", erzählt sie. Das älteste Kind, das bei ihr wohnt, ist neun Jahre alt, das jüngste erst sieben Monate. "Ich wollte immer ein Baby haben", schwärmt Schwester Jordana. Kurz vor der Abreise in den Sommerurlaub vergangenes Jahr kam ein Anruf vom Jugendamt. "Schwester Jordana, wir haben ein Baby für dich", hieß es. "Da habe ich nicht nein gesagt", schmunzelt die 49-jährige. Ida war damals erst wenige Woche alt und kam einfach mit in den Urlaub nach Schweden.

Schwester Jordana schaukelt die Kleine im Arm und füttert sie mit Milchbrei. Ida hat dunkles Haar und braune Augen. Sie schmatzt zufrieden. Warum ihr Schützling so kurzfristig ins Kinderdorf gekommen ist, möchte Schwester Jordana nicht erzählen. "Hier hat sie es besser", erklärt sie schlicht. Und das gelte für alle Kinder, sonst wären sie nicht hier. Mitleid mit den Kindern zu haben, helfe ihnen nicht weiter, sagt Schwester Jordana. Sie sei für die Kinder rund um die Uhr da. Ab und zu erzählen sie ihr auch, was sie am Herzen drückt. "Fragen stelle ich keine. Bei mir können sie alles Schreckliche und Traurige vergessen", erklärt sie. Ab und zu bekommen die Kinder auch Besuch von ihren leiblichen Eltern oder fahren am Wochenende nach Hause. Das bringt auch Konflikte mit sich. Doch für die Kinder bleibt Schwester Jordana die erste Ansprechperson. Das Schöne an unserer Familie ist, dass ich auch Geschwisterkinder aufnehmen kann. "Wir haben zwei Geschwisterpaare im Haus", sagt sie. Sie zieht Ida näher an ihr Gesicht und küsst sie zärtlich.

Schwester Jordana Schmidt (49) ist Kinderdorfmutter im Kinder- und Jugenddorf Schwamltal-Waldniel bei Mönchengladbach und war eine der Sprecherinnen des Wort zum Sonntag.

Das Wohnzimmer ist hell und freundlich, die Möbel sind aus Holz, die Wände in zartes Gelb gestrichen, eine Wiege steht an der Wand. Weil die Wohnzimmerlampe kaputt ist, hängt eine Glühbirne von der Decke. Schwester Jordana entschuldigt sich: "Ich habe schon eine neue bestellt." Ein flauschig brauner Stoffhund liegt am Boden, er wacht über den Spielsachen der Kinder. Zurzeit ist es ruhig im Haus, weil die Kleinen im  Kindergarten oder in der Schule sind. Bis halb zwölf muss die Wäsche gebügelt und das Mittagessen gekocht sein, dann kommen die ersten nach Hause. Da Schwester Jordana auch gelernte Kinderkrankenschwester ist, fallen ihr die Aufgaben im Haus nicht schwer.  

Sechs Kinderdorffamilien leben im Bethanien Kinder- und Jugenddorf in Schwalmtal. Wie in einer traditionellen Familie findet hier das alltägliche Leben statt: Es wird gemeinsam gekocht, gespielt, Hausaufgaben erledigt, aufgeräumt, Ausflüge gemacht und auch schwierige Stunden gemeinsam bewältigt. "Ich genieße es, dass ich mich voll auf meine Arbeit konzentrieren kann", sagt die Kinderkrankenschwester. Die Augen blicken müde, aber überzeugt. Es ist anstrengend, sich rund um die Uhr um sechs kleine Kinder zu kümmern. Kartoffel schälen, Karotten und Tomaten klein schneiden, steht als nächstes an. Auf dem Holzbrett in der Küche liegt schon alles bereit. Heute gibt es Gemüsesuppe und Flammkuchen. "Die Kinder mögen gerne, was ich koche", sagt Schwester Jordana.

Die Kinderzimmer sind gleich nebenan. Von den Wänden kringeln sich bunte Papiermobiles, an den Wänden kleben Zeichnungen und die Spielsachen liegen ordentlich verstaut im Schrank. Ein Vorzeigehaus. Das soll es auch sein. Hier ist unser "wall of fame" strahlt Schwester Jordana und zeigt stolz auf die Wand mit den Fotos. Rolando Vilazon kuschelt auf einem Bild mit Talia, auf einem anderen liegt Charlotta in den Armen von Xavier Naidoo oder Reinhold Beckmann. Ein paar Prominente unterstützen das Kinderdorf mit ihren Spenden.

Schwester Jordana Schmidt
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Schwester Jordana Schmidt ist 49 Jahre alt und gehört zum Orden der Dominikanerinen von Bethanien. Die Ordensfrau ist gelernte Kinderkrankenschwester, Diplom-Heilpädagogin und System- und Familientherapeutin.

Von den leiblichen Eltern bekommen die Kinder wenig finanzielle Unterstützung. "Daher lege ich für jedes Kind ein Sparkonto an, damit sie sich später eine gute Zukunft aufbauen können." In jedem Kinderzimmer sind Musikinstrumente zu sehen. Die Musik spielt eine große Rolle im Kinder- und Jugenddorf in Schwalmtal. Es gibt sogar eine eigene Musikschule. Auch Schwester Jordana liebt Musik und spielt drei Instrumente. Vor 10 Jahren hat sie mit dem Kinderliedermacher Reinhard Horn ein großes Musikprojekt "Echte KinderRechte"  gemacht. "Wenn ein Kind, das geschlagen wurde, plötzlich singt, dass ihm keiner mehr wehtun darf, dann kriege ich Gänsehaut", erzählt Schwester Jordana. 

Im Kinder- und Jugenddorf Schwalmtal, dessen Gesellschafter der Orden der Dominikanerinnen von Bethanien ist, gibt es unterschiedliche Therapie- und Fördermöglichkeiten, die der pädagogische Fachdienst anbietet. Neben dem Schwimmbad gibt es auch einen Reiterhof. Zurzeit leben hier 135 Kinder. Und das Kinder- und Jugenddorf wächst stetig. Die meisten bleiben hier, bis sie 18 sind, erklärt Schwester Jordana. Wenn die Kinder groß und aus dem Haus sind, kommen sie wieder zu Besuch. "Spätestens zu unserem großen Sommerfest", erzählt Schwester Jordana, "sind alle wieder da". Es tue ihr gut, wenn die ehemaligen Kinderdorfkinder dann berichten, dass sie ein gutes Leben da draußen haben. Die engen Banden zwischen Kindern und Kinderdorfmüttern halten ein Leben lang, ist sich Schwester Jordana sicher. Dennoch möchte sie nicht mehr als sechs Kinder in ihrem Haus unterbringen müssen. "Das wird mir sonst zu viel", gibt sie zu.

Ihre eigene Familie unterstütze sie, so gut es geht. Ihr Vater hat erst vor kurzem eine Sauna für die Kinder im Garten aufgestellt. "Ein besonderes Geschenk für mich, aber auch meine Kinder liebes es. Für sie, ist mein Vater wie ihr eigener Opa", sagt Schwester Jordana. Zu allen Häusern gehört ein eigener Garten als Rückzugsort. Bald gibt es auch wieder Hühner im Brückenhaus, die gehören einfach dazu, wenn wir schon einen Kater haben, der Findus heißt. So, "wie es bei einer ganz normalen Familie üblich ist", meint Schwester Jordana.

Zur Person: Schwester Jordana

Schwester Jordana Schmidt wurde am 6. März 1969 in Grevenbroich geboren. Sie machte eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. 1990 trat sie in das Zisterzienserinnenkloster ein und wechselte 1994 zu den Dominikanerinnen von Bethanien. Ab 1997 absolvierte sie ein Studium der Diplomheilpädagogik an der Katholischen Fachhochschule Köln und ließ sich zur System- und Familientherapeutin ausbilden. Schwester Jordana ist seit 2012 Kinderdorfmutter im Bethanien Kinder- und Jugenddorf Schwalmtal-Waldniel, in dem rund 160 Kinder und Jugendliche in allen Altersgruppen betreut werden.

Letztes Jahr war ein besonderes Jahr für Schwester Jordana. "Wir hatten eine Massentaufe", erzählt sie. Alle fünf Kinder wurden in der Kinderdorfkirche getauft. "Das war ein richtig schönes Fest", betont sie. Die Taufkerzen stehen noch auf einem Regal im Wohnzimmer. Der Glaube ist ein wichtiger Teil innerhalb der Erziehung im Kinderdorf. Es wird vor dem Essen gebetet und sonntags besuchen alle gemeinsam den Gottesdienst in der Kapelle, die mitten im Kinderdorf liegt.

Es läutet an der Tür. Timo ist von der Schule nach Hause gekommen. Er blickt zaghaft um sich. Schwester Jordana begrüßt ihn liebevoll, hängt seine Jacke auf den Garderobehaken und fragt nach, ob er viele Hausaufgaben habe. Dann eilt sie in die Küche, die Suppe köchelt. Ida schlummert in der Wiege, draußen läuten die Glocken des Konvents zum Mittagsgebet.

Von Madeleine Spendier