Ein Tourist sitzt am Strand, an dem Flüchtlinge ankommen.
Die Flüchtlingskrise ist Thema auf der Internationalen Tourismusbörse

Flüchtlinge am Badestrand

Die Flüchtlingskrise ist überall - auch die gestern gestartete Internationale Tourismus-Börse in Berlin nimmt sie in den Fokus. Was das für den Urlaub bedeutet, erklärt Harald Pechlaner, Professor für Tourismus an der Katholischen Uni Eichstätt.

Von Johanna Heckeley |  Berlin/Eichstätt - 10.03.2016

Herr Pechlaner, Sie halten am Donnerstag auf der ITB einen Vortrag zum Thema "Flucht, Migration und Tourismus". Was ist Ihre Verbindung zu dem Thema?

Pechlaner: Ich bin eingeladen worden, weil ich im Juni 2015 in Eichstätt eine Tagung zum Thema Flucht, Migration und Tourismus organisiert habe. Auf dieser Tagung sind wir dem eigentlichen Wesen des Tourismus nachgegangen, nämlich der Gastfreundschaft. Die habe ich als Schnittstelle verstanden von Flucht, Migration und Tourismus. Der Tourismus als kommerzielle Gastfreundschaft beruht auf Gegenseitigkeit: Der Gast braucht und gibt etwas und der Gastgeber ebenso. Das andere ist der Flüchtende oder Migrant, der, aus welchen Motiven auch immer, sein Land verlässt und dann auf Gastfreundschaft angewiesen ist.

Was mich daran interessiert, ist das Verhältnis von sogenannter unbedingter Gastfreundschaft, das heißt die Gastfreundschaft gegenüber Flüchtlingen, zu bedingter Gastfreundschaft wie im Tourismus. Wenn Länder oder Städte sich mit Tourismus beschäftigen, sollten Sie sich auch mit der Frage beschäftigen, ob sie in der Lage sind, gastfreundlich zu sein.

Professor Harald Pechlaner
Bild: © privat

Harald Pechlaner ist Professor für Tourismus an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Frage: Gastfreundlich also nicht nur Touristen gegenüber, sondern auch gegenüber Flüchtlingen?

Pechlaner: Es gibt einen Unterschied zwischen Flüchtlingen und Gästen, der ist mir bewusst, aber das Wesen der Gastfreundschaft ist am Ende dasselbe. Es geht immer um Hilfestellung, Aufnahme, Schutz und Wohlergehen. Und es geht um den Kern, nämlich darum, wie wir als Gastgeber unseren Gästen Herzlichkeit und Offenheit zeigen können und wollen.

Frage: Deswegen überrascht es Sie wahrscheinlich nicht, dass die ITB die Flüchtlingskrise zu einem Thema macht.

Pechlaner: Die ITB ist mit ihrem Kongress ein Thinktank allererster Ordnung und mittlerweile auch weltweit anerkannt. Sie versucht, relevante Themenstellungen aufzugreifen – auch, wenn sie kontrovers sind. Das Thema Flucht, Migration und Tourismus birgt kritische Stellen. Es gibt sehr praktische Fragen, etwa, was mit den Reisezielen geschieht, die besonders von der Flüchtlingskrise betroffen sind, zum Beispiel einige griechische Inseln. Werden Gäste dort hinfahren, weil sie eine Solidarität empfinden? Oder werden sie nicht mehr hinfahren, weil sie es nicht ertragen können?

Frage: Kann man denn schon Auswirkungen der Flüchtlingskrise an Buchungszahlen festmachen?

Pechlaner: Ich habe keine Zahlen zur Hand, aber es verändern sich auf jeden Fall die Reiseströme. Kreuzfahrschiffe laufen zum Beispiel nicht mehr den Hafen von Mytilene auf der Insel Lesbos an, sondern den von Lemnos. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass in Griechenland insgesamt weniger Gäste sind. Die Einbrüche bei den Buchungen im Sommer werden nicht allzu groß sein. Warum auch? Wir haben schon seit vielen Jahren sich verändernde Reisebedingungen, etwa in Tunesien oder in Ägypten. Auch deswegen kommen wir auf der ITB zusammen: Die Flüchtlingskrise ist von großem Interesse für die Tourismusforschung.

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64 Millionen Bundesbürger machen jährlich eine Urlaubsreise. Doch der Stress kann schon bei der Anreise beginnen. Katholisch.de stellt die verschiedenen Möglichkeiten für Urlauber und Touristen vor, den Urlaub erholsamer zu gestalten.

Frage: Auf der ITB geht es um viel Geld für die Reiseveranstalter. Ist es vielleicht auch eine ethische Frage, wegen der Flüchtlinge Reisen in bestimmte Gebiete nicht mehr anzubieten? Oder liegt die Entscheidung darüber beim Touristen?

Pechlaner: Es geht Reiseveranstaltern weniger um eine Entscheidung unter solchen ethischen Gesichtspunkten, sondern eher um wirtschaftliche Kriterien: Einerseits müssen sie die Rechte ihrer Kunden wahren, die einen Anspruch darauf haben, dass etwa die Servicequalität vor Ort ihrem gebuchten Paket entspricht. Das andere ist der Markt selbst. Wenn Gäste eine Destination nur noch wenig nachfragen, wird der Reiseveranstalter sie vielleicht aus dem Angebot nehmen. Nichtsdestotrotz wird es Gäste geben, die bestimmte Destinationen buchen, obwohl sie dort möglicherweise auf Flüchtlingsströme treffen. Wenn gut gebucht wird, dann werden Veranstalter auch weiterhin diese Reiseziele ansteuern. Etwas ganz anderes sind natürlich Risikopotenziale wie Terrorismus.

Frage: Also ist es in Ordnung, als Tourist im Bikini oder in der Badehose am Strand zu liegen, wenn dort möglicherweise Flüchtlinge ankommen.

Pechlaner: Ich würde nicht sagen, dass es grundsätzlich okay ist. Jeder muss individuell entscheiden, wie er die Situation meistert. Ein Aufeinandertreffen von Touristen und Flüchtlingen ist mancherorts unumgänglich, gerade auf den griechischen Inseln – zu Spitzenzeiten kamen dort bis zu 3.000 Flüchtlinge pro Tag an. Ich weiß aber von keinen größeren Zusammenstößen. Es scheint, dass Gäste und Flüchtende ein Grundverständnis füreinander haben. Niemanden lässt ein Flüchtlingsstrom kalt: Manche nutzen ihren Urlaub, um den Menschen vor Ort zu helfen. Wenn wir von Herzlichkeit, Offenheit und interkulturellem Verständnis reden, dann mag die Flüchtlingskrise ein Prüfstein sein für die Gestaltung eines gemeinsamen Lebens in einem modernen Europa. Gastfreundschaft hat ganz viel mit den grundlegenden Werten einer Gesellschaft zu tun.

Es geht um die Frage, die sich jeder stellen muss: Abzuwägen, wie ein gemeinsames Zusammenleben zukünftig aussehen kann.

Zitat: Harald Pechlaner

Frage: Ist es das, was Sie zu Beginn meinten mit dem Verhältnis zwischen unbedingter und bedingter Gastfreundschaft – also dass man nicht nur gastfreundlich zu Touristen sein kann, sondern gleichzeitig auch die Flüchtlinge offen empfangen muss?

Pechlaner: Es geht nicht darum, dass man Flüchtlinge offen empfangen muss. Es geht um die Frage, die sich jeder stellen muss: Abzuwägen, wie ein gemeinsames Zusammenleben zukünftig aussehen kann. Und es tut dem Tourismus gut, sich mit dieser unbedingten Gastfreundschaft gegenüber dem Asylsuchenden auseinanderzusetzen: Wie wollen wir mit diesen Menschen umgehen? Das kann den Tourismus auf den Prüfstand stellen.

Wenn man in die Geschichte blickt, wie sich das Gastrecht in den unterschiedlichen Epochen entwickelt hat, kann man feststellen, dass es einen Kern gibt: Man nahm und nimmt Menschen, die in Not und Bedrängnis sind, für eine bestimmte Zeit auf, aber man kann nicht auf unbestimmte Zeit Gast sein– und wird dann vielleicht selbst einmal Gastgeber. Jeder wechselt diese Rollen. Das macht uns bewusst, dass diese Rollen sehr wichtig sind. Gastfreundschaft stellt ein Prinzip dar, das für unsere gesellschaftliche Entwicklung von großer Bedeutung ist.

Frage: Inwiefern werden diese Ereignisse auch unsere Zukunft beeinflussen?

Pechlaner: Es ist nicht nur die Frage, wie wir mit den Flüchtenden umgehen, sondern auch, wie wir sie zukünftig integrieren wollen. Das ist vielleicht noch das viel wichtigere Thema. Denn es ist das eine, gastfreundlich zu sein, wenn jemand zu uns kommt, und das andere ist, aus diesem Fremden – wir reden ja immer auch von Fremdenverkehr – einen Vertrauten zu machen. Dann ist er eben auch nicht mehr Gast, sondern wird selbst zum Gastgeber. Das ist die Aufgabe, die wir zu bewältigen haben.

Der Lehrstuhl für Tourismus

Der Lehrstuhl für Tourismus der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt besteht seit 2003. Er wurde als Stiftungsprofessur etabliert. Neben klassischen Themen des Tourismus geht es dem katholischen Profil der Universität entsprechend auch beispielsweise um die Verbindung von Spiritualität und Tourismus. Die Universität liegt im Altmühltal, das besonders als Gebiet für Wander- und Wellnessurlaub bekannt ist.

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Die Kirchen in Deutschland haben ihre Hilfe für Flüchtlinge deutlich ausgebaut. Viele Bistümer und Landeskirchen haben - zum Teil millionenschwere - Sonderetats für die Betreuung der Asylsuchenden eingerichtet. Katholisch.de gibt einen Überblick.

Von Johanna Heckeley