Papst Franziskus spricht vor dem Kongress der USA
Ungewohnte Worte des Papstes vor dem US-Kongress

Franziskus reicht der Mittelschicht die Hand

Die erste Rede eines Papstes vor dem US-Kongress war mit Spannung erwartet worden. Schließlich gilt die USA als das Land der schärfsten Kritiker von Franziskus. Doch dem gelang es, mit seinen Worten Brücken zu bauen.

Von Thomas Jansen (KNA)  |  Washington - 24.09.2015

Er wolle mit den Männern und Frauen ins Gespräch zu kommen, "die täglich darum bemüht sind, eine ehrenwerte Arbeit zu verrichten, das tägliche Brot nach Hause zu bringen, etwas Geld zu sparen und Schritt für Schritt ein besseres Leben für ihre Familien aufzubauen", erklärte Franziskus.

Kapitalismuskritik findet sich in der rund 50-minütigen Rede denn auch nur in einer Light-Version. Statt der üblichen Geißelung eines menschenverachtenden Weltwirtschaftssystems würdigt der Papst im Kapitol das Unternehmertum als "edle Berufung". Wenn es darauf ausgerichtet sei, Wohlstand zu erzeugen und die Welt für alle zu verbessern, könne es "eine sehr fruchtbringende Art und Weise sein, die Region zu fördern". Dieser Satz findet sich bereits in seiner Enzyklika "Laudato si". Dort war er jedoch von der schneidenden Kapitalismuskritik vollkommen überdeckt.

Ungewohnte Worte

Franziskus sagt zwar auch vor dem Kongress, die Politik dürfe "nicht Sklave von Wirtschaft und Finanzwesen sein". Er fügt jedoch hinzu: "Ich unterschätze nicht die Schwierigkeit, die das mit sich bringt, doch ich ermutige Sie in diesem Bemühen". Auch für den Kampf gegen die Armut findet er ungewohnte Worte. Statt Kritik an mangelndem Einsatz gibt es diesmal päpstliches Lob: "Wie viel Fortschritt ist auf diesem Gebiet in so vielen Teilen der Welt gemacht worden", so Franziskus. Er wisse, dass viele Amerikaner heute wie in der Vergangenheit daran arbeiteten, "mit diesem Problem fertig zu werden".

Linktipp: Papstrede im Wortlaut

Die komplette Papstrede vor dem Kongress hat der Vatikan ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht.

Dennoch enthält die Ansprache auch unbequeme Passagen. Zu den stärksten zählt Franziskus' freundlich verpackte, aber nicht zu überhörende Kritik an einem überhöhten religiösen Sendungsbewusstsein und Selbstgerechtigkeit der USA. In dem Land, das schon einmal den Kampf gegen den internationalen Terrorismus als "Kreuzzug gegen das Böse" deklarierte, warnt er vor einem "grob vereinfachenden Reduktionismus". Man dürfe die Wirklichkeit nicht einfach in Gute und Böse einteilen. "Den Hass von Tyrannen und Mördern nachzuahmen ist der beste Weg, um ihren Platz einzunehmen".

Das in den USA heikle Thema Umweltschutz spricht Franziskus in seiner Rede hingegen nur in einer für Republikaner erträglichen Dosierung an. Er ruft zu verstärkten Anstrengungen zum Erhalt der natürlichen Ressourcen auf, vermeidet aber den Begriff "Klimawandel", der für viele konservative Republikaner im Publikum und im ganzen Land ein Reizwort ist. In seiner Begrüßungsrede im Garten des Weißen Hauses hatte er das Wort am Mittwoch im Beisein von Präsident Obama noch verwendet.

Knigge für die Papstrede

Vor der heutigen Papstrede sind die Kongressführer misstrauisch, ob sich die Abgeordneten respektvoll verhalten. Strikte Vorgaben sollen Zwischenfälle verhindern. So wurde extra eine besondere Sitzordnung für die Parlamentarier erdacht.

Weiter ruft der Papst vor dem Kongress zum humanen Umgang mit Flüchtlingen auf, wobei er besonders die Situation an der Grenze zu Mexiko im Auge gehabt haben dürfte. Außerdem bekräftigt er seine Forderung, die in den USA nach wie vor angewandte Todesstrafe abzuschaffen und den Waffenhandel einzudämmen.

Applaus verebt schnell

Interessant ist, welche Themen Franziskus nicht oder nur am Rande anspricht. Auffallend ist zunächst, dass die internationale Politik keine zentrale Rolle spielt. Das dürfte am Freitag in den Ansprache vor den Vereinten Nationen anders sein. Bemerkenswert ist auch, dass der Papst über Familie, Ehe und Lebensschutz nur sehr allgemein und kurz redet, obwohl auf diesem Feld mit der landesweiten Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe einiges Konfliktpotenzial liegt. Das dürfte konservativen Katholiken nicht gefallen. Auch auf den Rassismus in den USA geht der Papst nicht ein. Der Urbevölkerung widmet er hingegen eine eigene Passage. "Tragischerweise" seien die Rechte derer, die seit jeher hier waren, nicht immer respektiert worden.

Nach seiner Rede verließ der Papst den Saal so schnell, dass der Applaus schnell verebbte. Ob Franziskus auch seine Kritiker im Kongress und in den USA mit der Rede umgestimmt hat, wird sich zeigen.

Die Papstreise live im Stream

Einige der öffentlichen Auftritte von Papst Franziskus in den USA können Sie auf katholisch.de live mitverfolgen. In unserer Übersicht finden Sie die Sendetermine.

Von Thomas Jansen (KNA)