"Für die Seele geht es weiter"
Von Fußballurnen und einer falschen Leiche

"Für die Seele geht es weiter"

Einen schwarzen Anzug tragen, den Leichenwagen fahren, stets eine ernste Miene aufsetzen – die typischen Aufgaben eines Bestatters? Zu dem Beruf gehört mehr als nur das: Bestatterin Angela Thieme ist OP-Schwester, Managerin und Seelsorgerin in einem. Als Angela Thieme zum ersten Mal eine Leiche berühren musste, hat sie sich fürchterlich erschreckt: "Wie kalt die ist", dachte sie damals. Nach und nach ging es dann aber leichter.

Münster - 25.11.2014

Heute wohnt sie sogar neben einer der Trauerhallen, in der die Toten aufgebahrt werden. Sie hat kein Problem damit, auch nachts die Räume zu betreten. Dort muss die Bestatterin die Verstorbenen für die Beerdigung vorbereiten: Angela Thieme näht Wunden, saugt Sekrete ab, schneidet Fingernägel. Zu ihrem Werkzeug gehören Nadel, Faden und Pinzette. "Es sieht aus wie im OP", sagt sie.

Angela Thieme arbeitet seit 14 Jahren als Bestatterin. Die gelernte Hotelfachfrau musste wegen Rückenproblemen ihren Beruf wechseln und half anfangs im Bestattungsinstitut ihres Stiefsohns als Bürokraft aus. "Zuerst habe ich gesagt: Lasst mich bloß mit dem Tod zufrieden", sagt die 52-Jährige heute. Doch bald führte sie Trauergespräche mit Angehörigen und wusch irgendwann auch die erste Leiche. Was am Anfang eine Notlösung war, ist heute ihre Berufung: Seit 2005 ist Thieme selbstständig, hat in Münster ein eigenes Bestattungsinstitut mit zwei Mitarbeitern.

Angela Thieme in ihrem Bestattungsinstitut in Münster.

24 Stunden im Einsatz, 365 Tage im Jahr

Thieme liebt die Vielfältigkeit ihres Berufs: das praktische Handwerk, die Arbeit am Schreibtisch und besonders die Trauergespräche. "Am schönsten ist für mich, dass ich Menschen in Ausnahmesituationen helfen kann", sagt sie. "Ich kann sie auf den Weg bringen, aus der Trauer herauszukommen." Sie bekommt oft positive Rückmeldungen und Zeichen der Dankbarkeit, hält immer noch losen Kontakt zu vielen Hinterbliebenen.

Die Arbeit mit Angehörigen von Verstorbenen sei manchmal aber auch schwierig. "Familienmitglieder sind sich nicht immer einig, da muss ich bei Streitfragen den Spagat halten." Doch etwas anderes ist noch belastender: "Am schlimmsten ist es, wenn Kinder sterben", sagt sie. Thieme erzählt von einem 10-Jährigen, der von einem LKW überfahren wurde. Und von einem Ehepaar, das ihr neugeborenes Baby durch einen Herzfehler verloren hatte.

In solchen Situationen hilft der Bestatterin ihr Glaube. "Was wir beerdigen ist nur die Hülle", sagt Thieme. "Für die Seele geht es weiter." Zu glauben: Das ist nicht das Ende – diese Vorstellung hilft ihr im Berufsalltag. "Ich glaube, dass wir uns alle im Himmelreich wiedertreffen", sagt sie. Im Aufbahrungsraum ist eine "Himmelstür" aufgemalt: Sie ist einen Spaltbreit geöffnet; hindurch strahlt gleißendes, helles Licht. Der Sarg mit dem Verstorbenen steht davor. Die Angehörigen sollen sich vorstellen können, dass die Seele des Toten die Schwelle schon überschritten hat. Die Pflicht von Bestattern sei es, das, was zurückbleibt, die "Hülle" des Menschen, würdevoll zu behandeln.

Kinder gehen anders mit dem Tod um, viel natürlicher.

Zitat: Angela Thieme, Bestatterin

Eine anspruchsvolle Aufgabe. Nachwuchsmangel gibt es bei Bestattern laut Thieme trotz der hohen Anforderungen nicht. "Der Beruf ist beliebt", sagt sie. "Viele junge Leute glauben, damit schnell das große Geld zu verdienen." Sie würden aber oft die psychische Belastung unterschätzen. Und auch, dass man hart arbeiten müsse, um Geld zu verdienen: Die Mitarbeiter haben 24 Stunden Bereitschaft, an 365 Tagen im Jahr. Gestorben wird immer.

Karnevalszeit als Hauptsterbezeit

Welche Beisetzungsformen in welcher Religion üblich sind, musste Thieme in ihrer Ausbildung lernen. "Zum Beispiel, dass es für einen Muslim ein Unding ist, sich einäschern zu lassen, für einen Buddhisten aber normal", sagt sie. Auch ungewöhnliche Wünsche für die Bestattung berücksichtigt sie: Im Regal steht sogar eine Urne in Form eines Fußballs, für Fans über den Tod hinaus.

Der Alltag als Bestatterin ist nicht immer ein ernstes Geschäft; auch kuriose Situationen erlebt Thieme ab und zu. "Einmal hat man mir den falschen Toten aus dem Krankenhaus gebracht", erzählt sie. Woran sie das erkannt hat? – Die Leiche, die vor ihr lag, hatte nur ein Bein. Eine Amputation hatten die Angehörigen aber nie erwähnt. Thieme rief die Krankenhausleitung an und die Leiche wurde gegen die richtige ausgetauscht.

"Das war echt der Hammer", sagt Thieme. Heute kann sie es mit Humor nehmen. Eine Eigenschaft, von der sie viel besitzt: Seit vier Jahren ist sie im geschäftsführenden Vorstand einer Karnevals-Gesellschaft aktiv, feiert in der Saison auf Karnevals-Veranstaltungen. Dann nimmt sie meistens ihren Urlaub. Die Karnevalssaison sei aber auch Hauptsterbezeit. "Wir sagen: Wenn die Blätter fallen und wenn sie wieder kommen, sterben die meisten." Das liege an der dunklen Jahreszeit. Besonders alte Menschen verlasse dann der Lebensmut.

"Kinder gehen anders mit dem Tod um"

Was bereuen ältere Menschen kurz vor ihrem Tod eigentlich am meisten? – "Dass sie sich nicht mit allen haben aussöhnen können, die ihnen einmal etwas bedeutet haben", sagt Thieme. Viele Kranke versuchten, sich mit ihren Angehörigen wieder zu vertragen. Thieme kennt eine Familie, die jahrelang keinen Kontakt zu dem Bruder hatte, dann aber die letzten Wochen vor seinem Tod an seinem Krankenbett verbracht hat.

Gesellschaftlich ist der Tod laut Thieme ein Tabuthema. "Kinder gehen anders mit dem Tod um, viel natürlicher", sagt sie. "Ein kleiner Junge wollte seinen Opa vor dessen Beerdigung noch einmal sehen", erzählt Angela Thieme. Sie habe ihn an der Hand genommen und sei mit ihm zum Sarg des Großvaters gegangen. "Du, Frau Thieme, der Opa ist ja ganz allein im Sarg", habe der 4-Jährige gesagt. "Darf der Opa meinen Teddy mitnehmen?" – "Selbstverständlich darf er das", habe sie geantwortet. "Der Junge hat daraufhin seinen Teddybär in den Sarg gelegt.“"

Von Claudia Schwarz