"Gedenke des Sabbats": Das dritte Gebot
Vierter Teil der Reihe zum Dekalog

"Gedenke des Sabbats": Das dritte Gebot

Im vierten Teil der Serie zum Dekalog stellt katholisch.de das dritte Gebot vor. Es geht um die "Heiligung des Sabbat" durch die Arbeitsruhe – ein Gebot, das im alten Israel nicht nur für die Menschen galt.

Von Till Magnus Steiner |  Bonn - 07.04.2019

In den Zehn Geboten steht nicht: "Du sollst den Feiertag heiligen!" – und die Sonntagsruhe ist auch kein biblisches Gebot. Für Christen ist der erste Tag der Woche der wöchentliche Feiertag. An ihm entdeckten die Frauen das leere Grab: "Nach dem Sabbat, beim Anbruch des ersten Tages der Woche, kamen Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen." (Mt 28,1). Der erste Tag der Woche entwickelte sich zum Tag des Brotbrechens und zum Gedenken an die Auferstehung Jesu Christi. Der Sonntag ist ein Werktag, an dem die Schöpfung der Welt (neu) beginnt. Der im Alten Testament gesetzlich vorgeschriebene Ruhetag ist der zu heiligende am Freitagabend beginnende und bis Samstagabend gehende Sabbat. Er gilt als der höchste Feiertag, seine Einhaltung stellt den "ewigen Bund" zwischen Gott und seinem Volk dar und "jeder, der am Sabbat arbeitet, hat den Tod verdient" (Ex 34,15).

Der Sabbat ist ein Grundrecht, das sowohl Arbeitskräften als auch Arbeitstieren zusteht und keine Standesunterschiede kennt. Es handelt sich dabei nicht um eine verhandelbare Vertragsvereinbarung zwischen einem Arbeitnehmer und einem Arbeitgeber, sondern um einen gesellschaftlich festgelegten Lebensrhythmus, der Leben ermöglicht – wie sich an einem Gesetz im Buch Exodus verdeutlicht: "Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen." (Ex 23,12). Der vorgeschriebene Ruhetag schützt die arbeitenden Menschen und sogar die Arbeitstiere: Sie erhalten das Anrecht darauf, sich zu erholen, auszuruhen und zu Atem kommen zu dürfen.

Eine schwarz-weiße Zeichnung von Eva, wie sie Adam einen Apfel reicht.

Gott vollendete seine Schöpfung nicht mit der Erschaffung des Menschen, sondern mit der Ruhe am siebten Tag. Daran erinnert das dritte Gebot.

Die lebenswichtige Bedeutung dieser Arbeitsruhe wird im Hebräischen durch das verwendete Verb betont: וְיִנָּפֵ֥שׁ (gesprochen: ve-jinafesch). Die Wortwurzel, aus der dieses Verb im Hebräischen abgeleitet wird, hat die Grundbedeutung "Kehle/Atem", aber es hat sich zum allgemeinen Ausdruck für das, was Menschen und Tiere zu einem Lebewesen macht, entwickelt: das Leben und die Lebenskraft. Gemäß Exodus 23,12 soll der Sohn der Sklavin und der Fremde, sich nicht einfach nur entspannen, sondern das Ausruhen dient dem Leben. Die Ruhe soll das Leben ermöglichen. Aber warum wird das nur in Bezug auf den Sohn der Sklavin und den Fremden gesagt? Am Anfang des Gesetzes wird das Ruhegebot für jeden Israeliten ausgesprochen und die beiden erwähnten Personengruppen verdeutlichen, dass dieses Gesetz im Besonderen den Ärmsten und Schwächsten dient. Der in diesem Gesetz nicht erwähnte Sabbat ist jedoch nicht nur ein Sozialgesetz, sondern es ist ein Bekenntnis zu Gott für das es weder einen Priester noch eines Altars bedarf.

Der Sabbat soll gemäß den Zehn Geboten geheiligt, das heiß vom normalen Alltag abgesondert werden: "Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht." (Ex 20,10). Mit der Einführung dieses wöchentlich wiederkehrenden Tages hat das Alte Testament das Zeitverständnis der gesamten Menschheit geprägt. Während die Dauer eines Jahres, eines Monats und eines Tages an dem Verlauf von Sonne und Mond ausgerichtet sind, ist die siebentägige Woche ein unnatürlicher Rhythmus. In der im Buch Exodus überlieferten Version der Zehn Gebote gilt diese Strukturierung der Zeit sozusagen als eine verborgene Naturordnung. In ihr wird das Sabbatgebot mit der Schöpfung der Welt begründet: "Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der HERR den Sabbat gesegnet und ihn geheiligt." (Ex 20,11).

Unterschiede zwischen Exodus und Deuteronomium

Das Alte Testament beginnt mit der Schöpfung der Welt in sieben Tagen. Die Zahl 7 steht im Hebräischen für die Fülle. Am ersten Tag schuf Gott die Zeit, in den darauffolgenden fünf Tagen entstand die Welt und am siebten Tag ruhte Gott und vollendete damit seine Schöpfung. Diese göttliche Ruhe wird durch das hebräische Verb שָׁבַת  (gesprochen: schabat) ausgedrückt. Es bedeutet sowohl "aufhören mit etwas" als auch "ruhen". Zwar wird in der Forschung eine Ableitung der Bezeichnung des Sabbattages von einem akkadischen Wort für den Vollmondtag in Babylonien angenommen (šapattu). Doch in den alttestamentlichen Texten entwickelte sich der Sabbat zum wöchentlichen Ruhetag, dessen Einhaltung in den Zehn Gebote gefordert wird: "Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!" (Ex 20,8).

In der Version der Zehn Gebote im Buch Deuteronomium gibt es zwei grundlegende Unterschiede gegenüber der im Buch Exodus vorliegenden Fassung. Zum einen ist bereits der Anfang anders: "Halte den Sabbat: Halte ihn heilig, wie es dir der HERR, dein Gott, geboten hat!" (Dtn 5,12). Während im Buch Exodus das sich vergewissernde Erinnern des Schöpfungswerkes Gottes als Beweggrund für die Einhaltung des Sabbatgebotes geben wird, betont das im Buch Deuteronomium gewählte Wort die Beachtung des Gebotes. So werden zwei verschiedene Dimensionen betont: Erstens die festgeschriebene Zeitstruktur, der Wochenablauf, als Teil der Schöpfungsordnung und zum zweiten der Tag selbst als Ruhetag, aufgrund der Geschichte Israels.

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Jede Gesellschaft braucht ihre Regeln, denn ohne sie läuft alles drunter und drüber. Das "katholische Grundgesetz" bilden die Zehn Gebote.

Zum anderen werden in beiden Versionen des Sabbatgebotes verschiedene Begründungen gegeben: "Gedenke, dass du Sklave warst im Land Ägypten und dass dich der HERR, dein Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat. Darum hat es dir der HERR, dein Gott, geboten, den Sabbat zu begehen", heißt es in Deuteronomium 5,15. Israel soll den Sabbat als Erinnerung an die Rettung aus Ägypten feiern: Gott hat Israels aus der Existenz als Sklaven herausgeführt und dem Volk somit Ruhe in einem eigenen Land verschafft. Wenn nun die Israeliten, jeden in ihrem Land, sogar den Arbeitstieren, an einem Tag Ruhe gewähren, dann handelt das Volk wie Gott: Es ruht nicht nur selbst an diesem Tag, sondern verschaffte auch anderen diese Ruhe.

Aufgrund der Schöpfungsgeschichte und der eigenen Heilsgeschichte soll Israel am siebten Tag der Woche, am Sabbat ruhen. Dieses Gebot ist gemäß dem Buch Exodus in der Schöpfungsordnung begründet und wird gemäß dem Buch Jesaja seine Gültigkeit für die gesamte Menschheit entfalten. In der kommenden Heilszeit werden die Völker am Sabbat den Gott Israels anbeten (Jes 66,23). Und dieses Gebot hat nicht nur eine theologische oder religiöse Relevanz. Der Sabbat für Gott ermöglicht der gesamten erschöpften Schöpfung das Atemholen – wie Jesus sagte: "Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat." (Mk 2,27).

Von Till Magnus Steiner