Franz-Reinisch-Musical
Bild: © Nico Calandra
Warum ein Musiker über den Pallottiner Franz Reinisch komponierte

"Gefährlich": Musical über einen Pater und Hitlergegner

Der Pallottiner Franz Reinisch musste sterben, weil er den Fahneneid auf Hitler verweigerte. Das Schicksal des Paters packte den Komponisten Wilfried Röhrig: Er schrieb ein Musical darüber, das nun an besonderen Orten aufgeführt wird.

Von Agathe Lukassek |  Bamberg - 16.06.2018

Es ist ein besonderes Musical, das man in diesem Jahr an mehreren süddeutschen und österreichischen Orten besuchen kann: Das Stück "Gefährlich – Franz Reinisch" ist mit "Musical über einen Aufrechten" untertitelt. Reinisch (1903-1942) war der einzige katholische Priester, der den Faheneneid auf Adolf Hitler verweigerte und dafür durch das Fallbeil hingerichtet wurde. Er wurde als Glaubenszeuge in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen und seit 2013 läuft ein Seligsprechungsverfahren.

Das Leben und der Tod des Pallottinerpaters bieten zweifelsohne Stoff für die Bühne. "Franz Reinisch war nicht einfach ein glatter Superheld, sondern ein Draufgänger und oft auch jemand, der anderen vor den Kopf stieß", berichtet Komponist Wilfried Röhrig. Er muss es wissen: Bevor Röhrig sich an die Arbeit machte und das Musical schuf, las er ein halbes Dutzend Biografien über Reinisch und dessen Prozessakte. Und das, obwohl Röhrig das Thema eigentlich zunächst gar nicht angehen wollte, mit dem ihn ein anderer nervte: Während Röhrig an seinem Musical "Auf dem Hochseil" über die Entstehung der Schönstatt-Bewegung arbeitete, kam immer wieder der Theologe Franz-Josef Tremer auf ihn zu mit dem Satz "Du musst ein Musical über Franz Reinisch machen".

"Ich muss gar nichts"

Ich muss gar nichts, dachte Röhrig – zumal er einen persönlichen Zugang zum Thema haben will, bevor er etwas schreibt. "Aber als ich dann eine Reinisch-Biografie las, fing ich Feuer, denn das Ganze hat auch mit mir und mit unserem Leben heute zu tun", berichtet er. Es gehe um populistische Strömungen und darum, Flagge zu zeigen, indem man widerspricht. Röhrig setzte sich hin, und begann, Lieder zu schreiben und nach einer Rahmenhandlung zu suchen. Nach drei Jahren Arbeit folgte im April die Uraufführung in Bad Kissingen; am Samstagabend wird das Musical in Bamberg zur zweiten Mal aufgeführt.

Wilfried Röhrig
Bild: © Nico Calandra

Wilfried Röhrig nach der Aufführung. Er hat "Gefährlich: Franz Reinisch - Musical über einen Aufrechten" komponiert und getextet.

"Das sind beides Orte, die mit Reinisch zu tun haben", erklärt Röhrig. In Bad Kissingen begann der Kreuzweg Reinischs: Am 14. April 1942 sollte er dort seinen Wehrdienst antreten. Er kam bewusst einen Tag später und machte sofort nach seiner Ankunft klar, dass er den Wehrdienst nicht leisten und den Fahneneid auf Hitler verweigern werde. Er wurde verhaftet und vors Kriegsgericht gestellt. Auf den Tag genau 76 Jahre später fand im berühmten Max-Littmann-Saal nur eineinhalb Kilometer von der Kaserne entfernt vor 700 Zuschauern die Premiere statt. "In Bamberg trat Reinisch nur wenige Monate nach seiner Priesterweihe in das Noviziat der Pallottiner ein", so der Komponist. Auch die weiteren Aufführungen beziehen sich auf das Leben des Paters: Schönstatt, Hall in Tirol aus Reinischs eigener Schulzeit und Östringen bei Bruchsal, wo er im Paulusheim arbeitete.

Mit der Urne über die Zonengrenze

Das Musical beginnt mit einer Rahmenhandlung, die wenige Jahre nach Reinischs Tod angesetzt ist. An Ostern 1946 ist Pater Schwan in der sowjetischen Besatzungszone in besonderer Mission unterwegs: In seiner Aktentasche will er die Urne mit der Asche seines Mitbruders Reinisch von Berlin über die Interzonengrenze in den Westen bringen. Er trifft in Magdeburg ein junges Paar, das sich ohne Passierschein nach Hamburg durchschlagen will. Diesem erzählt er vom Leben Reinischs:

Der junge Mann hat nach seiner Matura Anfang der 1920er-Jahre zunächst alles andere im Sinn, als Pater zu werden, und studiert erst einmal Jura. Im Musical tanzt er stundenlang mit seiner Freundin Ludowika Linhard, erweist sich als Kettenraucher und als Sturkopf. Dann spürt Reinisch, dass seine Liebe zu Gott größer ist als die zu Ludowika und beginnt ein Theologiestudium. Nach seiner Priesterweihe 1928 tritt er bei den Pallottinern ein, die er in seiner Studienzeit kennengelernt hatte. Da muss er sein Leben umkrempeln, etwa all seine Zigaretten abgeben und mit dem Rauchen aufhören.

Weiter zeigt das Musical schwierige Zeiten für Reinisch in den 30er-Jahren, in denen er oft versetzt wurde. Er lernte die Schönstätter kennen und war Feuer und Flamme für diese Reformbewegung innerhalb seines Ordens. "Als Spiritual sagte er jungen Männern, dass sie auch Schönstätter werden müssten, wenn sie Pallottiner werden wollten", berichtet Röhrig. Das habe nicht allen gefallen und so versetzten sie Reinisch erneut an eine andere Stelle. Nach einem halben Dutzend Versetzungen durfte er ab 1938 in Schönstatt arbeiten. Dort werden schon bald die Nazis auf seine Predigten aufmerksam, in denen er ihre Ideologie als gottlos und zerstörerisch bezeichnet. Im Jahr 1940 ist er dann ein nachdenklicher Priester, über den die Gestapo ein Rede- und Predigtverbot verhängt hatte und dem die Einberufung droht.

Ein jüngeres Publikum ansprechen

Das Musical setzt Reinischs Leben und Tod mit fast 40 Akteuren um, teils engagierte Amateure, teils professionelle Schauspieler wie der Hauptdarsteller Mathias Gall. Sieben Tänzer interpretieren die Lieder mit Titeln wie "Lügen hinken durch das Land", "Ich will Menschenfischer sein" oder – alle mit gleichen Masken – "Du bist nichts – dein Volk ist alles". Die Rock und Pop-Lieder sollen vor allem auch jüngeres Publikum ansprechen, sagt Komponist Röhrig: "Sein Leben mit den Höhen und Tiefen, dem Draufgängertum und den Zweifeln kann eine Folie sein, auf der jeder Zuschauer sein Leben lesen kann." Es gehe um aktuelle Fragen wie "Wie gehe ich mit Propaganda und Fake News um, wie mit sozialem Anpassungsdruck, welche Rolle spielt mein Gewissen und was ist meine Berufung?".

Mit dem Musical will Röhrig die Menschen auf eine Reise nehmen, die sie auch in ihre eigene innere Welt führt. "Franz Reinischs aufrechter Gang provoziert zu einer Antwort, zu einer Zustimmung oder zu Protest." Der Komponist freut sich, dass sein Stück bei der Premiere sehr gut ankam und kann sich noch weitere Aufführungen vorstellen, die über die Wirkungsorte Reinischs hinausgehen. "Für kommendes Jahr wurden wir schon für einen Auftritt in Borken in Westfalen angefragt."

Von Agathe Lukassek

Weitere Aufführungen:

20. Oktober, Pilgerkirche in Vallendar-Schönstatt bei Koblenz /// 3. November, Kurtheater von Hall bei Innsbruck/Österreich /// 18. November, Hermann-Kimling-Halle in Östringen bei Bruchsal /// Ende März 2019, Borken in Westfalen