Der Münchner Kardinal Reinhard Marx und der bayerische evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.
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Bundesweite ökumenische Aktionswoche für Sterben in Würde

Gemeinsam für das Leben

Wenn die Deutschen ans Sterben denken, haben sie vor allem Angst vor Schmerzen, Übelkeit oder Luftnot. Für 86 Prozent ist dies die größte Sorge, wie eine Umfrage des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) 2014 ergab. Angst vor Apparatemedizin und unerträglichen Schmerzen ist auch der Grund dafür, dass die Zustimmung zu Sterbehilfe hoch ist.

Bonn - 18.04.2015

Beim im November veröffentlichten "Deutschlandtrend" waren 46 Prozent der Befragten der Ansicht, die Beihilfe zur Selbsttötung sollte erlaubt sein. 37 Prozent würden auch die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe begrüßen. Kein Wunder, dass das Sterben in einer alternden Gesellschaft ein zentrales Thema der Gesundheitspolitik geworden ist. Aktive Sterbehilfe, Beihilfe zum Suizid, Patientenverfügung und Palliativmedizin - so lauten nur einige der Begriffe, die seit Monaten in der politischen Debatte auftauchen. Noch im Herbst will der Bundestag über die Beihilfe zum Suizid sowie den Ausbau von Hospizarbeit und Palliativmedizin entscheiden.

Bundesgesundheitsministers Hermann Gröhe

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe.

Zum Auftakt der heißen Phase der Debatte wollen jetzt die beiden Kirchen mit ihrer "Woche für das Leben" für ein menschenwürdiges Sterben werben. Kein Mensch solle Angst haben, einsam oder unter unerträglichen Schmerzen sterben zu müssen, so ihre Forderung. Die bundesweite Aktionswoche vom 18. bis 25. April steht unter dem Leitwort "Sterben in Würde. Herr, Dir in die Hände".

Thema Sterbehilfe war lange ein Tabu

Dass das lange tabuisierte Thema in den Bundestag schwappt, hat auch mit Entwicklungen in Europa zu tun. Mit Belgien, den Niederlanden und Luxemburg haben drei Nachbarländer aktive Sterbehilfe erlaubt. Noch stärker strahlt die Schweizer Regelung aus: Dort ist Beihilfe zum Suizid legal, wenn sie nicht aus Eigennutz passiert. Immer mehr Deutsche nutzen die Angebote der Schweizer Sterbehilfevereine und setzen dort ihrem Leben ein Ende. In Deutschland heizen Selbsttötungen von Prominenten - MDR-Intendant Udo Reiter, Playboy Gunter Sachs oder Ex-Fußball-Nationalspieler Timo Konietzka - die Debatte über eine Enttabuisierung des Suizids an. Der Verein "SterbeHilfe Deutschland" des früheren Hamburger Justizsenators Roger Kusch wirbt damit, 2013 rund 40 Menschen beim Suizid geholfen zu haben.

Bislang können die Kirchen zufrieden sein: Es gebe eine "bemerkenswerte öffentliche Debatte über das Sterben von Menschen in unserer Gesellschaft", loben der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, zum Auftakt der Kirchenaktion. Das Thema sei "aus Spezialdiskussionen zurück in die Mitte unserer Gesellschaft geführt" worden.

Positiv aus Sicht der Kirchen ist auch, dass Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) als erstes ein Gesetz zur Verbesserung der Palliativ- und Hospizversorgung voranbringen will. Ziele sind ein flächendeckendes Angebot und eine bessere Finanzierung der Betreuung Sterbender. Der Gedanke dahinter: Wenn Sterbenskranke keine Angst mehr vor quälend langem Leiden haben müssen, werde der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe oder Beihilfe zur Selbsttötung zurückgehen.

Jede Form organisierter Beihilfe zur Selbsttötung verbieten

Mit Blick auf die Suizidbeihilfe sind sich die Kirchen mit den meisten Bundestagsinitiativen einig, dass jede Form organisierter Beihilfe zur Selbsttötung verboten werden sollte. Umstritten ist vor allem die ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung: Eine Gruppe von Parlamentariern will Ärzten ausdrücklich die Suizidbeihilfe unter genau definierten Voraussetzungen erlauben. Andere wollen die geltende Regelung - eine rechtliche Grauzone - beibehalten.

Für die Bischofskonferenz hat Kardinal Marx vor einer dezidierten rechtlichen Regelung des ärztlich assistierten Suizids gewarnt. Eine Verrechtlichung würde ethische Maßstäbe gegenüber dem Wert des Lebens verändern und das Berufsbild des Arztes in hochproblematischer Weise ändern. Auch der Vertreter der Bischöfe bei der Bundesregierung, Karl Jüsten, argumentiert, mit einer ausdrücklichen Legalisierung werde die Suizid-Beihilfe eine ganz normale Option für das Lebensende. Gerade Menschen in Grenzsituationen würden dann unter Druck gesetzt, hiervon Gebrauch zu machen.

Von Christoph Arens (KNA)

Eröffnung der Woche für das Leben

Mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Hamburger Hauptkirche Sankt Katharinen wird am Samstag um 11.00 Uhr die bundesweite "Woche für das Leben" eröffnet. Die Aktion der beiden großen Kirchen steht in diesem Jahr unter dem Motto "Sterben in Würde". Schwerpunkt wird die Debatte über assistierten Suizid und den Umgang mit schwerstkranken und sterbenden Menschen sein. Der Bundestag wird voraussichtlich im Herbst über Gesetzentwürfe zu Sterbebegleitung und Suizidbeihilfe entscheiden. Der Gottesdienst wird vom Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, und dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, geleitet. Beteiligt sind auch die leitenden Geistlichen in Hamburg, die evangelische Bischöfin Kirsten Fehrs und der katholische Erzbischof Stefan Heße. Im Anschluss an den Gottesdienst ist eine Diskussion zum Thema Sterben in Würde in der Katholischen Akademie Hamburg geplant. Daran nehmen laut Ankündigung neben Bedford-Strohm und Marx auch der Münchner Soziologe und Herausgeber der Kulturzeitschrift "Kursbuch", Armin Nassehi, und der Notfallmediziner Michael de Ridder teil. In der Diskussion solle es auch um die Frage gehen, warum Sterben vielfach mit Autonomieverlust eines Menschen gleichgesetzt werde, teilten die Veranstalter mit. Die "Woche für das Leben" ist seit mehr als 20 Jahren die ökumenische Aktion der evangelischen und katholischen Kirche für den Schutz und die Würde des Menschen von Lebensanfang bis Lebensende. Sie soll zur Bewusstseinsbildung für Wert und Würde des menschlichen Lebens beitragen. Bundesweit werden Veranstaltungen zum jeweiligen Thema etwa von Gemeinden, Kirchen und Akademien organisiert. (KNA)