Ein Blick in die Ausstellung "Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten" im Jüdischen Museum Berlin.
Bild: © Rocco Thiede
Ausstellung in Berlin erzählt das, "was Sie schon immer über Juden wissen wollten"

Goldene Kälber und schwierige Fragen

Warum braucht Berlin ein jüdisches Theater, Herr Lahav?", fragte ich kürzlich in einem Interview den Intendanten und Direktor der Spielstätte nahe dem Bahnhof Friedrichstraße. "Warum nicht?", war der erste Satz seiner Antwort. Oft kommt man als Journalist in die Situation, dass Juden eine Frage mit einer Gegenfrage beantworten. Sie spielen dem Frager ihr Anliegen zurück. Und wollen ihn selbst zum Nachdenken provozieren. Mit dieser scheinbaren Antwortverweigerung ist auch ein Zeichen verbunden – dass es nicht die eine "richtige", sondern eine Vielfalt von Antworten gibt.

Berlin - 22.03.2013

Genau dieses Prinzip greift die Ausstellung "Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten" im Jüdischen Museum Berlin auf, die an diesem Freitag eröffnet wird. 30 Fragen, groß und sichtbar auf magentafarbene, windschiefe Kuben geschrieben, führen die Besucher durch 180 Objekte aus Religion, Alltagswelt und zeitgenössischer Kunst des Judentums – zum Beispiel "Wie wird man Jude?" oder "Darf man über den Holocaust Witze machen?"

Es ist eine moderne Auseinandersetzung "mit Gerüchten und Missverständnissen über verschiedene Aspekte des Judentums, vor denen weder Juden noch Nichtjuden gefeit sind", sagt Museumsdirektor Michael Blumenthal. Die Frage selbst sieht er als rhetorisches Mittel, das "tief in der jüdischen Tradition verankert" ist – "von den vier Fragen an Pessach bis zu den Lehren der Thora".

Darf ein Deutscher Israel kritisieren?

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass diese Sonderschau ausgerechnet eine Woche vor Pessach beginnt. "Das ist kein Zufall", erklärt Cilly Kugelmann, die Programmdirektorin des Jüdischen Museums. "Wir eröffnen alle unsere Frühjahrsausstellungen in der Regel eine Woche vor Ostern, weil dann auch viele Touristen in der Hauptstadt sind."

Die Schau gibt mit ihren Installationen, Fotos, Videos, Hördokumenten, Texten und Objekten mehr als einen Einblick in jüdisches Denken. Tangiert werden auch innerjüdische Identitätsdebatten, das Verhältnis zur nichtjüdischen Umwelt oder ganz aktuell die Beschneidungsdiskussion in Deutschland. Mit Fragen wie "Darf ein Deutscher Israel kritisieren?" treffen die Ausstellungsmacher sicher auch einen Nerv permanenter politischer Auseinandersetzungen.

Eine auf den ersten Blick skurrile Besonderheit gehört ebenso zum Konzept der Sonderschau. Zu ausgewählten Zeiten nimmt in einer Vitrine ein jüdischer Gast Platz und bezieht zur Frage Stellung: "Gibt es noch Juden in Deutschland?"

Viele Exponate wurden extra für die Ausstellung erworben – wie das "Goldene Kalb", eine Deko der Berliner Meschugge Partys, oder ein hoch hängendes Kruzifix aus Holz, Bronze, Kunststeinen und "Made in China"-Schriftzug versehen. Es soll eine Brücke zu "jüdischen Katholiken" schlagen, ebenso wie der Beitrag von Christoph Schmidt von der Hebrew University of Jerusalem mit dem Titel "Kann man Jude und zugleich Christ sein?" in dem die Ausstellung begleitenden Journal.

Von Rocco Thiede

Hinweis: Die Ausstellung "Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten" ist bis zum 1. September im Jüdischen Museum Berlin, Lindenstraße 9-14, zu sehen. Informationen zu Öffnungszeiten und Eintrittspreisen gibt es auf: www.jmberlin.de .