"Grenzenlose Liebe und Zuneigung"
Familien und ihr Alltag in Deutschland und Kolumbien

"Grenzenlose Liebe und Zuneigung"

Linus Ubbenhorst lebt mit seiner Familie in einem geräumigen Haus, die alleinerziehende Gilma Janeth Montoya Mira teilt sich mit sieben Kindern eine Zwei-Zimmer-Wohnung: Und doch haben der Deutsche und die Kolumbianerin einiges gemeinsam.

Von Ulrike Beckmann und Oliver Schmieg |  Essen - 25.09.2015

Linus Ubbenhorst lebt in Velen im Kreis Borken. Er und seine Frau Sabine haben sieben Kinder.

Linus Ubbenhorst (47) ist Vater einer Großfamilie. Zusammen mit seiner Ehefrau Sabine (49), mit der er seit 16 Jahren verheiratet ist, und seinen sieben Kindern lebt er in einem großen Haus in Ramsdorf, einem Stadtteil der Stadt Velen im Kreis Borken. Ihre Kinder, zu denen ein Zwillingspaar gehört, heißen Finn (15), Lia (13), Rayk (11), Jale (9), Tess (9), Shari (8) und Nevis (5). Linus Ubbenhorst arbeitet als Bankkaufmann, Sabine Ubbenhorst war früher als Erzieherin und Sozialversicherungsfachangestellte tätig. Mittlerweile ist sie seit 15 Jahren Hausfrau. Nevis, die jüngste Tochter, kommt wie ihre Geschwister im nächsten Jahr in die Schule. Gerade haben alle zusammen einen Urlaub im Unterallgäu in der Nähe von Bad Wörishofen verbracht.

Frage: Herr Ubbenhorst, was bedeutet Ihnen Ihre Familie?

Ubbenhorst: Familie steht bei mir an erster Stelle. Sie ist mir sehr wichtig, um sie dreht sich alles. Gerade als die Kinder kleiner waren, hat sich sowieso alles nach ihnen gerichtet. Dass wir so viele Kinder bekommen haben, hat sich einfach so entwickelt. Das war im Vorhinein nicht geplant. Ich schätze unsere Gemeinschaft und den Zusammenhalt. Gerade die gemeinschaftlichen Erlebnisse, die wir eben noch im Urlaub gemacht haben, waren schön. Daran denke ich gerne zurück.

Frage: Was gibt Ihnen Ihre Familie?

Ubbenhorst: Meine Familie gibt mir Geborgenheit, gerade auch durch unseren Zusammenhalt und die gemeinsamen Erlebnisse. Wenn ich mal alleine zu Hause bin, was selten ist, ist das schon komisch. Wir sind ein eingespieltes Team, das sich bestens ergänzt. Wir haben unseren Alltag gut organisiert und bekommen bisher alles gut alleine geregelt. Mit meinen Kindern verbinde ich außerdem einen gewissen Stolz, auch auf die Fähigkeiten der Kinder. Sie sind wohlgeraten und kommen gut in ihrem Leben zurecht.

Frage: Was machen Sie als Familie gemeinsam?

Ubbenhorst: Wir machen viel gemeinsam, aber wegen der Altersspanne muss man schon Kompromisse eingehen. Mit zunehmendem Alter verlagern sich die Interessen. Die Älteren gehen jetzt auch eigene Wege. Wenn wir Fahrrad fahren oder einen Spaziergang machen wollen, haben sie manchmal keine Lust dazu. Echte Pflichtveranstaltungen für alle sind bei uns Familienfeste. Und wir legen Wert auf ein gemeinsames Abendessen, damit jeder von seinem Tag berichten kann und ein Austausch stattfindet. Wenn möglich, versuchen wir das auch am Wochenende mit dem Frühstück. Aber in der Woche ist das, vor allem mittags, einfach schwierig.

Frage: Wann gibt es in ihrer Familie Streit?

Ubbenhorst: Das Konfliktpotenzial bei sieben Kindern ist sicher deutlich größer als nur bei zwei Kindern. Schwierig ist vor allem der Streit der Kinder untereinander, weniger der Streit zwischen Eltern und Kindern. Meist sind es die Größeren, die die Jüngeren provozieren. Sie wissen genau, worauf sie anspringen. Sie wollen die Reaktionen austesten. Oft gibt es auch darum Streit, wenn der eine etwas darf, das der andere in diesem Alter noch nicht machen durfte. Ich sehe das aber auch als tagtägliches Training. Man kann sich hier nicht aus dem Weg gehen. Sie müssen lernen, offen und ehrlich miteinander umzugehen und ihren Streit zu klären. Das müssen sie später auch außerhalb der Familie.

Frage: Was wünschen Sie sich für Ihre Familie?

Ubbenhorst: Vor allem und in erster Linie Gesundheit. Ich wünsche mir, dass die Kinder glücklich werden, dass sie ihren Weg gehen und sich so verwirklichen können, wie sie es sich wünschen. Ich hoffe, dass wir so wie jetzt eine Einheit bleiben und nicht aus unwichtigen Gründen auseinandergehen und Streit bekommen. Ich wünsche mir, dass unsere Kinder gerne zu uns zurückkommen, auch wenn sie mal eigene Familien haben.

Gilma Janeth Montoya Mira lebt in Kolumbien und hat zehn Kinder.

Gilma Janeth Montoya Mira lebt am Rande der kolumbianischen Provinzhauptstadt Pereira. Zumindest im Moment ist die alleinerziehende Mutter arbeitslos. Unterhalt für ihre zehn Kinder erhält sie nicht. Ihre drei volljährigen Kinder Jennifer, Daniela und Alejandro leben bereits außer Haus. Mit ihren Söhnen Juan Diego, Andrés Estiven, Maikol, Harold, Alan Jean-Pierre und ihren Töchtern Kelly und Tanya jedoch teilt sich die 41-jährige Kolumbianerin eine kleine Zwei-Zimmer Wohnung.

Frage: Frau Mira, was bedeutet Ihnen Ihre Familie? Was gibt sie Ihnen?

Mira: Leider bin ich selbst ohne Eltern aufgewachsen. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt und meine Mutter hat mich verlassen, als ich gerade mal drei Monate alt war. Eine Tante hatte mich danach bei sich aufgenommen und ich habe bei ihr gelebt, bis ich elf Jahre alt war. Anschließend habe ich auf der Straße gelebt. Meine Kinder geben mir heute die Liebe und Zuneigung, die ich in meiner eigenen Kindheit nicht erhalten habe. Deshalb ist meine Familie für mich ungeheuer wichtig – von ihr erhalte ich Unterstützung und Hilfe in jeder Hinsicht. Was ich für meine Kinder empfinde, das ist leicht zu beschreiben: eine grenzenlose Liebe und Zuneigung.

Frage: Was machen Sie als Familie gemeinsam?

Mira: So weit es geht, versuchen wir immer die Sonntage zusammen zu verbringen. Meine älteren Kinder, die nicht mehr bei mir leben, kommen uns dann besuchen und wir gehen den ganzen Tag über in einen nahegelegenen Park. Dort organisieren wir Spiele bis acht Uhr abends. Anschließend bereiten wir dann noch alle zusammen das Abendessen zu und meine Älteren fahren dann wieder zu sich nach Hause.

Frage: Wann gibt es in Ihrer Familie Streit?

Mira: Mit meinem jüngsten Sohn Alan Jean-Pierre habe ich in letzter Zeit Probleme gehabt. Seine Schulleistungen sind in den vergangenen Monaten deutlich zurückgegangen und die Lehrer rufen mich an, um sich über sein Verhalten zu beklagen. Er macht manchmal keine Hausaufgaben oder stört im Unterricht. Ich verbiete ihm dann, dass er nachmittags vor dem Haus mit seinen Freunden spielen darf. Das findet er natürlich ungerecht und widerspricht mir. Oft haben wir deswegen stundenlange Diskussionen, die aber im Grunde zu nichts führen. Mit seinen Geschwistern hatte ich dieses Problem nie und ich hoffe deswegen, dass das nur eine vorübergehende Phase ist. Seinen Schulabschluss soll er nämlich auf jeden Fall machen.

Frage: Was wünschen Sie sich für Ihre Familie?

Mira: Meinen Kindern soll es besser gehen als mir. Ich möchte, dass sie einen Schulabschluss und eine Berufsausbildung machen. Meine älteste Tochter Jennifer beginnt wahrscheinlich dieses Jahr eine Lehre zur Krankenschwester und Daniela, meine zweitälteste Tochter, möchte nächstes Jahr anfangen, Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Ich selbst habe nie eine Schule besucht und hoffe deswegen, dass meine Kinder die Möglichkeit zu lernen und zu studieren ausnutzen. Davon abgesehen möchte ich aber auch, dass sie aufrichtige und ehrliche Menschen sind. Sie sollen weder der Gesellschaft zur Last fallen noch sollen sie unnütz sein.

Themenseite: Themenwoche "Liebe leben"

Dieser Artikel ist Teil der Familien-Themenwoche "Liebe leben", die vom Katholischen Medienverband initiiert wurde. Die Themenwoche, die von katholischen Medien in ganz Deutschland getragen wird und vom 20. bis 27. September 2015 stattfindet, will im Vorfeld der Bischofssynode im Vatikan auf die Synode und den Themenkomplex Ehe und Familie aufmerksam machen. Katholisch.de bildet auf einer Themenseite ausgewählte Inhalte der Themenwoche ab.

Von Ulrike Beckmann und Oliver Schmieg