Plenarsaal des Deutschen Bundestags in Berlin.
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Bundestag berät über Ausbau von Palliativmedizin und Hospizen

Grenzsituationen des Lebens

Die Sache eilt: Im Herbst will der Bundestag über eine Legalisierung der Beihilfe zum Suizid entscheiden. Gegner, darunter die katholische Kirche, fordern stattdessen einen Ausbau der Palliativmedizin und Hospizarbeit. Nun hat der Bundestag über das Thema debattiert.

Von Christoph Arens (KNA) |  Berlin - 18.06.2015

Die Sache eilt. Denn seit Monaten diskutieren Politik und Gesellschaft über eine ausdrückliche Legalisierung der Beihilfe zur Selbsttötung. Prominente wie der frühere Intendant des MDR, Udo Reiter, haben mit ihrem Suizid bewusst versucht, das Tabu der Selbsttötung aufzuheben.

Das will unter anderem der frühere SPD-Parteivorsitzende Franz Müntefering verhindern. Der Sauerländer, der 2007 sein Amt als Bundesarbeitsminister niederlegte, um seine an Krebs erkrankte Frau bis zu deren Tod zu pflegen, wirbt stattdessen für einen Ausbau der Sterbebegleitung durch Hospize und Palliativmedizin. "Hilfe beim Sterben brauchen alle Menschen", sagt er. "Denen, die für Hilfe beim Töten sind, sollten wir das Wort Sterbehilfe nicht überlassen."

Handlungsmöglichkeiten auch in schwersten Fällen

Auch die Kirchen dringen darauf: Wer keine Angst vor einem einsamen und qualvollen Sterben haben müsse, werde auch keine aktive Sterbehilfe oder Beihilfe zum Suizid einfordern, so ihre Argumentation. Experten wie der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), Lukas Radbruch, versichern immer wieder, die moderne Medizin könne garantieren, dass jeder Mensch schmerzfrei sterben könne. Bei den allermeisten schwerkranken Patienten ließen sich mit einfachen palliativmedizinischen Strategien belastende Krankheitssymptome wie Schmerzen, Luftnot, Übelkeit oder Angst wie auch psychosoziale Belastungen weitestgehend lindern, so der Bonner Mediziner. Selbst in Grenzsituationen stünden Handlungsmöglichkeiten wie die Sedierung durch starke Gabe von Medikamenten zur Verfügung.

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Video: © katholisch.de

Bei der Herbstvollversammlung 2014 des Zentralkomitees der deutschen Katholiken sprach sich Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe gegen die aktive Sterbehilfe und für die moderne Palliativmedizin aus. Katholisch.de hat die Ansprache dokumentiert.

Allerdings liegt noch einiges im Argen: "In Deutschland bestehen im internationalen Vergleich immer noch erhebliche Defizite in der Palliativversorgung" kritisierte kürzlich die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz bemängelt, dass der größte Teil der Sterbenden in Deutschland bislang keine Chance auf umfassende Hilfe habe, insbesondere die Sterbenden in den Alten- und Pflegeheimen. Laut Vorstand Eugen Brysch erhält insgesamt nur jeder sechste Bundesbürger beim Sterben die professionelle Hilfe, die ihm zusteht. Derzeit nehmen pro Jahr rund 90.000 Menschen Leistungen der Palliativmedizin und der Hospize in Anspruch.

Finanzielle Stärkung von Hospizen

Bedarf sehen die Palliativmediziner etwa in der stationären Versorgung. Mit rund 300 Palliativstationen und 200 stationären Hospizen, also insgesamt etwa 5.000 stationären Betten, sei Deutschland zwar auf einem guten Weg. "Dennoch liegt dies noch deutlich unter dem geschätzten Bedarf von 7.000 bis 8.000 Betten für das gesamte Bundesgebiet." Erforderlich seien auch mehr Anstrengungen in Lehre und Forschung, erklärte Ärztekammer-Chef Frank Ulrich Montgomery. "Leider hat die Politik hier viel Zeit verstreichen lassen. Umso wichtiger ist es, dass ein solches Gesetz jetzt zügig umgesetzt wird."

Mit dem Gesetz will Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) Hospize finanziell stärker zu fördern. Die Kassen sollen bei Erwachsenen-Hospizen 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten tragen statt bisher 90. Ambulant tätige Palliativmediziner sollen mehr Honorar bekommen und Alten- und Pflegeheime sicherstellen, dass ihre Bewohner Palliativmedizin in Anspruch nehmen können. Pflegekräfte sollen für die Sterbebegleitung geschult werden. Beseitigt werden sollen auch Versorgungslücken insbesondere im ländlichen Raum.

Bislang gibt Deutschland pro Jahr rund 400 Millionen Euro für diesen Bereich aus. In der Koalition wird mit 150 bis 200 Millionen Euro Mehrkosten im Jahr gerechnet - nach Meinung der kirchlichen Wohlfahrtsverbände und der Deutschen Stiftung Patientenschutz viel zu wenig, um die ambitionierten Ziele des Gesetzes zu erreichen.

Themenseite: Debatte um Sterbehilfe

Es ist ein Thema, das den Menschen in seinem ganzen Dasein, in seiner Existenz betrifft: das Sterben. Doch ist es auch noch immer ein Tabu-Thema.

Von Christoph Arens (KNA)