Eine spezielle Kühlbox für Spenderorgane.
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Christliche Krankenhäuser informieren über Organspende

Guten Gewissens entscheiden

Nach den Betrugsskandalen in verschiedenen deutschen Transplantationszentren nimmt die Bereitschaft in der Bevölkerung zur Organspende ab. Für viele kranke Menschen ist die Konsequenz fatal: Jeden Tag sterben in Deutschland drei der 12.000 kranken Menschen, die auf der Warteliste stehen. Deshalb starteten die Christlichen Krankenhäuser in Deutschland (CKiD) zusammen mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) am Mittwoch eine Kampagne für mehr Organspenden.

Bonn - 17.04.2013

Den Krankenhausverbänden der evangelischen und katholischen Kirche ist dabei wichtig, dass beide Entscheidungen respektiert werden: für oder gegen einen Organspendeausweis.

Die Kirchen und die BZgA wollen für das Thema Organspende sensibilisieren und Beratungs- und Gesprächsmöglichkeiten im Krankenhausumfeld aufzeigen. Dazu sollen ab Mittwoch 100.000 Flyer in den bundesweit 640 Mitgliedskliniken ausliegen und zur Kontaktaufnahme anregen. Die Informations-Aktion unter dem Titel "Leib und Leben – ein Geschenk" zielt laut den CKiD darauf ab, "durch neutrale, ergebnisoffene Information neues Vertrauen zu schaffen". Patienten und deren Angehörige sollen bei ihrer selbständigen Entscheidung unterstützt werden.

Es solle "medizinische, seelsorgerische und ethische Beratung" geben, sagt der Vorsitzende des Katholischen Krankenhausverbandes, Generalvikar Theo Paul. Bei dem kontroversen Thema zeigt er sich überzeugt, dass man sich mit guten Gründen für oder gegen eine Organspende entscheiden kann. "Aus Glaubensgründen kann es deshalb zu einer Organspende kommen, um andere Leben zu retten. Aber auch zu der Entscheidung dagegen", sagt der Osnabrücker Generalvikar. "Wir wollen, dass sich jeder für oder gegen eine Organspende aussprechen kann, ohne dass ihm oder ihr ein schlechtes Gewissen gemacht wird."

Kirchen grundsätzlich dafür - aber gegen Zwang

Die Kirchen sprechen sich Grundsätzlich für die Organspende aus: 1990 haben die Deutsche Bischofskonferenz und der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland eine gemeinsame Erklärung zur Organtransplantation herausgegeben. "Aus christlicher Sicht ist die Bereitschaft zur Organspende nach dem Tod ein Zeichen der Nächstenliebe und Solidarisierung mit Kranken und Behinderten", heißt es darin. Es gibt aber auch prominente christliche Nichtspender, wie die mitteldeutsche evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann, die es ablehnt, dass Knochen von Spendern auch gemahlen und zu Arzneimitteln verarbeitet würden. "Es gibt keine christliche Verpflichtung zur Organspende", sagte vor wenigen Monaten der Präses der EKD, Nikolaus Schneider.

Wir wollen, dass sich jeder für oder gegen eine Organspende aussprechen kann, ohne dass ihm oder ihr ein schlechtes Gewissen gemacht wird.

Zitat: Generalvikar Theo Paul

Ähnlich argumentiert der Vatikan: Papst Johannes Paul II. schrieb 2005 an Wissenschaftler, dass die Kirche zu Organspenden ermutige, mahnte aber gleichzeitig, dass auch die Menschenwürde des potenziellen Spenders geschützt werden müsse. Sein Nachfolger Benedikt XVI. sagte 2008 vor der Päpstlichen Akademie: "Der Akt der Liebe, der durch das Spenden der eigenen lebenswichtigen Organe ausgedrückt wird, bleibt ein Zeugnis der Nächstenliebe". Er forderte, dass "Vorurteile und Missverständnisse" rund um die Organspende ausgeräumt werden müssten. Lange Zeit galt Benedikt XVI. sogar als der bekannteste Besitzer eines gültigen Organspendeausweises, den er seit den 70er Jahren bei sich hatte. 2011 erklärte sein Privatsekretär Georg Gänswein, dass das Dokument mit der Papstwahl von Kurienkardinal Joseph Ratzinger 2005 aber von selbst hinfällig geworden sei.

Problemfall Hirntod

Kritik der Kirchen wendet sich gegen offensichtliche Missstände wie den Organhandel, aber es gibt auch Bedenken aufgrund des ethischen Dilemmas bei der Organentnahme bei Hirntoten. Kritiker und die neuere Forschung sagen, der Hirntod stelle nicht den Tod des Menschen dar, da Herz und Kreislauf noch funktionierten. Anders als beim Wachkoma gibt es aber keine Aktivität im zerstörten Gehirn. Die Eindeutigkeit des Hirntods wird auch von Medizinern in Frage gestellt, wie eine kontroverse Debatte beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurointensiv- und Notfallmedizin vor zwei Jahren zeigte.

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Die wichtigsten Informationen zur Organspende im Überblick

Für den Freiburger katholischen Theologen Eberhard Schockenhoff besteht kein Zweifel daran, dass ein Hirntoter tot ist und kein leibhafter Organismus mehr bestehe. Die beachtlichen Funktionen bei Hirntoten würden nur künstlich aufrechterhalten, sagte er bei einer Diskussion des Deutschen Ethikrats 2012. Leben definiere sich aber durch die Fähigkeit, sich selbst zu erhalten. Auch die Deutsche Bischofskonferenz sieht nach Aussage des Augsburger Weihbischofs Anton Losinger keine Alternative zum Hirntod-Konzept.

Die Forderungen der Kirche an Medizin und Politik lassen sich in den beiden Stichworten Transparenz und Freiwilligkeit zusammenfassen. Sie begrüßte die Reform des Transplantationsgesetzes von 2012, nach der nun alle Bürger über 16 Jahre regelmäßig über ihre Organspenderbereitschaft befragt werden. Eine Widerspruchslösung wie in Österreich – wo jeder als potentieller Organspender gilt, wenn er nicht widersprochen hat – wäre für die katholische Kirche nicht akzeptabel gewesen, erklärten die deutschen Bischöfe.

Für einen würdevollen Umgang mit dem Verstorbenen

Kurz vor Inkrafttreten der Reform kam im Sommer 2012 ans Licht, dass einige Kliniken in Deutschland durch Falschangaben ihre Patienten auf der Warteliste weiter nach vorn platzierten. Der Skandal bedeute "einen sehr hohen Vertrauensverlust", sagte damals der Geschäftsführer des Katholischen Krankenhausverbandes Deutschlands, Thomas Vortkamp. Eine schnelle Aufklärung der Fälle sei wichtig, damit transparent werde, "was gewollt und was nicht gewollt ist". Die Menschen müssten öffentlich für das Thema Organspende sensibilisiert werden, denn nur etwa jeder Fünfte hat einen Spenderausweis.

Die Kirchen wollen mit ihrer Info-Kampagne auch zeigen, dass ihnen ein angemessener Umgang mit den Angehörigen, aber auch mit dem verstorbenen Organspender wichtig ist. Caritas und Diakonie entwickeln Leitlinien für ein menschenwürdiges Sterben bei Organspende. "Die Würde eines Menschen endet nicht mit der Organentnahme und Beendigung der intensiv-medizinischen Maßnahmen", sagt Generalvikar Theo Paul. (mit Material von KNA)

Von Agathe Lukassek