Ein Stoffhase in einem Osternest.
Über Sinn und Unsinn eines Osterkalenders

Hase, Ochs und Esel

Am meisten wundert mich, dass ich mich überhaupt noch wundere. Denn eigentlich hätte ich selbst drauf kommen können. Man muss schließlich rechnen mit dem gedankenlosen Einfallsreichtum der Tinnef-Industrie, damit man ohne innere Verletzungen den Einzelhandel betreten und auch wieder verlassen kann.

Bonn - 20.03.2013

Bei aller Vorsicht wird man immer wieder von Fassungslosigkeit gebeutelt, wenn man die Realitäten des Verkaufbaren um die ungläubigen Ohren geschlagen bekommt: Diesmal erwischte es mich am sonst reibungslosen Tresen einer Buchhandlung und zwar in Form eines Osterkalenders. Dieses Dings, analog zum Adventskalender mit durchgezählten Türchen versehen, hinter denen kleine Schokoladenstückchen stecken, unterscheidet sich von seinem Vorweihnachtskollegen zum Einen darin, dass auf der knallbunten Oberfläche nicht vermeintlich kindgerechte Zeichnungen von Krippe, Ochs und Esel zu sehen sind, sondern ebensolche von weitgehend putzigen, mit Eiern hantierenden Hasen und zum Anderen, dass es 21Türchen zu bedienen gibt und nicht die adventlichen 24.

Da fragt man sich. Und zwar verschiedenes.

Vor allem fragt man sich: Was soll das? Dann: Was denken die sich eigentlich? Dann: Denken die eigentlich? Nachdem man all diese Fragen nicht beantworten kann, fragt man sich zum Beispiel: warum 21 Türchen? Wo beginnen wir zu zählen und wo enden wir? Starten wir am 1. April oder irgendwann, wann es uns passt? Feiern wir mit dem letzten Türchen lieber mit "Hurra!" den Tod des Herrn am Karfreitag oder lieber ebenso die Auferstehung am Montag? Oder nimmt man den unverdächtigen Sonntag für Unentschlossene? Eine Anleitung dazu gibt es auf dem Kalender jedenfalls nicht. Hätte der Kalender 40 Türchen, wäre es vermutlich ein Hilfsmedium, das während der Fastenzeit für die lieben Kleinen das Fastenbrechen ein bisschen organisiert.

Tatsächlich wird die 21-Türchen-Frage im Internet in einigen Foren diskutiert. Dort erfährt man auch, dass die verschiedenen Hersteller die Türchenzahl mehr oder weniger willkürlich gewählt haben. Nicht diskutiert wird dort allerdings die Frage, ob es nicht eigentlich zum – mal äußerst vorsichtig formuliert - Bedauern ist, jegliche Tradition durch solche Gleich- und Geldmacherei zu ignorieren und zu verwischen und auf alle gewachsenen Bräuche, die solche Feste für Kinder zu etwas Besonderem machen, zu – mal äußerst vorsichtig formuliert - pfeifen, nur weil bisher versäumt wurde, auch am Osterfest auf diese Weise noch etwas zu verdienen.

Aber der Jahreskreis wird so natürlich einfacher und auch für einfachere Gemüter verstehbar: Weihnachten und Ostern ist dann das mit der Schokolade hinterm Türchen, Nikolaus und St. Martin das mit den Typen mit der komischen Mütze und Karneval und Halloween das mit dem Verkleiden. Denkbar wären natürlich auch Herbst- oder Muttertags-, Silvester- oder Erntedankkalender. Allerdings steht zu befürchten, dass es auch das schon längst gibt. So wie den Kalender mit 365 Schokostückchen hinter 365 Türchen. Da kann dann jeder wie er mag.

Von Peter Philipp