Habit der Dominikaner mit Gürtel und ein Rosenkranz
Warum eine Ordensfrau eine Praxis im Kloster hat

Hebamme im Habit

Johanna Vogt war Hebamme, bevor sie sich dazu entschloss, Dominikanerin zu werden. Ihre Praxis hat sie nach dem Eintritt in das Kloster allerdings nicht aufgegeben, wie sie im Interview erzählt.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 26.02.2018

Frage: Schwester Johanna, warum sind Sie mit Ihrer Hebammenpraxis ins Kloster eingezogen?

Sr. Johanna: Als ich mich mit 26 Jahren entschieden habe, ins Kloster zu gehen, war ich ausgebildete Hebamme mit eigener Praxis. Meinen Beruf wollte ich nicht so gerne aufgeben und meine Praxis auch nicht. Daher war klar, wenn es geht, nehme ich beides mit ins Kloster. Dazu brauchte ich aber erst die Erlaubnis meiner Mitschwestern. Anfangs waren sie eher skeptisch und haben lange überlegt, ob das gut gehen kann. Aber bald waren sie damit einverstanden und haben mir einen kleinen Raum im Gästebereich des Klosters zur Verfügung gestellt. Ich finde, dass das auch eine Form von Verkündigung ist, wenn ich mit Familien arbeite.  So verstehe ich auch den Kern meines Berufes.

Frage: Wie wird Ihre Praxis angenommen?

Sr. Johanna: Sehr gut. Jetzt bin ich schon über 15 Jahre mit meiner Praxis hier. Die Frauen sagen mir immer wieder, dass sie sich im Kloster sehr wohl fühlen und die besondere Atmosphäre bei uns genießen. Das tut auch den Kindern gut. Außerdem kann ich als Hebamme und Ordensfrau den Frauen auch noch Tipps für die Taufe des Kindes geben oder Fragen zu Ehe und Familie beantworten. Manche brauchen auch nur jemanden zum Zuhören. Eine der Frauen hat mir gesagt: "Sie sind ein Engel, denn Engel sind Menschen, die Gott einem schickt."

Frage: Tragen Sie bei den Untersuchungen Ihren Habit?

Sr. Johanna: Ja, ich trage immer ein weißes Ordenskleid mit Schürze, das gut waschbar ist. Nur das Skapulier ziehe ich aus, denn das stört mich bei den Untersuchungen. Manchmal habe ich aber auch einen Jogginganzug an, wenn ich mit den Frauen am Boden turne und Beckenbodenübungen mache. Ich bin außerdem viel unterwegs und mache Hausbesuche. Ich begleite meine Patientinnen vor und nach der Geburt, nur bei der Geburt selbst bin ich nicht dabei. Weil ich auch als Religionslehrerin an einer Mädchenrealschule arbeite, wäre mir das auch aus organisatorischen Gründen zu viel.

Johanna Vogt (42) ist Dominikanerin und Hebamme mit eigener Praxis im Kloster St. Ursula in Donauwörth.

Frage: Sind die Familien irritiert, wenn eine Ordensfrau zur Nachsorge kommt?

Sr. Johanna: Viele kennen mich schon. Für manche ist es befremdlich und sie schauen komisch, wenn ich im Habit zur Tür hereinkomme. Manche fragen mich sogar, ob es erlaubt ist, dass eine Schwester als Hebamme arbeitet. Die Männer halten sich meist komplett im Hintergrund, wenn ich auftauche. Manche wollen auch wissen, wie ich mit Müttern arbeiten kann, wenn ich selbst keine Kinder habe.

Frage: Was antworten Sie darauf?

Sr. Johanna: Ich habe mich vor meinem Eintritt mit dieser Frage intensiv auseinandergesetzt und mich ganz bewusst für ein Leben als Ordensfrau entschieden und damit gegen eine eigene Familie. Das war richtig für mich. Ich bin an dem Platz, an dem Gott mich haben will. Kinder sind immer ein Geschenk, das sage ich meinen Frauen oft. Ich freue mich immer sehr, wenn eine Mutter ein Kind auf die Welt bringt und es beiden gut geht beziehungsweise der ganzen Familie. Ich bin oft die Erste, die die Familie nach der Entbindung besucht. Gerade darin sehe ich meine Aufgabe als Hebamme, erst einmal nur da zu sein für die Frauen und ihre Fragen. Ich höre viel zu, denn meine Arbeit beruht stark auf den Erlebnissen und Erfahrungen der Mütter. Mir macht meine Arbeit viel Freude.

Frage: Gibt es auch Enttäuschungen?

Sr. Johanna: Ja, es gibt viele Grenzerfahrungen, die sehr bitter sind. Immer wieder habe ich Frauen bei mir, die ihr Kind in der 12. oder 18. Schwangerschaftswoche verlieren. Mir tun diese Frauen unendlich leid, weil sie sich schon so auf das Kind gefreut haben. Es gehört auch zu meiner Arbeit, die Frauen im Wochenbett zu begleiten, die ihr Kind verloren haben oder ein Kind mit Behinderung auf die Welt bringen und darüber sehr traurig sind. Ich bin immer sehr vorsichtig damit, fertige Antworten auf ihre Fragen zu geben oder meinen Glauben ausdrücklich sofort ins Spiel zu bringen. Denn mein erster Auftrag ist nicht zu missionieren, sondern Hebamme zu sein. Nur wenn ich glaube, dass es der einen oder anderen Frau gut täte, lasse ich meinen Glauben in die Gespräche einfließen. Ich kann mich an eine Frau erinnern, die ein Kind mit Trisomie 21 zur Welt gebracht hat. Die gesamte Familie hat sich gegen sie gestellt und wollte sie davon überzeugen, das Kind abzutreiben. Es war bestimmt keine einfache Situation. Später hat sie mir erzählt, dass sie das Kind niemals hätte töten können. Für sie ist es ein besonderes Geschenk. Das finde ich stark. Bei ihrer Entscheidung habe ich sie so gut wie möglich unterstützt.

Frage: Was hätten Sie gesagt, wenn die Frau abgetrieben hätte?

Sr. Johanna: Ich versuche den Frauen in solchen Konfliktsituationen immer Möglichkeiten aufzuzeigen, das Leben des Kindes zu schützen. Ich habe zurzeit eine Frau im Kurs, die sagt ganz klar: „Ich bin über 40 Jahre alt, entweder das Kind ist gesund oder es ist nicht mehr mein Kind“. Das ist schon eine Situation, in der ich schlucken muss. Ich frage mich, woher sie sich das Recht nimmt, das zu tun. Es ist doch ein wertvolles Leben, das da heranwächst. Ich kann ihre Ängste nachvollziehen, aber ich kann sie nicht dazu zwingen, es nicht zu tun. Eine Abtreibung bringt auch psychische Folgen mit sich. Ich muss diese Entscheidung nicht ein Leben lang durchtragen, sondern sie muss es tun. Mich tröstet, dass noch einige Untersuchungen anstehen, die diese Frau noch abwarten möchte.

Themenseite: Mein Glaube, mein Leben

Jedes Jahr treten zahlreiche Menschen aus der Kirche aus. Doch es geht auch anders herum. Die Themenseite bündelt Porträts über Menschen, die sich als Erwachsene für die Kirche entschieden haben oder ihren Glauben in einer besonderen Weise leben.

Frage: Begleiten Sie Ihre Patientinnen auch religiös?

Sr. Johanna: Wenn die Eltern es mögen, dann spreche ich ein Gebet oder segne die Kinder nach der Geburt. Einmal war ich auch bei einer Nottaufe dabei. Zu Taufen werde ich immer wieder eingeladen. Da ich aber auch viele muslimische Frauen begleite, passiert das nicht so oft. Ich versuche mehr das, was meinen Glauben ausmacht, vorzuleben und das Vertrauen in das Leben weiter zu schenken. Im persönlichen Gebet sind meine Frauen jeden Tag mit eingeschlossen und ich bete um Segen für meine Arbeit.

Frage: Leiten Sie die Mütter auch an, ihr Kind in den Arm zu nehmen, wenn es schreit?

Sr. Johanna: Diese Frage ist typisch deutsch. Es gibt doch tatsächlich Eltern, die sagen, dass sie ihr Kind zu sehr verwöhnen würden, wenn sie es in den Arm nehmen, sobald es schreit. Manche argumentieren auch mit den Lungen, die durch das Schreien gekräftigt werden. Donnerwetter aber! Der Sanitäter verwöhnt mich auch nicht, wenn ich einen gebrochenen Fuß habe. Dann habe ich Schmerzen und brauche Hilfe. Wenn ein neugeborenes Kind schreit, dann wählt es die Notrufnummer 112. Und dann will es nicht verhätschelt, sondern umsorgt werden. Es müsste in den Familien heute viel selbstverständlicher werden, Kinder in den Arm zu nehmen und zu liebkosen. Wie soll denn sonst so etwas wie Urvertrauen bei ihnen entstehen? Wenn ich das Kind in die Warteschleife setze, dann wird es irgendwann resignieren. Diese Kinder schreien dann innerlich. Wenn man bei denen den Stresshormonspiegel misst, ist der sehr hoch. Ein Kind kann nur Urvertrauen lernen, wenn es weiß, dass da jemand ist. Und genau dieses Urvertrauen ist später auch prägend für unseren Glauben.

Frage: Streicheln Sie die Kinder?

Sr. Johanna: Ja, von Herzen gerne. Manche sagen mir auch, ich hypnotisiere ihre Kinder, weil sie bei mir immer sofort ruhig werden und gut einschlafen. Ich denke mir aber, dass die Kinder spüren, dass ich in mir ruhe und mir Zeit für sie nehme. Kinder sind sehr sensibel und haben ein außerordentliches Gespür für Schwingungen. Wenn ich wenig Zeit habe, fasse ich sie nicht lange an und nehme sie nicht auf den Arm. Nur wenn ich mehr als eine Stunde Zeit für den Hausbesuch habe, dann nehme ich sie zu mir. Denn nur so habe ich die Ruhe, das Kind zu beruhigen. Die Frauen, die zu mir in die Kurse kommen, bringen ab und zu ihre Kinder mit. Dann schaukle ich die Kleinen durch die Gegend, das liebe ich. Früher dachte ich immer, ich muss den Frauen das Stillen beibringen. Heute weiß ich: Mein Auftrag ist es, den Stress aus den Familien rauszunehmen. Nicht jede Mutter muss stillen, schön, wenn es klappt, aber es muss nicht sein. Es geht darum, auf die Bedürfnisse der Mutter und auf das Kind einzugehen. Und die sind jedes Mal anders.

Von Madeleine Spendier

Zur Person

Schwester M. Johanna Vogt (42) trat 2001 in den Dominikanerorden ein und lebt im Kloster St. Ursula in Donauwörth. Als ausgebildete Hebamme ist sie seit 1997 freiberuflich tätig. Sie arbeitet außerdem als Religionslehrerin in der Mädchenrealschule und als Diözesankuratin bei den Pfadfinderinnen der Pfadfinderinnenschaft St. Georg.