Ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher sitzen nebeneinander.
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Theologen diskutieren zum Stand der Ökumene

Heillos gespalten?

In München diskutierten Theologen über den Stand der Ökumene. Dabei ging es auch um die Frage, ob Katholiken das Reformationsjubiläum 2017 überhaupt mitfeiern können.

Von Theresia Lipp |  München - 26.04.2015

Dass im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 noch immer vor allem diskutiert wird, sieht Prof. Thomas Söding gelassen. "Die Art und Weise, wie sich die Theologie mit der Reformation auseinandersetzt, hat sich dramatisch geändert", sagte der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ökumenischen Studienausschusses (DÖSTA), der die Tagung mit organisiert hat, im Gespräch mit katholisch.de. Das sei gerade an den Reformationsjubiläen erkennbar. Waren sie bisher einerseits anti-katholisch gewesen, andererseits aber auch von den Katholiken nicht als Gelegenheit einer offenen und konstruktiven Auseinandersetzung mit Luther wahrgenommen worden, sei das Jubiläum 2017 nun das erste im Zeitalter der Ökumene.

Kritische Stellungnahme zur Kirchenreform

Aber wie sieht es 500 Jahre nach den umwälzenden Impulsen Luthers mit dem Thema Kirchenreform aus? Ausgerechnet auf evangelischer Seite herrscht Zurückhaltung. "Die Reformdiskussion innerhalb der evangelischen Kirche ist etwas müde geworden – der Höhepunkt ist überschritten", erklärte Dr. Johann Schneider, Regionalbischof für den Propstsprengel Halle-Wittenberg. In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sieht er neben einer Finanzkrise vor allem eine Akzeptanz- und Überzeugungskrise. Die Reformer wollten diesen Problemen mit Aktionismus begegnen. "Dagegen sträubt sich mein theologisches Herz", so Schneider.

Auch der katholische Dogmatiker Bertram Stubenrauch warnte vor einem rein äußerlichen Engagement der Gläubigen, das dann auch zu einer verzerrten Außenwahrnehmung führe. "Viele sehen nicht mehr, dass Kirche mit Gott zu tun hat und suchen ihn daher außerhalb von ihr, ohne sie oder konträr zu ihr", beschrieb er die Situation in der Gesellschaft. Daher brauche es die Umkehrbereitschaft jedes Einzelnen. "Die Diskrepanz zwischen dem persönlichen geistlichen Leben und dem äußerlichen Engagement ruft nach Reform", sagte Stubenrauch. Wahre Reform bestehe darin, daran zu arbeiten, dass die institutionelle Seite der Kirche transparent für Gott bleibe. Damit das gelingen könne, verwies er auf den ökumenischen Dialog. "Wäre es nicht denkbar, von protestantischen Gläubigen mehr über die Heilige Schrift, von Orthodoxen mehr über Tradition, von Katholiken mehr über die Rolle des Lehramts zu erfahren?", fragte der Theologe.

Der katholische Dogmatiker Bertram Stubenrauch gestikuliert mit seinen Händen.
Bild: © katholisch.de

Der katholische Dogmatiker Bertram Stubenrauch wünscht sich in der Ökumene die Bereitschaft, voneinander zu lernen.

Umkehr statt Reform

Einen Blick in die Tradition warf der Vertreter der Orthodoxie, Prof. Athanasios Vletsis, tatsächlich, und sparte nicht mit Selbstkritik. Gleich mehrere Punkte nannte er dringend reformbedürftig, darunter die Liturgiesprache und die Einstellung zur ökumenischen Bewegung, da sich die Orthodoxie mit der Anerkennung von anderen Kirchen teilweise noch immer schwer täte. Damit hier etwas vorwärts gehen könne, müsse aber auch an der Wortwahl gearbeitet werden. "Das Reizwort 'Reform' wird in der Orthodoxie nicht so gut angenommen", erklärte der systematische Theologe. Stattdessen schlug er die Verwendung des biblischen Terminus "Umkehr" vor.

An solchen selbstkritischen Beiträgen wird deutlich, wie viel sich in der ökumenischen Bewegung bereits getan hat. Mit der Entstehung von neuen christlichen Gemeinschaften und einer stärkeren Pluralität von Positionen innerhalb der Konfessionen ist sie aber auch komplexer geworden. "Wir versuchen im DÖSTA, diese Breite der ökumenischen Bewegung ins Spiel zu bringen", so Thomas Söding. "Dadurch steigt nicht nur der Unterhaltungswert, sondern auch die theologische Substanz, weil der eigene Konfessionalismus relativiert wird." Trotz aller Differenzen ist die Lage in der Ökumene laut Söding nicht schlecht, insbesondere mit Blick auf die konkrete Arbeit in den Gemeinden und die Diskussionen im Vorfeld des Jubiläumsjahres.

Kirchen dürfen sich nicht selbst feiern

Gerade das hatte in der Vergangenheit aber auch für Furore gesorgt. Die Frage lautet, inwiefern ein Ereignis, das zur Kirchenspaltung geführt hat, von Katholiken gefeiert werden könne. "Es kann nicht sein, dass die Evangelischen einladen und die Katholiken überlegen, ob sie die Einladung annehmen oder nicht", ist Södings erste Antwort auf diese Problematik. Ein katholischer Beitrag müsse in jedem Fall öffentlich sein und einen Gottesdienst beinhalten. Dieser sei für die Fastenzeit 2017 bereits geplant und damit bewusst in eine Zeit der Umkehr eingebunden. "Buße bedeutet neutestamentlich aber nicht, ein zerknirschtes Herz zu haben, sondern die Hoffnung auf Vergebung und einen Neuanfang", stellte der Neutestamentler klar. Es sei zwar wichtig, dass Schuld eingestanden würde, damit das Reformationsjubiläum nicht triumphalistisch würde. Andererseits aber müsse auch deutlich werden, dass eine ganze Reihe theologischer Fragestellungen und kirchlicher Entwicklungen ohne die Reformation nicht zustande gekommen wäre.

Dennoch fehlt dem katholischen Theologieprofessor etwas in der Planung für das Reformationsgedenken. "Wir brauchen Sozialprojekte, caritative Leuchttürme, die der Öffentlichkeit zeigen, wo die Kirche sich gemeinsam einsetzt, was sie überhaupt nur gemeinsam machen kann", betonte er. In Bereichen wie der Schul- oder Militärseelsorge geschehe die ökumenische Zusammenarbeit bereits ganz selbstverständlich und darunter litten weder das katholische noch das evangelische Profil. "Die Öffentlichkeit muss erkennen können, dass die Kirchen nicht sich selbst feiern oder die Lutheraner ihren Helden aufs Podest heben, sondern dass es um wirkliche Arbeit und einen wirklichen Religionsfrieden geht, der auch für die Gesellschaft eine ungeheure Wirkung hat."

Geschenke an die Gläubigen?

Da es bei einem Jubiläum auch um Geschenke gehe, fragte Athanasios Vletsis aus orthodoxer Perspektive, welche Geschenke denn die beiden großen Kirchen in Deutschland ihren Gläubigen machen wollten. "Wir Orthodoxen haben eine gute Erfahrung mit der Aufhebung von Anathema", rief er den Versöhnungsakt zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils in Erinnerung. Daraufhin schlug er vor, ob nicht ein ähnlicher kirchlicher Akt 2017 in der Gemeinschaft zwischen katholischer und evangelischer Kirche etwas Neues besiegeln könnte.

Bereits heute so viel über ein Ereignis in über zwei Jahren zu diskutieren, hält Thomas Söding für besonders wichtig. Darüber, dass 2017 dann kein Interesse mehr am Thema bestünde, macht er sich keine Sorgen. "Im Moment ist es eher Expertenwissen – das beginnt erst langsam, in den Gemeinden anzukommen. Aber das wird sich ändern. Und dann ist es gut, dass wir vorbereitet sind."

Von Theresia Lipp