Die Heilige Kommunion
Kardinal Woelki fordert nur eine Eucharistiefeier pro Gemeinde

Herausforderung Sonntagsmesse: Unterschiede in Stadt und Land

Der Besuch der Sonntagsmesse ist eines der grundlegenden Gebote der Kirche. Doch im Gegensatz zu Großstädten ist in vielen ländlichen Pfarreien der Weg bis zur nächsten Eucharistiefeier oft weit. Kardinal Woelkis Vorschlag zu einer besseren Verteilung der Messen stößt jedoch nicht nur auf Zustimmung.

Von Roland Müller |  Bonn - 16.03.2019

Wie 2018 wurde auch in diesem Jahr der Fastenhirtenbrief des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki am ersten Fastensonntag in den Gottesdiensten im Erzbistum Köln verlesen. Doch anders als im vergangenen Jahr sorgte das Hirtenwort des Erzbischofs dieses Mal für ein breites Echo in den Medien. Der Grund war eine Anregung Woelkis, künftig nur noch eine Sonntagsmesse pro Gemeinde zu feiern. Viele Gläubige fragen sich nun wohl, wie die Worte des Kardinals gemeint sind: Wird es zukünftig etwa in jeder Kölner Pfarrei nur eine Messe am Sonntag geben?

Einige Tage nach der Veröffentlichung des Hirtenbriefs bemüht sich das Erzbistum Köln, Befürchtungen zu zerstreuen: "Der Vorschlag, nur eine Sonntagsmesse pro Gemeinde zu feiern, ist nicht der Kern des Schreibens", erklärt Michael Kasiske vom Erzbistum Köln auf Anfrage von katholisch.de. Vielmehr sei es "eine Überlegung des Kardinals, der den Zugang zur Eucharistie für alle Gläubigen sichern will", so Kasiske weiter. Es gebe keine konkreten Planungen in diesem Bereich, außerdem handele es sich "nicht um das Thema einer Arbeitsgruppe" des Erzbistums.

"Eucharistische Solidarität unter den Gemeinden"

In seinem Schreiben verwendet Woelki den Begriff der "eucharistischen Solidarität unter den einzelnen Gemeinden" – also den Verzicht von Pfarreien mit mehreren Priestern auf eine oder mehrere Sonntagsmessen zugunsten von anderen Kirchengemeinden, die sonst nicht Eucharistie feiern könnten. In diesem Kontext seien die Äußerungen des Kölner Erzbischofs zu verstehen, erklärt Kasiske. Dahinter stehe die Frage, "wie wir es schaffen können, dass sonntags möglichst in jeder Gemeinde Eucharistie gefeiert werden kann". Zudem betont Kasiske, dass es "Kardinal Woelki nicht um ein Weniger, sondern um ein Mehr" gehe.

Kardinal Rainer Maria Woelki

Der Erzbischof von Köln, Kardinal Rainer Maria Woelki, hat sich in seinem diesjährigen Fastenhirtenbrief dafür ausgesprochen, sonntags nur noch eine Messe pro Gemeinde zu feiern.

Das kann auch der Leitende Pfarrer der Gemeinden in der Kölner City bestätigen: "In der Innenstadt sind wir in der glücklichen Lage, dass es ausreichend Priester für alle Kirchorte gibt", sagt Domkapitular Dominik Meiering. Daher müssten die Gläubigen nicht fürchten, dass es nun weniger Messen in Köln gebe. Doch Meiering macht andere Problemstellungen in den Gemeinden der Domstadt aus: "In einer Innenstadt ist vieles anders: hier gibt es an einem Kirchort oft mehrere Gemeinden." Was er damit meint, beschreibt der Leiter des Sendungsraums Köln-Mitte wie folgt: "Um 10 Uhr lateinisches Hochamt und dann um 11.30 Uhr Familienmesse, abends dann noch eine Messe für junge Leute mit anschließendem gemütlichen Beisammensein. Unterschiedliche Menschen, die von den verschiedensten Orten bewusst in diese oder jene Kirche gefahren kommen."

Gläubige wählen Gottesdienstort selbst

Bei diesem vielfältigen Angebot müsse man "schauen, ob die Messzeiten so für die Menschen passen und ob die Profile der Gottesdienstorte nicht noch eine größere Bandbreite haben könnten", glaubt Meiering. Er beobachte, dass die "Menschen in einer Großstadt wie Köln ihre Gottesdienstorte selber wählen." Sie würden nicht unbedingt dorthin gehen, wo sie wohnen, "sondern, wo sie sagen: 'Da ist die richtige Musik, da stimmt die Atmosphäre und ich kann etwas von der Predigt mitnehmen'". Deshalb sei für die einzelnen Gemeinden und Kirchorte eine Profilierung und klare Identifizierung wichtig: "Sie müssen wissen, welches Instrument sie im Konzert der Kirchen in der Innenstadt spielen."

Doch auch besondere Aktionen in den geprägten Zeiten, die den Gläubigen innerhalb ihres vollen Alltags Möglichkeiten zum Gottesdienstbesuch lassen, würden immer wieder angefragt, berichtet Meiering. Er denkt dabei etwa an den Beginn der Fastenzeit und das Angebot eines "Aschenkreuz to go", "wie es das auch in anderen Städten gibt".

Dominik Meiering
Bild: © KNA

Domkapitular Dominik Meiering ist Leitender Pfarrer der Kölner Innenstadtgemeinden.

Anders als in Großstädten sind in ländlichen Kirchengemeinden die Wege bis zur nächsten Sonntagsmesse meist sehr weit. Denn in vielen der oft zu weitflächigen Pfarrverbünden oder Großgemeinden zusammengefassten Kirchen in ländlichen Gebieten findet nicht jeden Sonntag eine Eucharistiefeier statt, berichtet Thomas Dietrich aus dem Erzbistum Freiburg. Der diözesane Landvolkpfarrer befürwortet aus diesem Grund den Vorstoß Woelkis. "Die Diözesen müssen sich ehrlich fragen, wo die wenigen verbliebenen Priester gebraucht werden", gibt Dietrich zu bedenken. In einer Stadt könne man aufgrund der kürzeren Wege auch mit weniger Priestern in der Breite wirken. Auf dem Land würden sie dringend gebraucht.

"Die Kirche bleibt im Dorf und damit auch das Dorf in der Kirche"

Dennoch spricht sich Dietrich entschieden dagegen aus, Geistliche nur zur Feier der Sonntagsmesse in andere Gemeinden zu schicken: "Die Priester müssen in der Seelsorge vor Ort verwurzelt sein." Doch aufgrund des Priestermangels und größer werdender Seelsorgebezirke hätten besonders die Gläubigen in ländlichen Gemeinden gelernt, selbstständig zu sein. "Nur so kann man in der Pastoral eines Dorfes noch etwas bewegen", ist Dietrich überzeugt.

Dazu sieht er vor allem die Hauptamtlichen in der Pflicht: "Priester und Diakone, aber auch Pastoral- und Gemeindereferenten sollen in erster Linie die Gläubigen zum selbstständig gelebten Christsein befähigen." So könne man bewirken, dass "die Kirche im Dorf bleibt und damit auch das Dorf in der Kirche". Deshalb sei eine "Fixierung auf die Eucharistiefeier" und die Zahl der Messen nicht hilfreich. Eine liebevoll vorbereitete Wortgottesfeier sei daher manchmal besser als eine schnell gelesene Messe eines Pfarrers, der gleich zur nächsten Eucharistiefeier weiterhetzen müsse, ist Dietrich überzeugt.

In ländlichen Gemeinden sind die Wege bis zur nächsten sonntäglichen Eucharistiefeier oft sehr lang.

Den Fastenhirtenbrief des Kölner Kardinals liest sich etwas anders: Woelki betont in seinem Schreiben den hohen Wert der sonntäglichen Eucharistiefeier als "Sakrament der Sakramente". Mit seinem Vorschlag, nur eine Sonntagsmesse pro Gemeinde zu feiern, knüpft er zudem an Überlegungen unterschiedlicher Liturgiewissenschaftler an. So plädierte Michael Kunzler in seinem Buch "Liturgie der Kirche" aus dem Jahr 1995 für eine von "der Stundenliturgie des Sonntags 'umrahmte' Pfarrmesse", also eine zentrale Eucharistiefeier, die durch weitere Gottesdienstangebote aus dem kirchlichen Stundengebet am Morgen und Abend ergänzt wird.

Auch die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) "Sacrosanctum Concilium" hatte empfohlen, darauf hinzuarbeiten, "dass der Sinn für die Pfarrgemeinschaft vor allem in der gemeinsamen Feier der Sonntagsmesse wachse". Woelki betont außerdem, dass sein Vorschlag ein "altchristlicher Brauch" sei und bis ins 19. Jahrhundert hinein praktiziert wurde. Ob er auch in der heutigen Zeit umsetzbar ist, muss sich erst noch zeigen.

Von Roland Müller

Linktipp: "Wenn ihr als Gemeinde zusammenkommt"

Den diesjährigen Fastenhirtenbrief des Kölner Erzbischofs, Kardinal Rainer Maria Woelki, mit der Überschrift "Wenn ihr als Gemeinde zusammenkommt" finden Sie im Wortlaut unter dem unten stehenden Link.