Der Nevigeser Mariendom wird nachts angestrahlt.
Die Lichtplanung in Kirchen ist nicht nur Geschmackssache

Himmlische Beleuchtung

Hell genug zum Lesen soll es in Kirchen sein - darüber sind sich wohl alle einig. Ansonsten gibt es, was Beleuchtung angeht, verschiedenste Wünsche. Ein Lichtplaner und ein Diözesanbaumeister im Gespräch.

Von Johanna Heckeley |  Köln/Wuppertal - 10.12.2017

Wie bringt man Licht ins Dunkel? Man braucht Strom, ein Kabel, ein Schalter, eine Fassung und eine Birne. Dazu werden in Wohnungen und Büros gerne Energiesparlampen verwendet. Aber nicht nur dort – auch in Kirchen würden sie mitunter in die Fassung geschraubt, erzählt Lichtplaner Daniel Klages. Mit unbefriedigendem Ergebnis: "Es ist damit zwar hell, aber es entsteht überhaupt keine Atmosphäre." Energiesparlampen führten zu sehr unbehaglichem Licht, weil alles gleich hell ist. "Diese Lampe kann keine Lichtschwerpunkte herausarbeiten und keine Besonderheiten sichtbar machen", sagt Klages.

Für Kirchen eher keine gute Voraussetzung, findet auch der Erzdiözesanbaumeister des Erzbistums Köln, Martin Struck. Gotteshäuser richtig zu beleuchten, sei immer schwierig: "Bei den Lichtverhältnissen geht es um das Gesamtkunstwerk, also wie die Beleuchtung zum Gesamteindruck des Kirchenraumes passt. Da spielt auch die Frage rein, was wir für eine Stimmung transportieren wollen." In den 70er Jahren sei es etwa modern gewesen, die Kirchen wie einen klaren, hellen Versammlungsraum zu gestalten. "Aber die mystische Ausstrahlung, das Geheimnis des Glaubens, das Gotteshäuser vermitteln können, soll ja auch in der Raumstimmung vorkommen", sagt Struck. Voraussetzung bleibe dabei, dass man Schrift und Noten immer noch hinreichend gut erkennen sollte.

"Die Anforderungen an das Licht sind in den letzten Jahren immer gewachsen", beobachtet Daniel Klages. Sei es früher nur um "schöne Leuchter und ein bisschen Atmosphäre" gegangen, müssten die Leuchten heute mehreren Ansprüchen genügen – neben der Lesebeleuchtung etwa dem Denkmalschutz, dem sehr viele Kirchengebäude unterstehen. Der Wunsch vieler Kirchengemeinden sei außerdem, ihre Kirche für die unterschiedlichsten Veranstaltungen, wie Sonntagsgottesdienste, Trauungen oder auch Konzerte, verschieden ausleuchten zu können.

Daniel Klages

Daniel Klages ist geschäftsführender Gesellschafter des Licht-Planungsbüros Dinnebier Licht.

Ein prachtvolles Kirchengewölbe von unten zu bestrahlen – solche oder ähnliche Beleuchtung werde in der Tat von vielen gewünscht, weiß auch Erzdiözesanbaumeister Struck. Das Gotteshaus auf diese Art in Licht zu tauchen, grenze an Effekthascherei: "Das wirkt vielleicht im ersten Moment Aufsehen erregend ungewöhnlich. Aber es ist nicht das, was unsere historischen Bauten brauchen – denn gebaut sind Kirchen für ganz normales Sonnenlicht." Durch die direkte Anstrahlung würden die Ausstattung und die Kunstwerke im Gotteshaus ungebührlich in Szene gesetzt. "Das führt dann zu einer Theater- oder Museumsatmosphäre." Struck plädiert daher für Zurückhaltung: "Weniger ist mehr."

Ein prominentes Beispiel für effektvolle Beleuchtung ist der Mariendom in Neviges. Seit Ende 2007 wird die markante Wallfahrtskirche aus Beton von außen angestrahlt. "Das sollte ursprünglich nur eine temporäre Beleuchtung sein, die zum 40-jährigen Domjubiläum 2008 vom Stadtmarketing gestiftet wurde", erklärt Klages. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Licht-Planungsbüros Dinnebier Licht, das den Auftrag bekommen hatte. Doch der Architekt der Kirche, Gottfried Böhm, habe sich am Eröffnungsabend positiv darüber geäußert und darum gebeten, dass es so bleibe. "Da war es gut, dass wir es nicht ganz provisorisch gemacht haben, weil wir schon überlegt hatten, dass es bleiben kann, wenn es gefällt", erzählt Klages.

Für's Licht durch die Büsche gekrochen

Für die Aufstellung der insgesamt zehn Halogen-Metalldampf-Lampen mit je 150 Watt hätten sie damals zunächst nach geeigneten öffentlichen Gebäuden gesucht, so der Lichtplaner. An denen seien die Strahler befestigt worden, um die Kirche mit ihren zeltartigen Dächern aus einiger Entfernung beleuchten zu können. Welche der Flächen angestrahlt und welche dunkel bleiben sollten, wurde vor Ort entschieden: "Da hatten wir dann so ein paar Strahler eingepackt und sind durch die Büsche gekrochen, um es auszuprobieren", erklärt Klages. Das sei das Schöne an der Lichtplanung an und in Kirchen: "Man kann zwar Simulationen machen, aber man muss es ausprobieren, um zu sehen, wie es wirkt."

Die Außenbeleuchtung erhielt nicht nur das Lob des Architekten, sondern stieß auch allgemein auf Wohlwollen. Erzdiözesanbaumeister Struck sieht jedoch auch eine andere Facette. "Wir haben heute eine Art Eventkultur", meint er. "Ich lehne nicht ab, dass man eine solche Beleuchtung für einen gewissen Zeitraum ausprobiert. Aber man muss auch überlegen, ob man das über Jahrzehnte hin sehen möchte." Neben vermeidbarer Energieverschwendung befürchtet er eine zunehmende "Lichtverschmutzung". Helles oder buntes Strahlerlicht könne die mystische Atmosphäre zerstören, die eine dunkle Kirche attraktiv machte. "Man muss sich fragen, ob es das ist, was man in Kirchen sucht, wenn man dort jedes Geheimnis sozusagen ausleuchtet", meint Struck. "Man muss auch Dunkelheit aushalten können, sonst wirkt die Symbolsprache von Licht und Dunkel nicht mehr."

Der mittelalterliche Teil der Klosterkirche St. Stephanus und Vitus der ehemaligen Abtei Corvey.

Der Mittelalterteil der Klosterkirche St. Stephanus und Vitus der ehemaligen Benediktinerabtei Corvey. "Die Leuchten sollten sich in ihrer eigenen Gestaltung extrem zurücknehmen" erklärt Lichtplaner Klages. "Sie sollten frei stehen, damit nirgendwo reingebohrt werden musste, und werden vom Fußboden aus mit Strom versorgt."

Lichtplaner Klages trifft in den Gotteshäusern häufig auf verschiedenste Vorstellungen von Beleuchtung. Oft habe er daher bereits Lichtquellen dabei, um den Verantwortlichen wie Pfarrer, Architekt oder Kirchenvorstand "ein Gefühl dafür zu geben, wie wir mit Licht umgehen". Dabei gehe es auch darum, was möglich sei – und was nicht. Immer wieder gebe es beispielsweise den Wunsch, die Kirchenfenster von außen anzustrahlen, damit sie innen so leuchteten wie bei Sonnenlicht. "Das ist völlig ausgeschlossen, weil sich das Licht der Sonne nicht imitieren lässt", stellt er klar. "Es ist wichtig zu verstehen, dass sich Kirchen unter Kunstlicht anders darstellen als unter Tageslicht."

Habe man sich auf eine Gestaltung verständigt, gehe es an die Umsetzung. Einfach nur "schöne Leuchten" zu finden, sei nicht das wichtigste Kriterium: Zuerst gehe es um die Funktion, die die Lichtquelle erfüllen soll, erklärt Klages. Außerdem seien die technischen Voraussetzungen und der Denkmalschutz entscheidend. "Das, was man an Lichtkörpern einbringt, soll ein Aussehen haben, das von den Denkmalämtern als passend und angemessen bewertet wird", so der Lichtplaner. So habe man beispielsweise für die Klosterkirche St. Stephanus und Vitus der ehemaligen Benediktinerabtei Corvey sehr reduzierte Leuchten gewählt. Die Lampen im mittelalterlichen Gebäudeteil sind freistehend, damit nicht gebohrt werden musste, und werden vom Fußboden aus mit Strom versorgt. "Wir werden meistens eingeladen, wenn die Kirchen nach einer längeren Umbauphase wieder eingeweiht werden", erzählt Klages. "Da bekommen wir direkte Rückmeldung von der Gemeinde. Und die ist in aller Regel positiv."

Aufträge in Gotteshäusern sind für den Lichtplaner, dessen Firma unter anderem den Flugsteig A und B im Düsseldorfer Flughafen, das Alpha Rotex-Bürogebäude in Frankfurt und das Düsseldorfer Rathaus beleuchtet hat, aus gleich mehreren Gründen herausragend. "Die Lichtplanung für Kirchen ist für mich tatsächlich die Königsdisziplin", meint Klages. Nicht nur die Dimensionen der Kirchenräume und ihre technischen und funktionellen Herausforderungen machten den Reiz aus. "Anders als bei manch anderen Projekten fahre ich als ersten Schritt hin und lasse den Kirchenraum auf mich wirken." Dabei zähle eindeutig auch der spirituelle Aspekt: "Diese Orte sind besonders, das ist manchmal magisch." Und daher erst recht der falsche Platz für eine Energiesparlampe.

Von Johanna Heckeley