Crowdfunding-Buchprojekt "Nicht mehr schweigen"
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Crowdgefundetes Buch lässt LGBT-Gläubige zu Wort kommen

Homosexuelle Christen schweigen nicht mehr

Ob katholisch, evangelisch oder in einer Freikirche: Homo-, Bi- und Transsexuelle fühlen sich in vielen Gemeinden nicht willkommen. Gläubige aus dem christlich-konservativen Umfeld berichten nun in einem neuen Buch über ihr Coming-Out.

Von Agathe Lukassek |  Wuppertal/Bonn - 15.10.2018

Crowdfunding-Aktionen gibt es viele, aber diese hier hat sehr schnell ihr Ziel erreicht: Homo-, bi- und transsexuelle Christen sammeln seit einer Woche online Geld, um ein Buch im Selbstverlag herauszubringen, das mit den Lesern 25 Erfahrungen mit dem Coming Out und dem Leben im christlich-konservativen Umfeld teilt. Wer die Aktion unterstützt, sichert sich ein Exemplar. Nach zweieinhalb Tagen war das erste Ziel erreicht: "7.500 Euro bedeuten, dass wir das Buch drucken können", sagt Herausgeber Timo Platte gegenüber katholisch.de. Auch die zweite Hürde von insgesamt 12.000 Euro Spenden hat Platte genommen. Nun kann er eine Hörbuch-Version produzieren und es mit dem restlichen Geld bewerben.

Das Buch mit dem Titel "Nicht mehr schweigen" soll anders sein als andere Bücher zum Thema Kirche und Homosexualität: Es geht nicht um theologische Fragestellungen oder um bestimmte Bibelstellen, die je nach Lesart beweisen sollen, dass Gott gleichgeschlechtlich liebende Menschen entweder hasst oder liebt. Platte sagt, das Werk richte sich vor allem an Familien, Freunde und Kirchengemeinden von lesbischen, schwulen, bi-, transsexuellen oder kurz: queeren (LGBTQ) Christen. Man habe zunächst auch versucht, das Buch über persönliche Kontakte zu fünf christlichen Verlagen in einem von diesen zu veröffentlichen. Aus wirtschaftlichen Interessen und weil die Verlage wohl eine Auseinandersetzung mit konservativen Lesern scheuten, sei es zu keiner Publikation gekommen.

Für viele konservative Christen sei das ganze Thema mit Angst besetzt, berichtet Platte. Es sei ihnen fremd, sich damit auseinanderzusetzen oder sie ekelten sich vor der Vorstellung gleichgeschlechtlicher Sexualität. "Den Menschen möchten wir sagen: Ihr müsst euch das gar nicht ausmalen; lest einfach die Berichte und lernt uns – die Queeren in eurer Kirchengemeinde – und unsere Geschichten kennen". Er möchte, dass sich auch konservative Christen mit der LGBT-Thematik in ihren eigenen Reihen ergebnisoffen auseinandersetzen.

Die zweite Zielgruppe sei die "queere Szene" selbst. Denn da gebe es teilweise wenige Berührungspunkte sowie kaum Verständnis für fromme Christen in der "Szene" – und viele Fragen. Wenn das Buch erschienen ist, seien Lesungen und Begegnungen mit dem Autorenteam geplant, damit sich diese beiden "Welten" kennenlernen. "Das Buch soll eine Brücke schlagen", sagt Platte und es klingt nach dem Buchtitel des US-amerikanischen Jesuiten James Martin, der eine Brücke zwischen katholischen Homosexuellen und ihrer Kirche bauen will.

Das Erleben, nicht erwünscht zu sein

In 25 Episoden berichten insgesamt 27 Menschen vom "langen Weg queerer Christen zu einem authentischen Leben", wie es im Untertitel heißt. Die Altersspanne reicht von einem Mann Mitte 20 bis hin zu einer 70 Jahre alten mehrfachen Oma, die sich erst mit 60 Jahren outete. Ein Großteil der Berichte stammten von Christen aus der evangelikalen Ecke, aber auch Katholiken und Protestanten seien dabei. Überall gebe es Menschen mit einer ähnlichen Ausrichtung konservativer Werte – Platte verweist auf die Landeskirche Württemberg, die gleichgeschlechtlichen Paaren bisher keine öffentlichen Segnungsfeiern anbietet.

In den Berichten geht es um den Hauptkonflikt der Erzählenden: "Sie erleben, dass sie nicht erwünscht sind – und oft denken sie, dass sie der einzige queere Christ ihrer Gemeinde sind", so Platte. Er selbst kommt aus einer evangelisch-freikirchlichen Gemeinde, in der das Thema Homosexualität seiner Aussage zufolge sehr umstritten ist und wo er keinen Rückhalt erfahren hat. Zu seinem Glück fand er in der Nachbarschaft einen evangelischen Pastor, der ihn als Schwulen akzeptierte und ihn bis heute seelsorglich begleitet.

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Vom Papst hat James Martin noch nichts gehört, dafür gab es Lob von Kardinälen: Mit seinem neuen Buch will der US-Jesuit Brücken zwischen der Kirche und katholischen Homosexuellen bauen. (Interview aus dem Jahr 2017)

Mehrere Jahre engagierte sich Platte als diakonischer Begleiter in der Straffälligenhilfe, seit 2006 arbeitet er als Grafikdesigner in Wuppertal. Sein Coming-Out vor sechs Jahren habe sein Leben ziemlich auf den Kopf gestellt, berichtet er. "Es ist für mich immer noch spannend, mit Menschen zu reden und die eigene Geschichte zu erzählen." Die meisten der Autoren, die in dem knapp 300 Seiten starken Buch zu Wort kommen, hat Platte über den Verein "Zwischenraum" kennengelernt, einer Initiative queerer Christen in mehreren deutschen und schweizerischen Städten.

Einige der Autoren haben sich in ihrer Familie, ihrer Gemeinde oder im Berufsleben (noch) nicht geoutet. Deshalb erscheinen alle Geschichten anonym, das heißt nur mit dem Vornamen oder einem Pseudonym der Person. Bei einem einst "heterosexuellen" Paar fühlt sich der biologische Mann als Frau. Das Thema Transsexualität kommt in einem reifen Alter auf den Tisch und dem nun "lesbischen" Paar stellen sich viele neue Fragen: "Kann ich das als Gemeindeleiter meiner Gemeinde zumuten? Werden meine Mitchristen mich auch als Frau im Leitungsteam akzeptieren?". Ein weiteres lesbisches Paar berichtet, dass sie 15 Jahre lang als "Freundinnen" in ihrer Kirchengemeinde engagiert waren – nach ihrem Coming Out aber aus der Gemeinde ausgeschlossen wurden.

Dennoch soll das Buch keine Anklage gegen die christliche Welt sein, betont Platte. "Die Botschaft lautet: Es gibt uns und unsere Stimmen müssen gehört werden." Im Buch werden die Leser auf Menschen wie Du und ich treffen, ist er sicher. "Jeder hat seine Geschichte, seinen Glauben, seine Fragen. Es ist ganz wertvoll, einfach mal zuzuhören." Im Dezember soll das Buch "Nicht mehr schweigen" erscheinen.

Von Agathe Lukassek