Stefanie Krügel
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Warum sich Stefanie Krügel als Erwachsene taufen ließ

"Ich fühlte mich, als wäre ich gefunden worden"

2014 traten in Deutschland so viele Menschen aus der Kirche aus wie noch nie. Doch es geht auch anders herum. So wie bei Stefanie Krügel. - Start der neuen katholisch.de-Serie "Mein Glaube. Mein Leben."

Von Julia-Maria Lauer |  Bonn - 24.06.2016

Nach dem Verbot des schulischen Religionsunterrichtes in der DDR blieb diese Katechese in den Gemeinden die einzige Möglichkeit, etwas über den christlichen Glauben zu erfahren. Die Mutter willigte schließlich ein. An einem kalten Wintertag machte Stefanie sich auf den Weg. Mehrere Kinder waren dort um ein Gemeindemitglied versammelt und lauschten gespannt den Geschichten aus der Bibel. "Wenn ich so darüber nachdenke, lernte ich Jesus dort zum ersten Mal kennen", sagt sie. Stefanie war fasziniert, wäre gerne wiedergekommen, doch ihre Mutter konnte dem neuen Hobby der Tochter dann doch nichts abgewinnen. Sie befürchtete, dass die katholische Kirche das Kind negativ beeinflussen könnte, und legte der Tochter nahe, nicht mehr an der Gruppenstunde teilzunehmen.

Als Jugendliche rückten Glaube und Kirche für Stefanie weiter in den Hintergrund. Sie versuchte, viel Zeit mit ihren Freunden zu verbringen, um gemeinsam mit ihnen die Welt zu entdecken. "Ich lief mit und tat lieber, was die anderen taten, als mich mit Gott zu beschäftigen", sagt sie. Das Abitur brach sie ab, da Partys ihr wichtiger waren und sie ohnehin keine großen Zukunftspläne hatte. Was aber blieb: "Egal wo ich war, es war mir wichtig, jede Kirche zu besuchen", sagt sie. "Tief in meinem Innern hätte ich mich wohl gerne mit dem Glauben auseinandergesetzt", fährt die heute 35-Jährige fort. Aber sie befürchtete, nicht mehr von ihren Freunden akzeptiert zu werden, und verdrängte diesen Wunsch.

Taufe Stefanie Kruegel
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An Ostern 2015 empfing Stefanie Krügel von Kardinal Reinhard Marx die Taufe.

Statt dem Abitur machte Stefanie einen Realschulabschluss und begann eine Ausbildung zur Internationalen Managementassistentin. Ihre Schwerpunkte: Sprachen und Wirtschaft. Als Stefanie 20 war, verstarb ihre Mutter. Rückhalt in der Religion fand sie damals noch nicht. Erst zwei weitere Schicksalsschläge konfrontierten Stefanie Jahre später wieder mit der Frage nach Gott. 2013 kam ihr Vater, mit dem sie lange keinen Kontakt gehabt hatte, tragisch ums Leben. Im selben Jahr trennte sie sich von ihrem Partner, mit dem sie mittlerweile in München lebte. Die darauffolgende Sinnkrise ging für Stefanie einher mit gesundheitlichen Problemen. "Trotzdem hatte ich das Gefühl, da ist etwas, das mich hält und trägt", sagt sie. Ein Arbeitskollege, der Christ war, nahm sie mit in das nahe gelegene Benediktinerkloster St. Ottilien. Bei einem winterlichen Spaziergang unterhielten sie sich mit einem Mönch, der ihnen von sich und seinem Glauben erzählte. "Eigentlich wollte ich von mir sprechen, aber mir verschlug es die Sprache", sagt Stefanie. "Er ruhte so sehr in sich und strahlte etwas Erhabenes aus."

Bleibender Eindruck des Klosterbesuches

Der Besuch des Klosters hinterließ bei Stefanie einen bleibenden Eindruck. Vor allem das Chorgebet begeisterte sie. "Wie ruhig und selbstverständlich die Mönche zum Gebet einlaufen, hat sich mir eingeprägt", sagt sie. Stefanie begann, das Stundengebet online mitzubeten, und lernte mit der Zeit, die Texte besser zu verstehen. Langsam reifte in ihr der Wunsch, an Gottesdiensten teilzunehmen, zunächst unsichtbar in der letzten Reihe. Weiter vorne zu sitzen, traute sie sich noch nicht. Bald wurde ihr aber klar: "Ich brauche jemandem, der mir in meiner Situation weiterhelfen kann. Ich möchte tiefer eintauchen." Im Sommer 2014 wandte sie sich deshalb an die Katholische Glaubensorientierung in München. Nach einigen Gesprächen entschloss sie sich, an einem Glaubenskurs für Erwachsene teilzunehmen, die das Christentum kennenlernen oder ihren Glauben auffrischen wollen.

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Sie ist das grundlegende Sakrament der Christen: die Taufe. Doch worum geht es bei der Taufe eigentlich? Steckt das Sakrament vielleicht in der Krise, so wie es aktuelle Zahlen vermuten lassen? Katholisch.de gibt Antworten.

Taufe Stefanie Krügel
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25 Bewerber waren es, die sich auf die Taufe vorbereitet hatten.

Der Kurs begann im Herbst 2014. Zunächst ging es für die 25 Teilnehmer darum, sich gegenseitig kennenzulernen und von den persönlichen Glaubenswegen zu erzählen. Viele berichteten von Schlüsselmomenten: In schwierigen Situationen oder Lebenskrisen hatten sie Gottes Gegenwart gespürt. Andere sprachen von einem besonderen Interesse am Glauben, auf das sie aber erst spät zu hören begannen. Nach dem Kennenlernen folgten Inhalte: Gibt es Gott? Wer ist Jesus Christus? Was bedeutet Trinität? Ein bis zwei Treffen gab es pro Monat, in der Advents- und Weihnachtszeit waren es mehr. Stefanie wurde sich immer sicherer, dass dies ihr Weg sei. "Ich fühlte mich, als wäre ich gefunden worden", sagt sie.

An Ostern 2015 war es soweit. Zusammen mit den anderen Bewerbern empfing Stefanie von Kardinal Reinhard Marx, dem Erzbischof von München und Freising, die Taufe. Diese sei "ein Schub in eine neue Wirklichkeit", sagte der Erzbischof damals. Erst Monate später wurde Stefanie klar, was damit gemeint war: "Als Christ darf ich sicher sein, dass Gott mich liebt und immer da ist, gerade in schwierigen Situationen." Die Begegnung mit anderen Christen helfe ihr seitdem, an ihrem Glauben festzuhalten. Für diese "erfüllteren Beziehungen" ist Stefanie besonders dankbar. Und schließlich sei sie nicht mehr so überstürzt in ihren Entscheidungen. "Heute vertraue ich mehr und lasse mir Zeit", sagt sie.

"Schub in eine neue Wirklichkeit"

Dass sie in einer Zeit katholisch geworden ist, in der so viele Menschen wie noch nie aus der Kirche ausgetreten sind, verunsichert Stefanie nicht. Im Gegenteil: Dinge verändern, die einen eventuell stören, könne man am besten als Mitglied, sagt sie. Und andere Dinge habe sie überhaupt erst verstanden, seit sie den Glauben gefunden habe. Den Zölibat zum Beispiel. "Er ist gut und schön. Der Priester kann sich so ganz anders auf Gott und die ihm anvertrauten Menschen konzentrieren", sagt Stefanie. Sie merke selbst, dass sie als Alleinstehende leichter an ihrer Gottesbeziehung arbeiten könne. "Wenn ich einen Partner habe, bin ich schneller abgelenkt", fügt sie hinzu.

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Katholiken begleiten ihre Sakramente quasi von der Wiege bis ins Grab - oder von der Taufe bis zur Krankensalbung. Aber was ist ein Sakrament überhaupt? Und wie sind sie entstanden?

Dass sie bereits kurze Zeit später ins Schwanken kommen würde, hätte sie nicht gedacht, "weil sich alles so schön fügte". Aber dann kam mit dem Stress die erste Bewährungsprobe für den Glauben: Im Januar 2016 entschloss sich Stefanie Krügel, das vor vielen Jahren abgebrochene Abitur nachzuholen. Sie wollte zu Ende bringen, was sie zuvor versäumt hatte. Und plötzlich gab es keine klare Richtung mehr. "Ich hing in den Seilen, zweifelte sehr an mir", sagt Stefanie. Sie wollte von Gott wissen, wohin ihr Weg sie führen könnte. Doch sie hatte das Gefühl, weder Gottesdienst noch Gebet könnten ihr für ihre Entscheidungen helfen. Trotzdem wollte sie "dranbleiben". Sie sprach mit Freunden und geistlichen Begleitern. Allen Schwierigkeiten zum Trotz hörte sie nicht auf zu beten – und überwand ihre Krise.

Es sei wichtig, in solchen Situationen nicht zu verzweifeln und trotzdem mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen, sagt Stefanie. Wie das geht? "Man muss versuchen, Ruhe zu finden, um dann zu merken: Gott ist doch da. Auch wenn ich es einen Moment nicht gespürt habe." Einen Menschen in einer Glaubenskrise würde Stefanie an die Hand nehmen und mit ihm ans Meer fahren. Oder ins Kloster. In diesen "Kraftorten" verbringt sie nach wie vor regelmäßig Zeit. Besonders schätzt sie die Liturgie und die Spiritualität der klösterlichen Gemeinschaften. Von einem Aufenthalt im Kloster bricht sie immer gestärkt auf. "Ich bin dann wieder bereit für den Alltag", sagt sie und spricht von einem "offeneren Blick für alltägliche Situationen". Dieser könne auch schon bedeuten, einem anderen die U-Bahn-Tür aufzuhalten. Auf Kleinigkeiten komme es oft nur an, darauf, nicht mehr nur sich selbst, sondern den anderen zu sehen. Und im anderen Menschen Gott zu begegnen. Ihre Geschichte hat Stefanie den 40 Taufbewerbern des Glaubenskurses 2015/2016 erzählt, bei dem sie der Leitung unterstützend zur Seite stand. Die Teilnehmer hatten viele Fragen an sie. "Vor zwei Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, einmal dort zu stehen", sagt sie.

Von Julia-Maria Lauer

Zur Person

Stefanie Krügel (35 Jahre), Internationale Managementassistentin, empfing am 12. April 2015, am Weißen Sonntag, in St. Michael in München die Sakramente der Taufe, Firmung und Kommunion.

Themenseite: Mein Glaube, mein Leben

Jedes Jahr treten zahlreiche Menschen aus der Kirche aus. Doch es geht auch anders herum. Die Themenseite bündelt Porträts über Menschen, die sich als Erwachsene für die Kirche entschieden haben oder ihren Glauben in einer besonderen Weise leben.