Martin Suter ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Schriftsteller der Gegenwart.
Schriftsteller Martin Suter über seine Bücher und die Ewigkeit

"Ich schreibe nicht für die Nachwelt"

Die Zeit, die Zeit" heißt der neue Roman von Martin Suter. Im Mittelpunkt der Erzählung steht ein besonderes Experiment: Der alte Witwer Albert Knupp versucht, sich mit einem groß angelegten Rückbau seines Hauses samt der angrenzenden Gebäude um 20 Jahre zurückzuversetzen, um seine Frau noch einmal wiederzusehen. Im Interview spricht Suter über den Roman, die Ewigkeit und das Schreiben.

Bonn - 14.10.2012

Frage: Herr Suter, was bedeutet Ihnen persönlich die Zeit?

Suter: Zeit zu haben ist ein großer Luxus. Aber ich pflege keinen bewussten Umgang mit der Zeit. Immer noch habe ich das Gefühl, ich hätte einen unbegrenzten Vorrat davon.

Frage: In Ihrem neuen Roman will der Witwer Knupp dem Verlust von Zeit entgegenwirken - und dabei ein Stück Ewigkeit erlangen.

Suter: Das ist ein Grundmotiv von uns allen. Und ein Gedanke, an den wir uns nicht gewöhnen können, den wir nicht akzeptieren wollen: Das es mit unserem Leben mal vorbei ist. Auch die Kirche setzt da ihre Botschaft dagegen.

Frage: Glauben Sie selbst an die Idee vom ewigen Leben?

Suter: Ich hätte gerne daran geglaubt. Ich habe daran gearbeitet. Aber das ist gründlich gescheitert.

Den Gottesbeweis gibt es nicht, aber das Gegenteil gibt es auch nicht, oder?

Zitat: Martin Suter

Frage: Was folgt daraus für Sie?

Suter: Den Gottesbeweis gibt es nicht, aber das Gegenteil gibt es auch nicht, oder? Das heißt, wir sind alle relativ frei zu entscheiden und der Glaube, dass es keinen Gott, keine Schöpfung, keine höhere Macht gibt, ist genauso ein Glaube wie das Gegenteil. Also ich bin da hilflos.

Frage: Wäre es denn schön, wenn es einen Gott gäbe?

Suter: Oh ja, das wäre schön. Aber er müsste sich schon ein bisschen nach meinen Vorstellungen benehmen. Diesen Glauben an den allmächtigen Gott, den kann man fast nicht nachvollziehen. Schon als Kind habe ich mich gefragt: Wenn er so mächtig ist, weshalb lässt er alles Unglück zu, das passiert? Darauf habe ich noch keine einleuchtende Antwort bekommen.

Frage: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Suter: Ich habe viel mehr Angst vor dem Tod meiner Lieben als vor dem eigenen. Das ist viel schrecklicher.

Frage: In Ihrem Debütroman "Small World" haben Sie sich mit dem Thema Altersdemenz auseinandergesetzt. Macht das gelassener im Umgang mit dem eigenen Ende und einem möglicherweise vorhergehenden geistigen und körperlichen Verfall?

Suter: Mein Vater hatte Alzheimer und ich wusste nie, ob er unglücklich war, ob er Dinge vermisste, ob er sich intellektuell mit diesen Fragen noch beschäftigen konnte. Man sagt ja normalerweise: Wenigstens die Gedanken, die Erinnerungen kann man uns nicht nehmen. Aber bei Alzheimer verschwinden die Erinnerungen. Ich erlaube mir inzwischen den Gedanken: Vielleicht ist dieses sukzessive Vergessen, Nicht-mehr-Verstehen-, Nicht-mehr-Nachdenken-Können, mehr eine Gnade als eine Strafe. Vielleicht ist es einfacher zu gehen ohne Erinnerungen als mit.

Frage: Manche Menschen fürchten genau das und setzen ihrem Leben deswegen ein Ende. In ihrer Heimat Schweiz gibt es sehr liberale Regeln für die Sterbehilfe. Halten Sie das für sinnvoll?

Suter: Ich habe Leute gekannt, die freiwillig aus dem Leben geschieden sind. Die so krank waren, das sie gesagt haben: "Ich möchte das einfach nicht alles noch ertragen müssen." Und da fand ich es schon sehr menschlich, dass das in der Schweiz ohne irgendwelche moralischen oder gesetzlichen Probleme möglich ist. Man muss gar nicht zu einer Sterbehilfeorganisation. Der Hausarzt kann helfen, ohne dass er Schwierigkeiten bekommt.

Es kann schon sein, dass man beim Schreiben seine grauen Zellen trainiert. Ich weiß nicht, ob man so Demenz verhindern kann.

Zitat: Martin Suter

Frage: Die Kirchen sind gegen diese Möglichkeit und plädieren stattdessen für Patientenverfügungen, mit denen der Betreffende selbst festlegt, ab wann er keine ärztliche Hilfe mehr haben will.

Suter: Es ist ein mutiger Entscheid, wenn man sagt: Keine lebenserhaltenden Maßnahmen. Mir macht allerdings die Vorstellung zu schaffen, was passiert, wenn ich alles mitbekomme und nur nicht sagen kann: "Lasst das Zeugs bitte laufen die nächsten 20 Jahre!" In dem Fall bin ich noch nicht entschieden. Ich hoffe es bleibt mir auch noch ein wenig Zeit...

Frage: ..., die Sie vermutlich auch für weitere Bücher nutzen werden. Könnten Sie eigentlich leben, ohne zu schreiben?

Suter: Ich habe immer gedacht ja - aber ich merke langsam, dass ich es vielleicht doch nicht kann. Das Schreiben ist eine sehr strukturierte Art, zu denken. Und ich merke, dass ich das brauche, weil sonst alles so schwammig wird. Beim Schreiben muss man wirklich einen Gedanken fassen und der Gedanke wiederum muss die Mutter eines nächsten sein undsoweiter. Als ich kürzlich zum ersten Mal länger nicht geschrieben habe, also vielleicht sechs Wochen, habe ich gedacht: Also doch, irgend etwas fehlt dir schon.

Frage: Sagt Ihnen das Sprichwort "Wer schreibt, der bleibt" etwas?

Suter: Es kann schon sein, dass man beim Schreiben seine grauen Zellen trainiert. Ich weiß nicht, ob man so Demenz verhindern kann. Schließlich gibt es große Schriftsteller und Denker, die dement geworden sind. Aber es hält den Geist wenigstens ein bisschen wach. Was den anderen Sinn des Satzes angeht: Natürlich hoffe ich, dass mich meine Bücher eine Weile überdauern, um meine Nachfahren ein wenig zu ernähren. Aber ich schreibe nicht für die Nachwelt. Ich schreibe nicht, weil ich eine bleibende Spur hinterlassen will.

Das Interview führte Joachim Heinz