Georg Bätzing, Bischof von Limburg, am 27. April 2017 in Rüdesheim.
Seit einem Jahr ist Georg Bätzing Bischof von Limburg

"Ich wünsche mir eine Kirche, die im Glauben wächst"

Georg Bätzing ist seit einem Jahr Bischof von Limburg und hatte zunächst viel mit den Folgen des Skandals um seinen Vorgänger zu tun. Im Interview mit katholisch.de blickt er nun aber vor allem nach vorn.

Von Björn Odendahl |  Limburg - 18.09.2017

Frage: Herr Bischof, bei Ihrer Ernennung zum Bischof von Limburg haben Sie von einem "Schock" gesprochen. Wie fühlen Sie sich nach einem Jahr im Amt?

Bischof Georg Bätzing: Der Schock ist einer Freude gewichen und ich kann sagen, dass ich gut im Bistum Limburg angekommen bin. Mir ist es eine Freude zu erleben, wie lebendig die Diözese ist. Die vielen Wallfahrtsorte, die Orden und geistlichen Gemeinschaften, die gelebte Ökumene, die vielen Synodalen und natürlich die muttersprachlichen Gemeinden tragen ganz wesentlich zu dieser Lebendigkeit bei.

Frage: Dass Sie jetzt überhaupt in Limburg sind, hängt auch mit der Affäre um das Bischofshaus zusammen. Dort wohnen Sie selbst noch immer nicht. Wie stehen die Chancen, dass sich das noch ändert? Es ist ja eine sehr schöne Wohnung…

Bätzing: Das Bischofshaus in Limburg wird genutzt. Mein Büro und ich arbeiten dort. Ich treffe mich dort mit Gästen. Wir feiern dort die heilige Messe und beten in der Kapelle. Es gibt Konferenzen, Tagungen und Veranstaltungen dort. Ich spüre, wie die Sicht auf das Haus sich durch die offene Kultur, die es im Haus gibt, ändert. Die Wohnung ist schön, aber sie passt nicht zu mir. Ich war daher dankbar, dass ich in das ehemalige Haus von Weihbischof Kampe in einem Limburger Wohngebiet ziehen konnte. Dort fühle ich mich wohl. Die meiste Zeit des Tages bin ich eh im Bistum unterwegs.

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Video: © katholisch.de

Das Bistum Limburg lud zum "Instawalk" ein. Nutzer sozialer Netzwerke fotografierten im Bischofshaus und warfen einen Blick auf die umstrittene Badewanne.

Frage: Unter ihrem Vorgänger Bischof Franz-Peter Tebartz- van Elst beklagten Kritiker teilweise eine "Atmosphäre lähmender Angst". Wie empfinden Sie das Verhältnis zu den Gläubigen und Mitarbeitern heute?

Bätzing: Einen Vergleich kann ich nicht ziehen. Ich schätze die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pastoral und in der Verwaltung sehr. Sie machen einen tollen Job und leben ihre Berufung. Vom ersten Tag an, habe ich das Know-how, die Professionalität und das Herzblut ganz vieler erlebt und schätzen gelernt. Die Gläubigen im Bistum haben mich wirklich mit viel Offenheit aufgenommen. Das stärkt mich sehr. Es gibt aber auch kritische Rückmeldungen, weil das Amt des Bischofs an Vertrauen und Ansehen verloren hat. Ich spüre das manchmal in Begegnungen. Es gibt Gesprächspartner, die sich fragen: "Ist der wirklich so? Meint der das ernst?" Um das Vertrauen dieser Menschen will ich mich besonders bemühen.

Frage: Vor ihrem Amtsantritt hatten Sie angekündigt, Schritte zur Aussöhnung zwischen dem Bistum Limburg und Tebartz-van Elst gehen zu wollen und mit ihm persönlich über die Vorgänge zu sprechen. Wie steht es um dieses Vorhaben?

Bätzing: Versöhnung ist nach wie vor mein Ziel. Sie braucht aber Zeit. Ich bin mit meinem Vorgänger im mitbrüderlichen, konstruktiven Gespräch.

Linktipp: Bätzing sieht keine Alternative zu Großpfarreien

Was tun, wenn die Ressourcen weniger werden? Limburgs Bischof Georg Bätzing sieht nur eine Option - für sein Bistum, aber auch für alle anderen deutschen Diözesen. (Artikel von Januar 2017)

Frage: Sie konnten die Diözese zwar wieder in ein ruhigeres Fahrwasser lenken, müssen aber künftig auch unangenehme Entscheidungen treffen, etwa mit Blick auf Pfarreifusionen. Wie geht es mit den "Pfarreien neuen Typs" voran?

Bätzing: Die Pfarrei neuen Typs ist keine Vision mehr, sondern bereits Realität im Bistum Limburg. Diese Strukturveränderungen waren wichtig, und der Prozess der Pfarreiwerdungen wird in den kommenden Jahren fortgesetzt. Kirche in der Zeit ist für mich immer eine Kirche, die sich entwickelt. Oder anders gesagt: Entwicklung gehört zum Wesen der Kirche. Machen wir uns nichts vor. Die Volkskirche gibt es in weiten Teilen unseres Landes und auch meines Bistums nicht mehr. Eine neue Sozialgestalt bildet sich nicht einfach automatisch. Es braucht dazu kirchenbildende Prozesse, in denen Menschen von heute durch Verkündigung und Zeugnis auf den Weg von Bekehrung und Glaube geführt werden. Dieser Weg ist ein Weg der Gemeinschaft. Ein zeitgemäßes Selbstverständnis der Kirche, die in der Spur Jesu bleibt, wird in der Selbstlosigkeit verwirklicht, mit der sie zu einem erfüllten Leben von Menschen beiträgt. Die Frage, die uns leiten muss ist: "Für wen sind wir als Kirche da?" Es muss uns zuerst um das Reich Gottes und um seine Gerechtigkeit gehen. Daran wollen wir im Bistum Limburg in den kommenden Jahren arbeiten.

Frage: Gemeinden zusammenzulegen wird alleine nicht genügen. Was wünschen Sie sich mit Blick auf das christliche Leben vor Ort von Ihren Mitarbeitern und was von den Gläubigen?

Bätzing: Ich wünsche mir eine Kirche, die im Glauben wächst. Dazu braucht es einen Kulturwandel, der sich in Grundhaltungen zeigt. Diese sind Offenheit für die Zeichen der Zeit, die Bereitschaft, sich unter das Wort Gottes zu stellen, vertrauen können und vertrauenswürdig sein, Partizipation ermöglichen, Innovation zulassen und eine Fehlerfreundlichkeit und Konfliktfähigkeit etablieren. Aus diesen Zuschreibungen entwickelt sich ein Weg, der dezentral, subsidiär, partizipativ, charismenorientiert, missionarisch, diakonisch und geistlich ist.

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Der Nachfolger von Franz-Peter Tebartz-van Elst im Bistum Limburg steht fest: Der Papst hat Georg Bätzing zum Bischof von Limburg ernannt. Katholisch.de war vor Ort in Limburg und hat erste Reaktionen eingeholt.

Frage: Sie haben sich vor Ihrer Weihe auch "mehr Mut zum Experiment" in der katholischen Kirche gewünscht. Als Bischof können Sie das nun in die Tat umsetzen. In welchen Bereichen wollen Sie in Zukunft mutig sein?

Bätzing: Ich möchte als Bischof von Limburg keinen Sonderweg gehen, sondern weiß mich eingebunden in die katholische universale Kirche. Dennoch stimmt es, dass ich mir mehr Mut zum Experiment wünsche. Ich möchte daher alle Ebenen des Bistums ermutigen, Formate und Angebote für suchende und am Glauben interessierte Menschen zu entwickeln. Sie mit der Person und der Botschaft Jesu Christi in Berührung zu bringen, so dass sie ihm ihr Leben öffnen, das muss unser grundlegendes Anliegen werden. Und dahin führen viele kreative Wege. Ich möchte Pfarreien unterstützen, Formen zu finden, die konkrete Lebenswirklichkeit der Menschen kennenzulernen und über den eigenen Tellerrand zu schauen. Es braucht auch Mut, um sich neu unter das Wort Gottes zu stellen. Daraus entwickeln sich aber Antworten, aus denen erkennbar wird, wozu Gott am konkreten Ort die Kirche braucht.

Frage: Was war für Sie das Highlight in Ihrem ersten Jahr als Bischof von Limburg?

Bätzing: Die Bischofsweihe und das anschließende Fest der Begegnung im Bischofsgarten waren ganz großartige Punkte im vergangenen Jahr. Dann war ich in allen elf Bezirken im Bistum unterwegs. Das erste Kennenlernen war mir eine große Freude. Highlights waren aber die vielen Begegnungen mit den Menschen. Die Möglichkeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ja ihnen nahe zu kommen, um ihnen die frohe Botschaft anzubieten, das waren Höhepunkte, ja, ein Segen für einen Bischof.

Von Björn Odendahl