Ein Demonstrant mit Mundschutz auf einer Straße in Beirut, Libanon

Im Sog des Bürgerkriegs

Vater und Sohn sehen sich ratlos an. Eben hat eine Reihe von Detonationen die Fenster wackeln lassen, für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen in Damaskus. "Besser, du fährst heute nicht zum College", sagt der Vater, der Sohn nickt und atmet tief durch. Man weiß nicht, was geschehen ist und wo Kämpfe ausbrechen könnten.

Damaskus/Bonn - 22.10.2012

Das College liegt außerhalb von Damaskus in Barzeh, einem "Brennpunkt", wie der Vater erzählt. Seit Monaten flammen dort die Kämpfe zwischen Aufständischen und der Armee immer wieder auf. Es ist sicherer, den Unterricht an diesem Tag ausfallen zu lassen.

Auch als der UN-Sondervermittler für Syrien, Lakhdar Brahimi, am Freitag in Damaskus eintraf, war der Himmel mit dem Lärm von Kanonen, Mörsergranaten und Gewehrsalven erfüllt. Seit Tagen gehen die syrischen Streitkräfte mit Unterstützung von Kampfjets gegen bewaffnete Gruppen im Umland von Damaskus vor. Diese verbreiten ihrerseits Angst und Schrecken mit willkürlich platzierten Sprengsätzen oder ihrem plötzlichen Auftauchen in Wohngebieten.

Ausschreitungen in Beirut

Nun schwappt der syrische Bürgerkrieg in eines der Nachbarländer über. Der Syrien-Konflikt wird auch für den Libanon zur Zerreißprobe. In der Hauptstadt Beirut kam es in der Nacht zum Montag zu Ausschreitungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Ausgelöst wurden die Unruhen wegen der Trauerfeier des Chefs des Polizei-Geheimdienstes, Wissam al Hassan. Er und weitere Menschen starben bei einem schweren Autobombenattentat am Freitag. Dutzende wurden verletzt. Al Hassan galt als Gegner des Assad-Regimes. Es hat sich bisher noch keiner zu der Tat bekannt, aber es wird vermutet, dass das Nachbarland Syrien für den Anschlag verantwortlich ist.

Die steigende Zahl von Toten und das Ausmaß der Zerstörung in Damaskus erschüttern die Menschen. Die Kämpfe zwischen syrischen Streitkräften gegen bewaffnete Gruppen im Umland von Damaskus zermürben die Syrer. "Wenn sie meinen, sich bekämpfen zu müssen, sollen sie es doch irgendwo in der Wüste tun und nicht in unseren Wohnvierteln", sagt ein wütender Familienvater. Tags zuvor musste er wiederholt mit Frau und Kindern aus seiner Wohnung fliehen, um nicht zwischen die Fronten zu geraten. "Jeder einzelne getötete Syrer ist eine Schande", sagt seine Frau.

Bombenattentat im christlichen Viertel in Damaskus

Vier Tage will Lakhdar Brahimi in der Stadt bleiben und mit Regierungsvertretern, der Opposition und bewaffneten Gruppen sprechen. "Meinen Segen hat er", meint der Familienvater. "Wir alle wollen, dass die Waffen schweigen, nicht nur zum Opferfest, sondern auf Dauer." Doch vorerst sieht es nicht danach aus. Am Sonntagvormittag detonierte wieder eine Bombe, diesmal im christlichen Viertel Bab Touma. Es gab Tote, Verletzte. Und es scheint, als kenne der Konflikt keine Grenzen mehr.

Am Samstag hätte es in Damaskus einen christlichen Gottesdienst für die Deutschen aller Konfessionen geben sollen. Normalerweise findet er monatlich statt, aber erneut wurde er abgesagt. Ob der Pfarrer aus Beirut wegen der Kämpfe in Syrien oder wegen der Spannungen im Libanon nicht kommen konnte, weiß man nicht. Es heißt, nach dem Anschlag in Beirut hätten libanesische Behörden die Straße nach Syrien gesperrt. "Die meisten Deutschen haben doch Syrien sowieso längst verlassen", sagt eine Deutsche, die seit 58 Jahren mit ihrem syrischen Ehemann nahe Damaskus lebt. Die deutsche Botschaft wurde im Januar geschlossen, das Goethe-Institut und das Deutsche Archäologische Institut werden ihre syrischen Mitarbeiter zum Jahresende entlassen.

Angst ist ständiger Begleiter

Auch christliche Armenier in Aleppo fühlen sich in Bedrängnis. Rund 20 Prozent der Einwohner sind Christen. Besonders nach dem Massaker an Armeniern (1915-1917) in der Türkei wurde das nahe Aleppo ein Zufluchtsort für die Verfolgten. Einige der ältesten christlichen Gemeinden leben in den Orten entlang der türkischen Grenze. Sonja J., Journalistik-Studentin in Damaskus, wurde in dem türkisch-syrischen Grenzort Qamischly geboren; ihre Urgroßeltern stammen aus Diyarbakir in der Südosttürkei. Sonjas Mutter weiß viele Geschichten über ihren Großvater zu erzählen, der damals wagemutig der Verfolgung standgehalten habe. "Heute sind wir durch die Türkei wieder in Gefahr", sagt sie.

Angst ist für alle Syrer zum ständigen Begleiter geworden. Oft verschwinden Menschen, und niemand weiß, ob sie in einem Gefängnis gelandet oder "im Namen der Revolution" entführt worden sind. Manchmal kommen Forderungen nach schwindelerregenden Lösegeldsummen. Selbst wenn die ganze Familie oder manchmal das ganze Dorf zusammenlegt, kehren die Verschwundenen nicht immer zurück. Stattdessen findet man ihre Leichen vor den Häusern. In einem Ort wurden zwei Brüder erschossen, weil sie "aus einer Familie von Alawiten stammen", erzählt ein Nachbar. Konfessionelle Spannungen und Übergriffe nähmen zu, sagt er. "Es ist furchtbar, wie unsere Gesellschaft durch diesen Krieg zerfällt." (Karin Leukefeld/KNA,gam)