wunderbarer Fischfang des Petrus
Schwester Birgit Stollhoff über das Sonntagsevangelium

Jesu Fischfang: Eine Grenzerfahrung in der Nacht

Kein Blitz aus dem Himmel samt plötzlicher Erkenntnis: Die Berufungsgeschichte von Schwester Birgit Stollhoff ist nicht so einfach - wie auch die von Petrus im Sonntagsevangelium. Die Jünger erfahren nachts auf dem See ihre Beschränktheit - und dann auch Zuspruch.

Von Sr. Birgit Stollhoff CJ |  Bonn - 09.02.2019

Impuls von Schwester Birgit Stollhoff

Im Kino klingt es immer einfach: Wenn es um Berufungen geht oder alles verändernde Erkenntnisse, kommt meist ein Blitz aus dem Himmel mit entsprechender Musik. Und ich? Ich stehe daneben und frage mich, warum ich vor meinem Ordenseintritt acht Jahre damit verbracht habe, Gott zu erklären, dass ich eigentlich nicht in einen Orden passe. Das war meine Berufungsgeschichte. Einen Blitz aus dem Himmel oder einen klaren "Klick" gab es nicht.

Wie gut, dass es auch in der Berufungsgeschichte des heutigen Evangeliums nicht so einfach ist! Lukas schreibt hier für die Heidenchristen, für diejenigen, die nicht mit dem jüdischen Glauben und seinen tradierten Gotteserfahrungen aufgewachsen sind – das passt auch für spätgetaufte Christinnen wie mich. Seine Erzählung der Berufung klingt vielleicht deshalb dramatischer und herausfordernder.

Berufung ist in Lukas Schilderung eine Grenzerfahrung. Vom Land und den vielen Menschen zu den wenigen Fischern auf dem See. Von dem Frust der erfolglosen Nacht zum Staunen über die berstende Fülle am Morgen. Berufung konfrontiert mit technischen und menschlichen Grenzen und dem eigenen Unglauben – "Wir waren die ganze Nacht draußen und haben nichts gefangen." Oder in unserer Zeit: Wie soll ich noch glauben, wenn die naturwissenschaftliche Forschung Gott zu widerlegen scheint?

Berufung zeigt die eigene Ohnmacht auf: "Herr, vor Deiner Macht und Deinem Anspruch bin ich ein Sünder." Auch heute erfahren wir eher unsere Beschränktheit, unsere Grenzen. Gott – aber auch gesellschaftliche und technische Rahmenbedingungen – scheinen immer größer, bedrohlicher als wir. Neue Erkenntnisse, unerwartete Möglichkeiten und fremde Menschen machen zunächst Angst, das gilt auch in der Beziehung zu Gott. Wir schämen uns, weil wir nicht perfekt, nie vollkommen sein werden – das hält uns von der Nachfolge ab. Aber Gott denkt groß von uns – das kann manchmal wie ein Schock, wie eine Zumutung wirken.

Berufung beschreibt Lukas als Dialog. Petrus äußert zweimal seine Bedenken. Jesus geht darauf ein, erspart aber die Herausforderung nicht: "Fürchte dich nicht." Der Schriftsteller Jack London formulierte es so: "Angst drängt zurück, Wachstum treibt voran." Wer neue Horizonte entdecken will, muss die eigenen Zweifel überwinden. Dazu braucht es Neugier und Vertrauen. Mir hat der Gedanke geholfen, dass ich mir ein Leben im Orden nicht aus eigener Kraft zutrauen muss. Es reicht für den ersten Schritt anzunehmen, dass Gott an mich glaubt, mir das zutraut – ob es nun die Berufung etwa in einen Orden oder in die Ehe ist. Gott macht uns heilig – nicht wir aus unserer Kraft.

Berufung ist im letzten Schritt Aufgabe, Sendung und Nachfolge. Sie ist kein Selbstzweck, sondern Mission zu den Menschen und Dienst an ihnen. Der Fischer, der Gott "ins Netz ging", wird selber "Menschenfischer". Berufung ist nicht das "eigene Ding", sondern sie lebt aus der Rückkopplung an Gott. Die Erfahrung einer solchen Begegnung in der Nacht ist zum Teilen da, zum Mitteilen – auch, wenn sie zunächst Angst macht.

Von Sr. Birgit Stollhoff CJ

Evangelium nach Lukas (Lk 5, 1-11)

In jener Zeit, als Jesus am Ufer des Sees Genesaret stand, drängte sich das Volk um ihn und wollte das Wort Gottes hören. Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Jesus stieg in das Boot, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte das Volk vom Boot aus. Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus!

Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen. Das taten sie, und sie fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten. Deshalb winkten sie ihren Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen, und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, so dass sie fast untergingen.

Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder. Denn er und alle seine Begleiter waren erstaunt und erschrocken, weil sie so viele Fische gefangen hatten; ebenso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. Und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm nach.

Die Autorin

Sr. Birgit Stollhoff CJ gehört dem Orden Congregatio Jesu (auch bekannt als Mary-Ward-Schwestern) an, arbeitet im Jugendpastoralem Zentrum "Tabor" in Hannover, studiert Theologie im Fernstudium an der Universität Luzern und ist mitverantwortlich für die Öffentlichkeits- und Medienarbeit ihres Ordens.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.