"Jesus zum Vorbild genommen"
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Exklusiv: Deutschlands "oberster" Franziskaner über den Papst und seinen Namenspatron

"Jesus zum Vorbild genommen"

Am 4. Oktober besucht Papst Franziskus die kleine Stadt Assisi in Mittelitalien. Hier wurde der heilige Franziskus geboren. Wie er predigt der Pontifex eine arme Kirche. Doch hat Franz von Assisi seiner Nachwelt weit mehr als den Armutsgedanken hinterlassen. Was das ist und welche Ideen der Papst noch von seinem Namenspatron übernommen hat, erläutert Cornelius Bohl OFM, Provinzialminister der Deutschen Franziskanerprovinz, im Interview mit katholisch.de.

Bonn - 02.10.2013

Frage: Bruder Cornelius, Papst Franziskus besucht am 4. Oktober Assisi. Welche Bedeutung hat das Datum und welche der Besuch selbst?

Bohl: Der 4. Oktober ist der Gedenktag des heiligen Franziskus. Gestorben ist er bereits am 3. Oktober abends, weshalb wir Franziskaner da den "Transitus" (dt. "Hinübergang") feiern. Weltweit wird sein Festtag jedoch erst einen Tag später begangen. Viele der letzten Päpste haben Assisi besucht, da die Stadt grundsätzlich ein wichtiger spiritueller Ort für unsere Kirche ist. Aber natürlich ist es bei diesem Papst, der den Namen Franziskus gewählt und sich wiederholt auf ihn berufen hat, noch einmal etwas Besonderes.

Frage: Der Papst predigt dabei immer eine arme Kirche. Was bedeutet dem heiligen Franziskus die Armut?

Bohl: Es ist zunächst sehr interessant, dass er keine Gemeinschaft gegründet hat, die sich in der Armenfürsorge engagiert hat. Das zeigt, dass es ihm mehr um die Solidarität mit den Armen ging, als primär darum, etwas für sie zu tun. Obwohl er das natürlich auch getan hat. Franz von Assisi wollte sich an ihre Stelle setzen und die Welt aus ihrer Perspektive sehen. Es war ein gesellschaftlicher Standortwechsel. Er, der reiche Kaufmannssohn, zieht aus der Stadt aus und lässt sich bei den Armen, den Aussätzigen draußen vor der Stadt nieder. Unsere Gemeinschaft trägt daher bis heute den Titel "fratres minores", die "Minderen Brüder". Zur Zeit von Franziskus standen die "minores", die einfachen Leute, den "maiores", der herrschenden Bevölkerungsschicht, gegenüber. Und um den Bogen zu Papst Franziskus zu schlagen: Ich glaube, eine arme Kirche muss natürlich eine Kirche sein, die sich für die Armen engagiert. Aber vor allem muss sie die Wirklichkeit aus dem Blickwinkel derer betrachten, die am Rand stehen – weniger liiert mit Macht.

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Cornelius Bohl OFM ist Provinzleiter der Franziskaner in Deutschland.

Frage: Was hat Franz von Assisi außer dem Armutsgedanken ausgezeichnet?

Bohl: An erster Stelle würde ich seine tiefe Christus-Mystik nennen. Das ist vielleicht ein Aspekt, der heute etwas zu kurz kommt, weil man schnell über die Armut spricht oder auch über seine Beziehung zur Schöpfung. Aber letztlich kam alles aus seiner tiefen Beziehung zu Christus. Er wollte das Evangelium leben und hat sich Jesus zum Vorbild genommen. Das ging von seiner Berufung bis zu seiner Stigmatisation, bei der er am Ende seines Lebens sogar in seiner körperlichen Erscheinungsweise Christus ähnlich wurde. Das war der Quellgrund, aus dem er sich auch ohne Angst den Herausforderungen seiner Zeit stellen konnte. Im Zeitalter der Kreuzzüge hat er den Kontakt mit den Muslimen gesucht, obwohl sich Christen und Muslime im "Mainstream" feindlich gegenüberstanden. Und Franziskus war auch bereit, von den Muslimen zu lernen. Das kann man in einigen seiner Texte nachweisen. Er hatte keine Angst, sich dem Fremden zu stellen, weil er sich seiner Identität als Christ sicher war.

Frage: Welche Eigenschaften des heiligen Franziskus erkennen Sie im Papst noch wieder? Und was erwarten sie noch von seinem Pontifikat?

Bohl: Ganz persönlich berührt mich bisher der Aufruf des Papstes, an die Peripherie, an die Ränder zu gehen. Das ist für mich ein Schlüssel dessen, was er will und was Kirche heute nötig hätte. An den Rand zu gehen heißt auch, sich nicht um sich selber zu drehen und sich nicht selber zum Thema zu machen. Die "Ränder" können allerdings sehr verschieden sein. Zum Beispiel der Rand des Christlichen. Das bedeutet, den Dialog mit anderen Religionen und Kulturen sowie mit Menschen, die nicht glauben, zu suchen. Dann gibt es den gesellschaftlichen Rand, wo die Kirche der Armen gefragt ist. Und schließlich sind da die Menschen, die die Kirche selbst an den Rand gedrängt oder aus dem Blick verloren hat. Das gilt beispielsweise für wiederverheiratete Geschiedene oder Homosexuelle. Da sehe ich meine Erwartungen für das Pontifikat: eine Erneuerung von den Rändern her. Und auch wenn der Begriff "Missionierung" heute schwierig geworden ist, kann "an den Rand zu gehen" genau das - im Sinne einer Evangelisierung - meinen.

Frage: Wenn "die Kirche" an den Rand gehen muss, sind ja nicht nur der Papst und die Bischöfe gefragt. Was kann denn jeder Einzelne vom franziskanischen Geist mit in den Alltag nehmen?

Bohl: Das Schlagwort der Peripherie kann auch hier gelten. Wen nehme ich in meinem persönlichen Leben wahr und wen vielleicht nicht? Wer steht in meinem Leben am Rand und wartet vielleicht darauf, dass ich ihm begegne und Zeit für ihn habe? Das gilt ebenso für eine normale Kirchengemeinde, die sich fragen kann: Wofür verwendet sie ihre Zeit und ihr Interesse? Für wen engagiert sie sich? Für die eventuell überversorgte Kerngemeinde, oder schaut sie auch da auf die Ränder? Ich glaube, dass diese Formulierung für alle Lebenslagen sehr praktisch ist.

Das Interview führte Björn Odendahl