Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Stephan Wahl über das Sonntagsevangelium

Johannes ohne Marzipan

Um eine zentrale Figur geht es im Evangelium am Zweiten Advent: Johannes den Täufer. Er bewahrt davor, sich in der Zeit zu behaglich einzukuscheln, und hilft bei der Vorbereitung auf Weihnachten, meint Monsignore Stephan Wahl.

Von Stephan Wahl |  Bonn - 09.12.2017

Impuls von Stephan Wahl

Seit Jahrhunderten ist er eine der Adventsgestalten: Johannes der Täufer. In Marzipan oder Schokolade gibt es ihn nicht. Provokateure sind meistens alles andere als süß. Er war ein Prophet, ein Rebell, zog die Leute magisch an. Er sprach Klartext und sagte, was schief lief im Land, hielt den Leuten den Spiegel vors Gesicht – wusch ihnen im übertragenen Sinne den Kopf. Und sie ließen das zu. Sie kamen in Scharen an den Jordan, hörten seine unbequemen Predigten, ließen sich deutlich sagen, was in ihrem Leben falsch lief und erkannten dies auch. Ihrem Eingeständnis folgte ein Neustart, symbolisch vollzogen mit der Taufe durch Johannes. Wasser reinigt, Wasser befreit.

Der Täufer war sich seiner Rolle bewußt, machte sich nicht wichtiger als er war, sah seine Grenzen. Er verstand sich als Vorläufer, als Wegbereiter für das weitaus wichtigere Mitglied seiner Familie. Johannes und Jesus waren Vettern. "Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich". Die deutliche Sprache hatten sie beide. Auch für Johannes bedeutete das Gefängnis, später sogar den Tod.

Johannes der Täufer würzt auch heute den Advent und bewahrt davor sich zu sehr ins behaglich Romantische dieser Zeit einzukuscheln. Nichts gegen Adventskranz, Zimtsterne, Glühwein und adventliche Musik – all das darf sein wenn nicht vergessen wird, was meist vergessen wird: der Advent ist auch eine Bußzeit, eine intensive Vorbereitungszeit auf Weihnachten, so wie die Fastenzeit auf Ostern einstimmt. "Bußzeit" richtig verstanden nicht als selbstquälerische Anklage, die den Charme dieser Wochen vertreibt, sondern als eine Chance der Reflexion. Die Frage, was wirklich wichtig ist, neu zu stellen, die eigene Lebensweise zu überprüfen, zu versuchen, sich nicht selbst aus dem Weg zu gehen. Der Advent will mehr sein als eine behagliche Einstimmung auf Weihnachten. "Er will uns nicht besinnlich machen, sondern zur Besinnung bringen" (Rolf Zerfaß).

Dazu braucht es Entscheidungen, Termine mit sich selbst, eingetragen in den Kalender wie das Suchen nach Geschenken auf dem Weihnachtsmarkt. Das gut zu finden und sich nur vorzunehmen, wird nicht funktionieren. Im Ausweichen vor sich selbst und in phantasievollen Ausreden ist der Mensch meist hochbegabt. Hilfestellungen, es anderes zu machen, gibt es genug. Man muss sie nur sehen wollen. Unsere Pfarrgemeinden und Citykirchen bieten in diesen Wochen vielfältige Möglichkeiten, das Tempo zu reduzieren und einen geistlichen Boxenstopp einzulegen. Johannes der Täufer bleibt in seiner Sperrigkeit ein wichtiger Begleiter in dieser adventlichen Zeit. Er hilft sich besser vorzubereiten auf das große Fest, das den "heruntergekommenen" Gott (Wilhelm Bruners) in der Krippe feiert. Johannes weist auf ihn hin, dessen Größe es ist, machtlos zu den Menschen hinabzusteigen, um selbst einer zu werden. Mit allem, was dazu gehört. Und: um sie, wie Johannes prophezeit, mit "dem Heiligen Geist " zu taufen, der die Kraft gibt, nach Jesu Rezept menschenwürdig zu leben.

Von Stephan Wahl

Evangelium nach Markus (Mk 1,1-8)

Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes: Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen.

Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden. Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.

Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften, und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig. Er verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

Der Autor

Monsignore Stephan Wahl ist als Priester im Bistum Trier Kooperator in der Pfarreiengemeinschaft Waldrach und beauftragt mit medialer Verkündigung. Er ist Mitglied im Rundfunkrat des SWR.