Ein mit Pflastern zugeklebter Kindermund.
Rund 700 statt 185 Beschuldigte

Justiz: Weit mehr Missbrauchstäter im US-Bundesstaat Illinois

Seit August hat die Staatsanwaltschaft in Illinois hunderte Hinweise auf Missbrauchtaten erhalten. Der Kirche wirft sie mangelnden Aufklärungswillen vor. Einige Bischöfe haben nun auf die Anschuldigungen reagiert.

Springfield - 20.12.2018

Im US-Bundesstaat Illinois haben sich möglicherweise weit mehr katholische Geistliche des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht als bisher bekannt. In einem am Mittwoch (Ortszeit) in Springfield veröffentlichten Bericht der zuständigen Generalstaatsanwältin Lisa Madigan ist die Rede von mehr als 690 beschuldigten Priestern und Diakonen.

Rund 700 statt 185 Beschuldigte

Das wären mehr als 500 potenzielle Täter mehr, als die sechs Diözesen des Bundesstaates zuvor angegeben hatten. Sie hatten von 185 Beschuldigten gesprochen, die glaubhaft des Missbrauchs beschuldigt wurden. Vertreter der Diözesen wiesen die Vorwürfe Madigans zurück.

Die Staatsanwältin sagte, in den seit August laufenden Ermittlungen seien Vorwürfe gegen mehr als 500 weitere Geistliche bekannt geworden. Durch eine Telefonhotline habe ihr Büro Hunderte von Hinweisen auf Missbrauchstaten erhalten. Viele der Berichte seien herzzereißend.

Der Bericht wirft der Kirche vor, die Vorwürfe nicht gründlich untersucht zu haben. Als Gründe hätten die Verantwortlichen unter anderem angegeben, dass die Beschuldigten entweder bereits gestorben seien oder ihr Amt nicht mehr ausübten.

Bild: © KNA

Blase Joseph Cupich ist seit September 2014 Erzbischof von Chicago und seit November 2016 Kardinal.

Die Staatsanwältin warf der Kirche mangelnden Aufklärungswillen vor; sie sei offenbar nicht fähig, den Skandal aufzuklären. So gebe es zahlreiche Beispiele, dass die Bistümer Verdachtsfälle nicht den Behörden angezeigt hätten. Die Kirche habe damit gegen ihre Verpflichtung verstoßen, die gesamte Wahrheit über sexuell unangebrachtes Verhalten ihrer Priester aufzuklären und sich um die Opfer zu kümmern.

Die Erzdiözese Chicago erklärte zu dem Bericht, der Vorwurf des mangelnden Aufklärungswillens treffe nicht zu. Es sei nicht angemessen, eine Liste von Verdächtigungen zu veröffentlichen, ohne die Beschuldigungen genau überprüft zu haben. Gleichwohl drückte Blase Cupich, der Erzbischof von Chicago, sein tiefes Bedauern darüber aus, dass es der Kirche nicht gelungen sei, die "Geißel des sexuellen Missbrauchs" seitens Geistlicher anzugehen. Es sei der Mut der überlebenden Opfer gewesen, der Licht in dieses dunkle Kapitel der Kirchengeschichte gebracht habe, heißt es in einer Erklärung auf der Website des Erzbistums.

Ein Sprecher der Diözese Joliet erklärte laut katholischer US-Nachrichtenagentur CNA, das Bistum habe keine Hinweise der Generalstaatsanwaltschaft auf fehlerhafte Aufklärung erhalten. So gebe es auch keine konkreten Hinweise der Behörden, dass die von der Diözese veröffentlichte Liste potenzieller Missbrauchstäter fehlerhaft sei.

Pennsylvania: Mehr als 1.000 Kinder missbraucht 

Die katholische Kirche in den USA ist in den vergangenen Jahren von einer Reihe von Missbrauchsfällen erschüttert worden. Im August hatten Ermittler im US-Bundesstaat Pennsylvania erschütternde Details über das Ausmaß von sexuellem Missbrauch und dessen Vertuschung in der katholischen Kirche ans Licht gebracht. Mehr als 300 katholische Priester sollen dort sexuelle Übergriffe auf Minderjährige begangen haben. Mindestens tausend Kinder seien missbraucht worden. Die Taten erstreckten sich über einen Zeitraum von 70 Jahren und auf das Gebiet von sechs der acht Diözesen in Pennsylvania. (gho/dpa/KNA)

Linktipp: USA: Mehr als 300 Priester missbrauchten 1.000 Kinder

Es ist die umfassendste Sammlung von Missbrauchsvorwürfen in der katholischen Kirche der USA: Ermittler in Pennsylvania haben die Taten von über 300 Priestern in 70 Jahren zusammengetragen. Die Kirchenführung soll vieles vertuscht haben.