Kardinal Becciu: Benedikt wollte Franziskus mit Aufsatz helfen
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Ehemaliger Substitut äußert sich zu Analyse des emeritierten Papstes

Kardinal Becciu: Benedikt wollte Franziskus mit Aufsatz helfen

Der Aufsatz Benedikts XVI. über die Ursachen der kirchlichen Missbrauchskrise schlägt hohe Wellen. Neben viel Kritik gibt es auch Stimmen, die den emeritierten Papst in Schutz nehmen – so etwa Kardinal Angelo Becciu, ein langjähriger Vertrauter.

Vatikanstadt - 12.04.2019

Laut dem italienischen Kurienkardinal Angelo Becciu sind die Einlassungen Benedikts XVI. über die Missbrauchskrise ein Versuch, Papst Franziskus zur Seite zu springen. "Ich interpretiere den Aufsatz als die Überlegungen eines Mannes, der im Angesicht dieser schrecklichen Pädophilie in der Kirche versucht, Papst Franziskus und uns allen dabei zu helfen, aus der Sache rauszukommen", sagte Becciu laut dem US-amerikanischen Onlinemagazin "Crux" (Donnerstag). Es wäre für Benedikt "das größte Leid", wenn er im Widerspruch zu seinem Nachfolger wahrgenommen werden würde. Becciu, Leiter der Vatikanbehörde für Heiligsprechungen, war von 2011 bis Juni 2018 Substitut im Staatssekretariat und damit an einer Schlüsselstelle der Kurienverwaltung tätig.

Der Beitrag richte sich nicht gegen Franziskus, da Benedikt darin keine konkreten Maßnahmen gegen den Missbrauch vorschlage, betonte Becciu. In seinem am Donnerstag in diversen Medien veröffentlichten Aufsatz sieht der emeritierte Papst den Verfall der kirchlichen Morallehre und die zunehmende Gottlosigkeit in Kirche und Gesellschaft als Hauptursachen der Missbrauchskrise. Benedikt wies zu Beginn seiner Ausführungen darauf hin, dass er es "nach Kontakten mit Staatssekretär Kardinal Parolin und dem Heiligen Vater selbst " für richtig gehalten habe, den Text zu veröffentlichen. Gegenüber der "New York Times" (Donnerstag) sagte Georg Gänswein, persönlicher Sekretär Benedikts und Präfekt des Päpstlichen Hauses, dass Benedikt den Aufsatz "völlig allein" geschrieben habe.

Der Aufsatz Benedikts XVI. rief besonders in Deutschland viele Reaktionen hervor. Der Sprecher der Missbrauchsopfer-Initiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, hält den Aufsatz für einen "entlarvenden Text". Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) merkte kritisch an, dass Benedikt zum Thema Missbrauch in erster Linie "beim Blick zurück im Zorn die alten, lang überwundenen Kämpfe" einfielen. (mal)