Menschen stehen vor einem zerstörten, umgekippten LKW.
Bild: © KNA
Der langwierige Kampf gegen Boko Haram

Kein Ende in Sicht

Die Anschläge der Terrorgruppe Boko Haram reißen nicht ab. Neueste Ziele sollen anfang der Woche wieder zwei Dörfer in der Nähe von Chibok gewesen sein. Dort waren Mitte April bereits knapp 300 Schülerinnen entführt worden, die sich weiter in den Händen der Islamisten befinden. Ein Sieg im Kampf gegen den Terror rückt in immer weitere Ferne.

Abuja - 12.06.2014

Auch nach der spektakulären Entführung vor mittlerweile acht Wochen ist es in der Gegend offenbar nicht zu einer Aufstockung der Sicherheitskräfte gekommen. Bei dem jüngsten Angriff sollen mindestens fünf Menschen ums Leben gekommen sein. Die Lebensgrundlagen der Bewohner wurden vernichtet.

USA schicken Spezialeinheit

Der katholische Bischof von Sokoto, Matthew Hassan Kukah , fürchtet, dass die schlechten Nachrichten aus dem Norden des bevölkerungsreichsten afrikanischen Landes vorerst nicht abreißen. "All das wird uns noch eine ganze Weile begleiten. Wir müssen geduldig sein", sagt der Geistliche, der selbst aus dem Bundesstaat Kaduna stammt und als ausgewiesener Kenner der Region gilt, in der Boko Haram seit Jahren Angst und Schrecken verbreitet.

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Theologe Eckard Raabe über die 276 entführten Mädchen aus Nigeria

Als gutes Zeichen wertet Kuka allerdings die internationale Aufmerksamkeit und Unterstützung, die Nigeria nun erfährt. So hatten die USA bereits eine Spezialeinheit zur Terrorismusbekämpfung geschickt. Daran beteiligen sich mittlerweile auch andere Länder. Immer mehr Staaten - wie zuletzt auch die Türkei - stufen Boko Haram als Terrorgruppe ein. "Wir müssen, so gut es geht, mit der internationalen Gemeinschaft zusammenarbeiten. All diese Länder haben sehr viel mehr Erfahrung in Sachen Terrorismusbekämpfung."

Keine kurzfristige Befreiung der entführten Mädchen

Trotzdem: Mit einer kurzfristigen Befreiung der in Chibok entführten Mädchen wird in Nigeria nicht gerechnet. Die Gefahr, dass sie bei einem militärischen Einsatz zu Schaden kommen, gilt als zu groß. Dass Boko Haram zu allem Überfluss Ende vergangener Woche mit erneuten Entführungen für Schlagzeilen sorgte, zeigt für Bischof Kukah nur noch deutlicher: "Wir haben es mit Kriminellen zu tun." Anfangs sei Boko Haram häufig als eine religiös motivierte Gruppe betrachtet worden. Das Argument könne längst nicht mehr gelten.

Dennoch möchte Muhammad Nuru Khalid, Hauptimam der Apo Legislative Quarters Mosque in der Hauptstadt Abuja, gerade in Nordnigeria religiöse Vertreter beim Kampf gegen radikale Gruppen und radikale Weltanschauungen verstärkt in die Pflicht nehmen. "Wir Imame haben großen Einfluss", sagt er - und sieht darin zugleich eine besondere Verantwortung. Kahlid fordert eine öffentliche Stelle, die die Zulassung von Geistlichen reguliert - egal ob für Kirchen oder Moscheen. "Prediger müssen wissen, wie sie predigen und was sie predigen. Zudem brauchen sie Grundkenntnisse über alle anderen Religionen, die in Nigeria praktiziert werden", argumentiert er.

Einflussnahme des Staates?

Der Ansatz ist nicht neu. Bereits vor zwei Jahren wollte das auch Senatspräsident David Mark, musste dafür aber viel Kritik einstecken. Bei der Christlichen Vereinigung Nigerias (CAN) etwa, dem Dachverband der christlichen Kirchen im Land, befürchtete man eine zu große Einflussnahme des Staates. Der Imam aus Abuja sieht dagegen eher die Chancen. Imame und christliche Priester könnten sogar eine Zeitlang gemeinsam ausgebildet werden, meint er. So könnte es etwa nach dem Theologiestudium gemeinsame, verpflichtende Seminare geben.

Wenn Menschen unglücklich mit der Regierung sind, sind sie für jede Ideologie empfänglich, die sich gegen die Regierung richtet.

Zitat: Muhammad Nuru Khalid

Radikale Prediger würden erst dann zu einem echten Problem, wenn deren Ideologien auf fruchtbaren Boden fielen, so Muhammad Nuru Khalid. "Wenn Menschen unglücklich mit der Regierung sind, sind sie für jede Ideologie empfänglich, die sich gegen die Regierung richtet." Die Entwicklung von Boko Haram habe das gezeigt.

Boko Haram rannte offene Türen ein

Anfangs wandte sich deren Gründer Mohammed Yusuf vor allem gegen "korrupte politische Eliten". Gerade bei jungen Menschen rannte er damit sprichwörtlich offene Türen ein. Verbessert hat sich die Entwicklung in weiten Teilen des Nordens allerdings bis heute nicht. Der Imam blickt daher skeptisch in die Zukunft: Wenn Boko Haram tatsächlich einmal das Handwerk gelegt werden könne, "müssen wir mit dem Aufbau dort beginnen, wo wir bereits vor 50 Jahren gestanden haben".

Von Katrin Gänsler (KNA)