Eine Anzeige in Seoul wirbt für den Besuch von Papst Franziskus im August 2014.
Gemeindereferentin Jutta Hassler über die Kirche in Südkorea und den Besuch von Papst Franziskus

"Kirche als Familienersatz"

Jutta Hassler ist Gemeindereferentin der deutschen Auslandsgemeinde in Seoul. Im Interview verrät sie, was sie persönlich vom Papstbesuch erwartet.

Von Steffen Zimmermann |  Seoul - 14.08.2014

Frage: Frau Hassler, fünf Tage ist Papst Franziskus in Südkorea. Welche Erwartungen haben Sie an den Besuch des Kirchenoberhaupts?

Hassler: Ich erhoffe mir, dass der Papst den südkoreanischen Katholiken Mut zuspricht und sie in ihrem Glauben bestärkt. Vor allem die jungen Katholiken hier sind oftmals auf der Suche nach Orientierung und einem tieferen Sinn für ihr Leben. Der Asiatische Jugendtag, der derzeit in der Diözese Daejeon stattfindet und der offizielle Anlass für den Besuch ist, bietet Franziskus die Gelegenheit, direkt mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. So kann er ihnen den Glauben als Stütze für ihr Leben nahebringen.

Frage: Sollte sich Franziskus bei seinem Besuch auch zum schwierigen Verhältnis zwischen Nord- und Südkorea äußern?

Hassler: Das würde ich mir auf jeden Fall wünschen. Ich selbst komme ursprünglich aus der DDR und weiß deshalb, wie es sich anfühlt, wenn ein Land durch eine Grenze brutal zerschnitten ist. Ich erwarte zwar nicht, dass Papst Franziskus sich politisch zur Situation auf der koreanischen Halbinsel äußern wird. Ich könnte mir aber vorstellen, dass er mit Blick auf die Teilung Koreas die Bedeutung des Friedens und der Versöhnung besonders betonen wird.

Frage: Sie haben es bereits gesagt: Offizieller Anlass und Höhepunkt des Besuchs ist das katholische Jugendtreffen in Daejeon. Welchen Programmpunkt der Reise stufen Sie darüber hinaus als besonders wichtig ein?

Hassler: Das ist ganz sicher die Messe zur Seligsprechung von 124 südkoreanischen Märtyrern am Samstag in der Innenstadt von Seoul. Diese Seligsprechung empfinden die Katholiken hier als besonderes Zeichen der Wertschätzung. Sie sagen: Das sind unsere Märtyrer und auf deren Glaubenszeugnis sind wir stolz.

Jutta Hassler (*1956) ist Gemeindereferentin in der deutschsprachigen katholischen Gemeinde von Seoul.
Bild: © Peter Lisker

Jutta Hassler (*1956) ist Gemeindereferentin in der deutschsprachigen katholischen Gemeinde von Seoul.

Frage: Sie selbst haben erst vor wenigen Tagen ihre neue Aufgabe als Gemeindereferentin in Seoul angetreten. Wie kam es dazu, dass sie diese Stelle übernommen haben?

Hassler: Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, ins Ausland zu gehen. Und als ich Ende vergangenen Jahres auf der Internetseite des Katholischen Auslandssekretariats gesehen habe, dass ein Gemeindereferent für Seoul gesucht wird, wusste ich sofort: Das ist es, da will ich hin – und das, obwohl ich vorher überhaupt keine Beziehung zu Südkorea hatte. Im Frühjahr war ich das erste Mal für ein paar Tage hier, und dieser Aufenthalt hat mich noch mehr darin bestärkt, dass meine Entscheidung für Südkorea richtig war.

Frage: Welchen Eindruck haben Sie bislang von der Kirche und den Katholiken in Südkorea gewonnen?

Hassler: Die Kirche in Südkorea ist jung – das erlebe ich hier jeden Tag. Bei den Gottesdiensten, die ich besuche, stehen oft gleich mehrere junge Priester als Konzelebranten mit am Altar. Und auch in den Gemeinden erlebe ich junge und motivierte Gläubige, die ihr Leben aus dem Christentum heraus gestalten und sich für andere Menschen einsetzen wollen. Das stimmt mich froh und ist ein ganz anderes Bild von Kirche, als ich es in den vergangenen Jahren in Deutschland erlebt habe.

Frage: Die katholische Kirche in Südkorea ist seit Jahren auf Wachstumskurs, inzwischen bekennen sich mehr als zehn Prozent der Bevölkerung zum römisch-katholischen Glauben. Wie lässt sich dieser Erfolg erklären?

Hassler: Durch die Industrialisierung und Technisierung Südkoreas in den 1970er- und 1980er-Jahren kamen viele Menschen vom Land in die Städte. Dort waren sie oft heimatlos und ohne soziale Bindungen. Halt und Unterstützung haben viele dieser Menschen bei der Kirche gefunden. Bis heute ist die Kirche für viele Gläubige eine Art Heimat und Familienersatz. Das kann man auch daran sehen, dass viele Menschen nach dem Gottesdienst noch länger in der Kirche bleiben und die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen suchen.

Frage: Sie selbst sind seit kurzem in der deutschsprachigen Gemeinde in Seoul tätig. Was ist das für eine Gemeinde und was für Menschen kommen dort zum Gottesdienst?

Hassler: Die meisten Menschen, die zu uns kommen, sind im Auftrag großer Unternehmen in Südkorea. Sie arbeiten und leben für einige Jahre hier und wünschen sich in dieser Zeit auch eine seelsorgliche Begleitung. Wir bieten jeden Sonntag einen deutschsprachigen Gottesdienst an, außerdem besteht im Anschluss die Möglichkeit zum Gespräch und zu gemeinsamen Veranstaltungen. Im Durchschnitt kommen 50 bis 60 Menschen zu unseren Gottesdiensten.

Von Steffen Zimmermann