Pilger an dem Ort der Marienerscheinung in Medjugorje.
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Bosniens Katholiken haben im 20. Jahrhundert stark gelitten

Kleine Minderheit mit großer Zukunftsangst

Die katholische Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas hat sich seit Beginn des Balkankriegs halbiert. Die leidvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts ist noch ohne Versöhnung - und die kleine katholische Minderheit hat Sorgen.

Von Johannes Pernsteiner |  Sarajevo - 04.06.2015

Schwierige Zeiten kennt die katholische Kirche in Bosnien-Herzegowina schon seit ihren Anfängen. Diese werden offiziell mit 1291 datiert, als Papst Nikolaus IV. die kroatischen Franziskaner beauftragte, zwei Brüder nach Bosnien zu entsenden. 1463 wurde Bosnien, 1482 Herzegowina von den Osmanen erobert, wobei 464 katholische Kirchen und 48 Franziskanerklöster zerstört wurden. Ein Großteil der Katholiken floh; manche traten zur serbisch-orthodoxen Kirche oder zum Islam über.

Unter den Verbleibenden harrten Franziskaner aus, vorschriftsmäßig in türkische Gewänder gehüllt, während sich die Jesuiten- und Dominikanermissionare nicht durchsetzen konnten. Franziskaner waren es auch, die ab 1735 das neu gegründete Vikariat Bosnien leiteten. Viele seiner Privilegien behielt der Orden bei, als Bosnien und Herzegowina nach dem Volksaufstand 1878 und der folgenden österreichisch-ungarischen Herrschaft eine reguläre Kirchenstruktur erhielten: eine katholische "Blütezeit".

Nun heißt es warten

Eine von der Glaubenskongregation eingesetzte Untersuchungskommission hat im Januar 2014 ihre Überprüfung der Vorgänge in und um Medjugorje abgeschlossen. Nun sehen die Franziskaner des bosnischen Marienwallfahrtsortes gelassen den Ergebnissen entgegen.

Weiterhin stellten die orthodoxen Serben, die unter dem Schutz des russischen Zarenreichs standen und den Habsburgern mit Distanz begegneten, 1910 mit 42 Prozent die Bevölkerungsmehrheit; ein Drittel waren Muslime und 23 Prozent Katholiken. Infolge der Balkankriege 1912/13 kam es zu einer Radikalisierung und einer Verschärfung des Nationalismus. Nach dem Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand im Juni 1914 in der Altstadt von Sarajevo folgten Ausschreitungen, Verhaftungen und Fluchtwellen serbischer Familien nach Serbien und Montenegro.

Im Zweiten Weltkrieg entlud sich der Hass zwischen den Gläubigen

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Bosnien und die Herzegowina zunächst Teil des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen, dann ab 1929 des Königreichs Jugoslawien. Die serbische Obrigkeit begegnete der wachsenden katholischen Kirche mit großer Skepsis und enteignete die muslimischen Landbesitzer. Im Zweiten Weltkrieg entlud sich in erbittertem Kampf zwischen kroatischer Heimwehr, Ustascha-Faschisten, serbischen Tschetniks, kommunistischen Partisanen sowie deutscher Wehrmacht und italienischen Truppen viel aufgestauter Hass zwischen den Glaubensgemeinschaften. Etliche Gläubige und Priester wurden umgebracht, Kirchen zerstört und ganze Gemeinden ausgelöscht.

Johannes Paul II. schüttelt während seines Besuches in Sarajevo 1997 Nonnen die Hand.
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Am 12. und 13. April 1997 reiste Papst Johannes Paul II. nach Sarajewo. Dort traf er unter anderem mit Vinko Puljic (rechts), Bischof von Sarajewo, zusammen.

Mit den kommunistischen Partisanen ab 1945 dauerten die Verfolgungen der Katholiken an: Tausende wurden ermordet, viele in Schauprozessen zu Zwangsarbeit verurteilt, Frauenorden vertrieben, die Priesterseminare geschlossen, die katholische Presse verboten. Lange gab es im Land keinen Bischof auf freiem Fuß. Erst langsam gelang es Bosniens Katholiken, einzelne Gebäude wieder aufzubauen oder zu renovieren.

In diese Zeit fällt auch der Beginn der Berichte von angeblichen Marienerscheinungen im von Franziskanern betreuten herzegowinischen Wallfahrtsort Medjugorje in den 80er Jahren. 1990 folgte die Ernennung von Vinko Puljic zum Erzbischof von Vrhbosna-Sarajevo; Johannes Paul II. machte den damals 49-Jährigen 1994 auch zum ersten Kardinal aus Bosnien.

"Systematische Benachteiligung" der Katholiken bis heute?

Noch heute klaffende Wunden hat besonders der Krieg zwischen 1991 und 1995 hinterlassen. Slowenien und Kroatien erklärten sich 1991, Bosnien 1992, unabhängig vom serbisch dominierten Jugoslawien, dessen Bundesarmee gemeinsam mit Freischärlern und den bosnischen Serben die muslimischen und katholisch-kroatischen Gebiete Bosniens angriff und Sarajevo 44 Monate lang belagerte. "Ethnische Säuberungen" durch Massaker, Folter und Vertreibungen kennzeichneten das grausame Ringen um Gebietsgewinne. Erneut wurden Priester und Ordensleute ermordet, Kirchen zerstört und Gläubige vertrieben.

Im Gebiet der heutigen Republika Srpska verschwanden im Zuge des Krieges 94 Prozent der einst 150.000 Katholiken; bis heute hält der landesweite Exodus der Katholiken an. Gegen Kriegsende standen schließlich auch die katholischen Kroaten und die muslimischen Bosniaken, die zunächst ihre Gebiete gemeinsam gegen die serbischen Angriffe verteidigt hatten, in Kämpfen um Siedlungsgebiete für ihre Vertriebenen gegenüber. Die Aufarbeitung der Ereignisse des 20. Jahrhunderts steht jenseits der Kriegsverbrecher-Tribunale weiter aus.

Kardinal Puljic beklagt eine "systematische Benachteiligung" der Katholiken bis heute. Sie erhalten etwa keine Restitutionen aus den Enteignungen der kommunistischen Zeit und Baugenehmigungen nur mit großen Hürden und Verzögerungen - im Gegensatz zu den Muslimen.

Am Rand der menschlichen Existenz

Papst Franziskus setzt seinen Gang an die Peripherien der Welt fort: Am Samstag reist er nach Bosnien-Herzegowina - und trifft dort auf eine Gesellschaft, die nach Jahren des Krieges immer noch vor großen Herausforderungen steht.

Von Johannes Pernsteiner