Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Klingelton zur Erinnerung

Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, hat Kritik an der deutschen Gedenkkultur zurückgewiesen. "Ritualisiertes Erinnern ist mir noch immer viel, viel lieber als organisiertes Vergessen", sagte Graumann am Donnerstag im Sender RBB-radioeins. Er äußerte sich anlässlich des 74. Jahrestags der nationalsozialistischen Judenpogrome um den 9. November 1938. Eine ritualisierte Erinnerungskultur in Deutschland hatte unter anderen der Publizist Henryk M. Broder kritisiert.

Berlin - 09.11.2012

Graumann bezeichnete es als "gut, dass es solche Merkposten im Kalender gibt, wenn man weiß: Hier soll man sich erinnern". Es dürfe aber kein leeres Erinnern sein und müsse auch das ganze Jahr über bewusst bleiben. Der Zentralrats-Präsident wandte sich zugleich dagegen, "den Menschen in Deutschland von heute auch nur den Anschein von Schuld zuzusprechen". Es gehe vielmehr um die gemeinsame Verantwortung aller, es besser zu machen. "Und wenn wir ab und zu quasi mit einem Klingelton daran erinnert werden, ist es nicht schlecht für uns alle", betonte Graumann.

Bei der traditionellen Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in der Frankfurter Paulskirche unterstrich er, dass die Juden in Deutschland sich "mit rundum positivem jüdischen Spirit" in die Gesellschaft einbringen und sich auch angesichts neuer Bedrohungen nicht verstecken wollten. "Ein Judentum in Hinterzimmern wird es hier nicht geben", so der Zentralrats-Präsident. Heftig attackierte er bei der Feier den Schriftsteller Günther Grass. Ihm warf er wegen seines Gedichts "Was gesagt werden muss" Israel-Hetze vor. Darin postuliert Grass eine von Israel ausgehende Kriegsgefahr.

Der Generalsekretär der CDU Deutschlands, Hermann Gröhe, verwies auf den 9. November als Symbol für die wechselvolle Geschichte Deutschlands. Der Tag sei gleichermaßen ein Tag der Freude und der Trauer. "Voller Dankbarkeit erinnern wir uns an den 9. November 1989, an dem die Berliner Mauer geöffnet wurde. Voller Scham denken wir an den 9. November 1938, an dem jüdische Einrichtungen zerstört wurden", so der CDU-Politiker. Beide Ereignisse hätten das Selbstverständnis "unserer Nation" entscheidend geprägt.

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