Heiner Koch im Porträt
Berliner Erzbischof über die staatliche Neutraliträt

Koch: Atheistische Weltsicht darf keinen Vorrang haben

Das Berliner Neutralitätsgesetz ist umstritten. Man dürfe es aber nicht als Vorrang des Atheismus deuten, sagt Erzbischof Heiner Koch. Dennoch spricht er eine Warnung aus - allerdings an die Christen.

Berlin - 11.01.2018

Erzbischof Heiner Koch sieht die Kirchen in diesem Jahr durch das umstrittene Berliner Neutralitätsgesetz besonders herausgefordert. Sie müssten in der Debatte darüber darauf drängen, dass die Neutralität des Staates in religiösen und weltanschaulichen Fragen nicht als Vorrang einer atheistischen Weltsicht verstanden werde, sagte Koch am Mittwoch in Berlin. Bei einem Neujahrsempfang des Erzbistums Berlin rief er die Christen auf, sich verstärkt politisch zu engagieren.

Nach dem Neutralitätsgesetz dürfen bestimmte staatliche Bedienstete keine Kleidungs- und Schmuckstücke tragen, die demonstrativ für eine religiöse oder politische Position stehen. Der rot-rot-grüne Senat ist in der Frage gespalten. Die SPD verteidigt das 2005 verabschiedete Gesetz vehement unter Hinweis auf die besonderen Anforderungen an die staatliche Neutralität in einer multireligiösen Metropole. Linkspartei und Grüne treten für eine Überprüfung ein, ebenso die Kirchen.

"Der steigende Anteil ungetaufter Menschen muss uns verändern"

In den vergangenen Monaten kam es überdies mehrfach zu Rechtsstreitigkeiten über das Kopftuchverbot für muslimische Lehrerinnen. Für Aufsehen sorgte Ende vergangenen Jahres die Entscheidung des katholischen Canisius-Kollegs, eine Kopftuch tragende Muslimin als Gymnasiallehrerin einzustellen. Die Berliner Grünen hatten Anfang Dezember auf einem Parteitag einstimmig für die Abschaffung des derzeitigen Neutralitätsgesetzes votiert.

Angesichts ihres rückläufigen Anteils an der Bevölkerung warnte Koch die Christen davor, sich in eine "Sonderwelt" zurückzuziehen. Sie müssten vielmehr "etwas Besonderes in der Welt sein". Christen sollten im Umgang miteinander und mit anderen durch besondere Achtung und Respekt herausragen. Ihre Gottesdienste sollten würdig und die Pfarrhäuser "gastfreundlich" sein. "Der steigende Anteil ungetaufter Menschen muss uns verändern", so der Erzbischof.

Nach jüngsten Angaben ist nur noch jeder vierte Berliner Christ. 16 Prozent sind evangelisch und 9 Prozent katholisch. Die Mitgliederzahl der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz reduzierte seit 2007 in der Hauptstadt um mehr als 100.000 auf jetzt rund 580.000, im Erzbistum stieg sie vor allem wegen der Zuwanderung um 13.000 auf gut 331.000. (KNA)