Peter Kohlgraf ist der ernannte Bischof von Mainz.
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Ernannter Mainzer Bischof über Zölibat, Homo-Ehe und XXL-Gemeinden

Kohlgraf: Wenn Kirche nervt, freue ich mich

In zwei Interviews äußert sich der neue Mainzer Bischof Peter Kohlgraf auch zu heiklen Themen wie Homo-Ehe, Zölibat oder XXL-Gemeinden. Und der Kölner verrät, wann er künftig mit Darmstadt 98 fiebert.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 15.08.2017

Knapp zwei Wochen vor seiner Weihe hat der ernannte Bischof von Mainz, Peter Kohlgraf, Stellung zu den großen Streitfragen der katholischen Kirche bezogen und einen Ausblick auf seine Amtszeit gegeben. Am Dienstag äußert er sich in zwei Interviews mit der Katholischen Nachrichten-Agentur und der Allgemeinen Zeitung Mainz zum Zölibat, zur Ehe von Homosexuellen, zur Rolle der Frau in der Kirche und zu XXL-Gemeinden.

Zölibat, Frauendiakonat, Homo-Ehe

Zum Diakonat der Frau erklärt Kohlgraf, die Forschung sei grundsätzlich abgeschlossen. Franziskus habe jedoch eine neue Tür geöffnet, in dem er zu dem Thema eine Arbeitsgruppe eingerichtet habe. "Deren Ergebnisse muss man abwarten und dann muss der Papst entscheiden", so Kohlgraf. Die von Franziskus vor gut einem Jahr eingerichtete Kommission soll die Aufgabenfelder von Diakoninnen in der frühen Kirche untersuchen. Für diese Epoche ist Kohlgraf selbst Experte, da er sich zur Theologie dieser Epoche habilitierte.

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Peter Kohlgraf wäre gerne Professor geblieben. Jetzt muss er sich überlegen, wie er als zukünftiger Bischof von Mainz wirken will. Kohlgrafs Vorgänger Kardinal Lehmann hilft mit Tipps.

Angesprochen auf den Zölibat, betont Kohlgraf, dieser sei zwar kein Dogma, gehöre aber zum Charisma der katholischen Kirche. "Und wenn heute jemand Priester werden will, muss er den Zölibat als spirituelle Lebensweise bejahen und sich darauf einstellen, dass er in absehbarer Zeit nicht abgeschafft wird". Der Priestermangel dürfe nicht allein auf dieses Thema reduziert werden. Manchmal frage er sich zudem, ob die "Ehe nicht über die Maßen glorifiziert" werde, sagt Kohlgraf. Lebensweisen dürften nicht pauschal miteinander verglichen und gegeneinander ausgespielt werden. Zu "viri probati" erklärt der bisherige Theologieprofessor, theologisch spreche "nichts dagegen". Viri probati sind verheiratete Männer, die sich in ihrem Glaubensleben bewährt haben und sich daher möglicherweise für eine Weihe eignen. Zur Homo-Ehe sagte der 50-Jährige, eine solche würde er nicht segnen, "aber den einzelnen Menschen schon".

Auch zur Ökumene positioniert sich der künftige Bischof. Alles, was evangelische und katholische Kirche gemeinsam tun könnten, "sollten wir gemeinsam tun. Und da ist noch viel Luft nach oben", erklärt er. Allerdings gebe es auch Differenzen zwischen den beiden Kirchen, etwa bei ethischen Fragen wie dem Lebensschutz.

Allgemein müsse die katholische Kirche zu dem stehen, was das Evangelium verkünde. Da sei es auch gut, wenn sie den einen oder anderen manchmal "nerve". "Das freut mich dann vielleicht sogar ein bisschen", so Kohlgraf. Als Beispiel nennt er den Schulunterricht. Da sei es langweilig, wenn "ein Pastor im Wollpullover" den Schülern etwas vom "lieben Jesuskind" erzählt. Spannender sei es, über Empfängnisverhütung zu sprechen: "Dann haben die Schüler wahrscheinlich ihre eigene Meinung, aber die Kontroverse ist sinnvoll und spannend".

Linktipp: Ein praktischer Theologe wird Bischof

Auf den Professor für Dogmatik folgt der Professor für Pastoral: Mit Peter Kohlgraf ist wieder ein Wissenschaftler auf dem Mainzer Bischofsstuhl. Seine Forschungen kann er nun in die Praxis umsetzen.

Auf sein künftiges Amt als Mainzer Bischof hat sich Kohlgraf bereits vorbereitet und Gespräche mit Mitarbeitern der Bistumsverwaltung geführt. In beiden Interviews kündigt er aber auch Reformen an. In den Gemeinden müssten die Laien künftig eine wichtigere Rolle spielen. "Kirche wird künftig nicht mehr nur vom Pfarrer her gedacht werden dürfen, auch wenn das das Selbstverständnis des einen oder anderen ankratzt. Wir müssen Laien zunehmend die Freiheit und das Selbstbewusstsein zu pastoralem Gestalten geben". So könnten Laien bei Bedarf etwa auch Gottesdienste halten, allerdings ohne die Eucharistiefeier. "Priester sind keine 'wertvolleren' Christen, auch wenn sie andere Aufgaben haben. Getauft ist getauft", so charakterisiert Kohlgraf das Verhältnis von Geweihten zu Laien.

Allerdings steht für Kohlgraf auch fest: "Die Kirche versteht sich sakramental, von daher wird grundsätzlich ein Pfarrer eine Gemeinde leiten müssen". Ehrenamtliche dürften zudem nicht mit Aufgaben überfrachtet werden: "Wir dürfen die Menschen auch nicht überfordern. Wo sollen die Leute herkommen, die die ganze Arbeit leisten sollen?". Von XXL-Gemeinden halte er wenig: "Wir wissen, dass die Akzeptanz von Kirche abnimmt, wenn sie kein Gesicht vor Ort hat. Vielleicht kann es in Mainz unterschiedliche Wege für verschiedene Regionen geben". Seine Aufgabe als Bischof sei es, dazu eine verbindende Vision zu entwickeln. Kirche werde zudem künftig stärker auch in anderen Orten als den Gemeinden stattfinden: so etwa in der Krankenhaus- oder Hochschulpastoral.

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Peter Kohlgraf, der ernannte Bischof von Mainz, öffnet für Journalisten seine Bischofswohnung. Er spielt nicht nur am Klavier, sondern erklärt auch, welche besonderen Kreuze bei ihm an die Wand kommen.

In Bezug auf das Mainzer Priesterseminar, das derzeit 11 Studenten auf die Priesterweihe vorbereitet, erklärte Kohlgraf, er werde "niemals" ein Seminar auflösen. Priesterseminare seien "das Herz" eines Bistums. Allerdings müssten die Seminare künftig "viel stärker ein Haus auch für geistliche Begleitung sein, ein Haus der Berufung". Insgesamt habe die Kirche, deren Gottesdienste immernoch Zehntausende Menschen besuchten, "riesige Chancen, den Menschen zu begegnen".  

Ein sportlicher Konflikt

Peter Kohlgraf war bisher Professor für Pastoraltheologie an der Katholischen Hochschule Mainz. Im April ernannte Papst Franziskus ihn zum Bischof von Mainz, er wird am 27. August geweiht. Damit wird er Nachfolger von Kardinal Karl Lehmann, dessen Rücktrittsgesuch Papst Franziskus am 16. Mai vergangenen Jahres, dem 80. Geburtstag Lehmanns annahm. Kohlgrafs Wahlspruch lautet "Appropinquavit regnum Dei", "Das Reich Gottes ist euch nahe gekommen!". Geboren ist er im Erzbistum Köln – und das könnte für ihn künftig zu einem sportlichen Konflikt führen: "Ich lasse mich jetzt auf die neue Situation ein - ohne Köln dabei untreu zu werden. Wenn der FC gegen Mainz spielt, wende ich mich vielleicht besser Darmstadt 98 und Eintracht Frankfurt zu", so Kohlgraf.

Von Gabriele Höfling