Drei Kirchentüren mit Graffitis darauf
Schwester Veronica Krienen über das Sonntagsevangelium

Liebe – Gedanken zu einem abgenutzten und verschlissenen Wort

Lieben, wie Jesus liebt – das klingt nach einer hoffnungslosen Überforderung. Wie macht Jesus das? Schwester Veronica Krienen geht der Frage auf den Grund und kommt zu dem überraschenden Ergebnis: Es ist menschenmöglich.

Von Sr. Veronica Krienen OSB |  Köln - 18.05.2019

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Impuls von Schwester Veronica Krienen

Liebe – Herzklopfen, die Liebe fürs Leben, die schönste Sache der Welt, uraltes Thema, wie im ältesten deutschen Liebesgedicht [um 1150]: Dû bist mîn, ich bin dîn / dû bist beslozzen / in mînem herzen… Du bist mein, ich bin dein / Du bist verschlossen / In meinem Herzen…, Gefühl und Romantik.

Aber geht es heute nicht um ein Liebes-Gebot, ein moralisches Gesetz, eine verbindliche Anweisung? *Seufz* – das klingt anstrengend – noch ein Gebot, ein Du-sollst.
Ein Hoffnungsschimmer ist das Wort neu. Was ist denn bei Jesus das Neue, das Besondere an diesem alten Menschheitsthema?

Ihr wie ich – das ist neu. Lieben, weil Jesus liebt; lieben, wie Jesus liebt! Das ist herausfordernd: wie kann ich mich mit Jesus vergleichen. Aber es ist auch ermutigend: es ist also menschenmöglich.
Und – wie macht Jesus das mit dem Lieben?

Jesus liebt immer ganz, mit Kopf, Herz und Bauch. Wenn er einen jungen Mann anschaut und ihn liebgewinnt, dann ist das keine Tugendanstrengung, sondern eine ehrliche Herzensbewegung. Jesus schenkte seine Liebe gerade auch jenen, in die sich niemand verliebte [Joachim Gnilka]. Wenn Jesus sich also mit den Verachteten seiner Zeit zum Essen trifft, ist das keine caritative Gutmensch-Geste, es zeigt die Freiheit, sich nicht an gesellschaftlichen Normen zu orientieren. Er macht Heil erfahrbar, indem er in jedem Menschen das Kind Gottes erkennt.

Wenn Jesus Vergebung und Schulderlass in gigantischem Umfang propagiert, geht es ihm nicht um einen großartigen Akt der Selbstbeherrschung und Schonung, sondern um die Entscheidung zur voraussetzungslosen Güte.

Als er seinen Jüngern die Füße wäscht, beugt er sich tief, aber er verbiegt sich nicht künstlich, er dient den Seinen in großer Freiheit und Selbstverständlichkeit.
Und als Jesus sich letztlich selbst zur Speise anbietet: Nehmt, nehmt von mir, nehmt mich, dann zeigt das, er ist so bei Gott beheimatet, dass ihn das freisetzt, sich ganz zu investieren – für mich, für uns – ohne Vorbehalt und ohne um sich besorgt zu sein.

Jesu Lieben vermittelt dabei nicht den Eindruck von moralischem Hochleistungssport, von ihm geht eine frische, belebende Atmosphäre aus, eine selbstbewusste Leichtigkeit und natürliche Zuwendung – ansteckend.

Ihr wie ich. Lieben, weil Jesus liebt; lieben, wie Jesus liebt! Nur daran werden wir Christen zu erkennen sein – durch nichts anderes kann Jesus Christus in unserer Welt sichtbar werden. Und wann immer Er unter uns erscheint, wie herrlich wird das sein!

Von Sr. Veronica Krienen OSB

Aus dem Evangelium nach Johannes (Joh 13,31-33a.34-35)

In jener Zeit als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen und er wird ihn bald verherrlichen.

Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.

Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt. 

Die Autorin

Sr. Veronica Krienen OSB lebt als Benediktinerin in Köln. Die Psychologin arbeitet im Edith-Stein-Exerzitienhaus und in der Ausbildung des Ordensnachwuchses.

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