Szenenbild aus "Maria Magdalena": Mara Rooney in der Titelrolle
Bild: © Universal
Ein neuer Film zeigt das Evangelium aus der Perspektive einer Frau

Maria Magdalena: Die Apostelin der Apostel im Kino

Maria Magdalena ist die erste Zeugin am Grab und die erste Verkündigerin der Auferstehung. Ein neuer Film erzählt nun die Geschichte der "Apostelin der Apostel": Still, nicht sensationsheischend – aber gerade deshalb beeindruckend.

Von Peter Hasenberg |  Bonn - 06.03.2018

In der Bibel hat Maria Magdalena nur kurze Auftritte, aber die sind stark: Sie gehört zu den letzten getreuen Anhängern, die Jesu im Sterben begleiten und sie ist am leeren Grab die erste Zeugin der Auferstehung. In Ausmalung dieser kargen Biographie gab es die Tradition, sie mit der Prostituierten gleichzusetzen, die Jesus die Füße salbte (Lk 7, 37-50). Das "Sünderinnen"-Image hat sich durch Darstellungen in der Kunst und auch im Film verfestigt. So beginnt beispielsweise Cecil B. de Milles Stummfilm "König der Könige" (1927) mit Szenen am Hof der Edelkurtisane und Martin Scorsese zeigt sie in "Die letzte Versuchung Christi" (1989) bei der Abfertigung ihrer Freier und lässt in der umstrittenen Traumsequenz am Ende sogar die Ehe mit Jesus vollziehen.

Der Film von Garth Davis versteht sich bewusst als Versuch der Rehabilitation der Maria Magdalena als eine den Aposteln gleichgestellte Begleiterin Jesu. Schon seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und vor allem in der feministischen Theologie hat sich diese Aufwertung zunehmend durchgesetzt. Wie im Abspann zitiert, fand die Würdigung Marias als "Apostola Apostolorum" (Apostelin der Apostel) zuletzt 2016 ihren Ausdruck in einem von Papst Franziskus ausdrücklich erwünschen Dekret der Gottesdienst-Kongregation, mit dem der Gedenktag der heiligen Maria Magdalena am 22. Juli in den Rang eines Festes erhoben wurde.

Eine Berufungsgeschichte

"Maria Magdalena" ist keine nachgelieferte filmische Begründung dieses Dekrets, sondern eine um viele eine fiktive Erweiterungen erzählte Geschichte dieser Frau, die keinerlei sensationsheischende Umdeutungen sucht, sondern dass unterstreicht, was in der Bibel den Kern ausmacht: Maria Magdalena ist die erste Zeugin am Grab und die erste Verkündigerin der Auferstehung.

Garth Davis erzählt eine Berufungsgeschichte. Maria wird in den Anfangsbildern gezeigt, wie sie bei einer schweren Geburt hilft, indem sie sich neben die Gebärende legt und durch ihre Nähe einen beruhigenden Einfluss ausübt. Auch Jesus wird sich später bei der Erweckung des Lazarus in gleicher Weise neben den Toten legen. Marias Leben, das wird deutlich, wird bestimmt von einer intensiven Gotteserfahrung. Sinnbildhaft wird dafür das Bild einer Taucherin eingeführt, dass am Anfang und am Ende des Films auftaucht. Im Untertauchen hat sie das Gefühl einer Schwerelosigkeit erlebt und im Aufsteigen zur Wasseroberfläche und zum Licht ein Hinaufstreben zum Göttlichen. Die Gotteserfahrung als ein Getragen-Werden.

Sie lässt sich nicht abbringen

Maria spürt, dass es nicht ihre Berufung ist, Frau und Mutter zu werden. Für ihre Familie ist die Verweigerung der Ehe nur als Anzeichen für Besessenheit zu deuten, so dass sie an Maria einen Exorzismus vollziehen lässt, bei dem sie fast stirbt. Sie lässt sich aber nicht von ihrem Weg abbringen und folgt Jesus, der sie als Freundin besonders schätzt. Diese Beziehung hat aber keinerlei sexuelle Konnotationen. Jesu Mutter Maria sieht sich und Magdalena in der gleichen Situation, sie beide lieben Jesus und müssen sich darauf einstellen, ihn zu verlieren.

Die bekannten Stationen der Geschichte Jesu von Bergpredigt, Tempelreinigung, Letztes Abendmahl, Passion spielt der Film nur kurz an, denn das haben andere Bibelfilme schon zu oft mit immer ähnlichen Bildern getan. Wichtiger ist für den Regisseur eine thematische Klammer. Es geht um die Frage nach der Bedeutung des Reiches Gottes. Während die Männer eine Revolution gegen die herrschenden Römer erwarten, ist Maria überzeugt, dass das Reich Gottes im Herzen eines jeden Menschen beginnt. Das ist auch ihre Botschaft, die sie nach der Auferstehung gegen die "Männerkirche", die die Gruppe der Apostel verkörpert, vehement verteidigt.

Blicke, Berührungen und Gesten der Zuwendung

Das zentrale Thema wird aber nicht in langen Dialogen abgehandelt, sondern vor allem auch in Bildern umgesetzt. Der Film setzt stark auf Blicke, Berührungen und Gesten der Zuwendung, um eine Welt aufscheinen zu lassen, in der ein friedliches Miteinander und eine Kultur der Achtsamkeit bestimmend sind.

Szenenbild aus "Maria Magdalena": Mara Rooney in der Titelrolle
Bild: © Universal

Szenenbild aus "Maria Magdalena": Mara Rooney in der Titelrolle

Im Zusammenhang mit der Reich-Gottes-Thematik steht auch die interessante Umdeutung der Judas-Figur. Der sonst als Verräter oder verhinderter Revolutionär gezeichnete Judas ist hier ein junger Mann, der Frau und Kind durch die Römer verloren hat und sich nichts sehnlicher wünscht, als beim Anbrechen des Reiches Gottes mit den geliebten Verstorbenen wiedervereint zu werden. Als diese Hoffnung enttäuscht wird, nimmt er sich das Leben, weil er nur diesen Weg sieht, um zu seiner Familie zu kommen.

Es gibt Konzessionen an ein amerikanisches Publikum wie die Besetzung der Petrus-Rolle mit einem afroamerikanischen Schauspieler (Chiwetel Ejiofor), die aber inhaltlich keine neuen Akzente bringen. Eindrucksvoll sind die Leistungen der beiden Hauptdarsteller. Joaquin Phoenix ist kein "süßer" Jesus im Nazarener-Stil, sondern verbindet Stärke mit Zärtlichkeit, Rooney Mara als Maria Magdalena macht das innere Leuchten einer Frau von großer spiritueller Kraft sichtbar.

Ästhetisch bleibt der Film weitgehend der Ästhetik der wallenden Bärte und Gewänder verhaftet, aber es gelingt ihm doch, eine frische neue Sicht auf die Botschaft des Evangeliums zu werfen. Mögen viele Details der Geschichte der Maria Magdalena erfunden sein, dem Geist des Evangeliums bleiben sie treu.

Von Peter Hasenberg

Filmdienst

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