Marx: Kann verstehen, wenn Menschen mit der Kirche hadern
Bild: © Markus Nowak
Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz zur Missbrauchskrise

Marx: Kann verstehen, wenn Menschen mit der Kirche hadern

Kurz vor Weihnachten spricht der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz mit der "Bild am Sonntag" über Missbrauch und die Glaubwürdigkeitskrise der Kirche. Er äußert sich aber auch zu anderen Themen - wie dem Sonntagsschutz.

Berlin - 23.12.2018

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, zeigt Verständnis für Menschen, die mit der Kirche hadern. "Als Institution sind wir seit Jahren ohne Zweifel in einer tiefen Krise und werden in unserer Glaubwürdigkeit durch jeden Skandal erschüttert. Ich kann verstehen, wenn viele mit dieser Institution hadern", sagte Marx im Interview der "Bild am Sonntag".

Burger: Missbrauch konsequent und zeitnah aufarbeiten

So sei beim Thema sexueller Missbrauch zwar bei Prävention und Aufarbeitung vieles in Gang gebracht worden. "Doch wir haben noch einen gehörigen Weg vor uns. Es bleiben systemische Fragen. Es geht um wichtige Schritte zur Reform der Kirche", betonte Marx. Dazu komme, dass die Kirche "heute in einer freien pluralen Gesellschaft viel stärker sichtbar machen muss, warum der Glaube positiv für das jeweilige Leben ist".

Stephan Burger ist Erzbischof von Freiburg.

Auch Freiburgs Erzbischof Stephan Burger sieht angesichts des Missbrauchsskandals die Kirche vor einem Glaubwürdigkeitsproblem. "Wir werden daran gemessen, wie konsequent und auch zeitnah wir all das aufarbeiten, was bisher liegen gelassen wurde", sagte Burger der Deutschen Presse-Agentur. "Dieser Prozess darf sich nicht in die Länge ziehen, die nötigen Konsequenzen für die Zukunft dürfen nicht aufgeschoben werden." Die Kirche müsse sich verändern, um Missbrauch und vor allem Machtmissbrauch nicht weiter zu begünstigen. "Da geht es auch um Strukturen, da geht es auch um Macht und Kontrolle", sagte der Erzbischof: "Nur wenn wir konsequent und transparent an solchen Schwächen arbeiten, haben wir verdient, dass die Menschen uns wieder oder weiterhin vertrauen."

Für die katholische Kirche in Deutschland hatten Wissenschaftler Ende September eine Studie über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Geistliche bei der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda vorgestellt. In den kirchlichen Akten der Jahre 1946 bis 2014 fand das Forscherteam Hinweise auf 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe und auf rund 1.670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute. Die Experten gehen von weiteren Fällen aus, die nicht in den Akten erfasst sind. Kardinal Reinhard Marx sagte, die Kirche werde sich "auf den Weg machen", grundlegendere Fragen anzugehen wie Sexualmoral, Ausbildung und Lebensform der Priester "sowie das Thema Macht und Teilhabe in der Kirche".

Der Auftrag Jesu laute aber nicht habt viele Mitglieder!, sondern: Tut euren Dienst!

Zitat: Kardinal Reinhard Marx

Er zeigte sich besorgt angesichts des Mitgliederschwunds in der Kirche. Der Auftrag Jesu laute aber nicht "habt viele Mitglieder!, sondern: Tut euren Dienst!" Und da er, Marx, keinen Zweifel, dass es auch künftig noch Menschen geben werde, "die das Evangelium leben und die Heilige Messe feiern".

Gleichzeitig fordert er die Christen auf, selbstbewusster zu ihrer Religion zu stehen. Ihm gefalle es nicht, wenn aus Rücksicht auf andere Religionen Weihnachtsmärkte in Wintermärkte und Sankt-Martins-Feste in Sonne-Mond-und-Sterne-Feiern umbenannt würden. "Aber es liegt an uns Christen selbst, unsere Gesellschaft zu gestalten", so der Erzbischof von München und Freising zur "Bild am Sonntag".

Marx: Messdiener im Konflikt zwischen Messe und Fußballverein

Auch der Sonntag solle nicht angetastet werden, findet Marx. Der Tag sei eines der wesentlichen Identifikationsmerkmale der christlich geprägten Gesellschaft. "Schade finde ich, wenn man auch am Sonntag unter Zugzwang gerät und die vielen unterschiedlichen Dinge nicht unter einen Hut bekommt." Manche Ministranten etwa seien gestresst, wenn sie am Sonntagvormittag mit ihrer Fußballmannschaft spielen sollten. "Vielleicht könnten die Verbände die Sonntagsspiele ja auch nachmittags ansetzen." (gho/dpa/KNA)