Eine Junge und seine Mutter beten auf einer US-Wahlveranstaltung 2012.
Christliche Gemeinden kommen am Wahltag zur Andacht zusammen

Massengebet am Wahltag

Für den Jugendpfarrer der Mennonitengemeinde Sunnyside in Lancaster (US-Bundesstaat Pennsylvania) ist die Präsidentenwahl an diesem Dienstag Anlass, sich auf das Wesentliche zu besinnen: "Auch wenn wir die vergangenen Monate damit verbracht haben, uns auf die Seite des einen oder des anderen Kandidaten zu schlagen - am Ende können wir als Anhänger von Jesus Christus zusammenkommen und praktizieren, was es heißt, einig zu sein und diese Einigkeit in Christus zu leben."

Washington - 06.11.2012

Sein Glaubensbruder, Reverend Mark Schloneger, sehnt ebenfalls das Ende eines Wahlkampfes herbei, der wieder mal die tiefe Kluft in der amerikanischen Gesellschaft, die politische Polarisierung der USA deutlich gemacht hat: "Ich hatte das Gefühl, dass unsere Einigkeit in Christus gefährdet war; dass die Kandidaten und die Parteien uns mit ihren Versprechungen in Versuchung führen wollten, mit denen wir überschwemmt wurden. Dabei gibt es einen Ritus in den Kirchen, der unseren Sinn für Einigkeit, für Zusammengehörigkeit anspricht."

Gottesdienst mit Obama und McCain

Die Mennonitenkirche in den USA ist Schrittmacher einer Entwicklung, die das ganze Land erfasst hat und die auch von zahlreichen keiner Religionsgemeinschaft angehörenden Amerikaner begrüßt, fast mit Erleichterung aufgenommen wird: die noch junge Tradition der "Election Day Communion", der gemeinsamen Andacht am Wahltag.

Ihren Ursprung hat die Bewegung in der Springdale Mennonite Church in Waynesboro, Virginia, die am Wahltag 2008 Gläubige - also die Wähler der damaligen Kandidaten John McCain und Barack Obama zum Gottesdienst einlud, um die Kluft des Parteienstreites zu überwinden. Dieses Beispiel hat Aufmerksamkeit erregt und Gemeinden der unterschiedlichsten christlichen Bekenntnisse zum Mitmachen motiviert. Dass 2012 das politische Klima im Land noch schroffer, die Wahlkampfspots noch negativer und der Schlagabtausch teils noch hasserfüllter war als vor vier Jahren, hat diesem gemeinsamen Kirchenappell noch mehr Widerhall verschafft.

800 Gemeinden kommen am Wahltag zusammen

Die Zusammenkunft am Wahltag wird nach Schätzungen von mindestens 800 Gemeinden in 46 Bundesstaaten und von mehr als einem Dutzend Glaubensrichtungen angeboten. "Viele Menschen suchen nach Wegen, um Teil eines öffentlichen Bewusstseins zu werden, das den miesen Ton und die brutalen Taktiken des Wahlkampfes hinter sich lässt", erklärt Buchautor Jonathan Merritt.

Natürlich gehört eine Portion Patriotismus zu einem Tag, der eigentlich ein Hochamt der gelebten Demokratie sein sollte. Neben Kirchenliedern wird in vielen Gottesdiensten etwa auch die inoffizielle Nationalhymne "America the Beautiful" gesungen. Christen, so fordert es Reverend Stefani Schatz von der anglikanischen Trinity Church in Reno/Nevada, sollten im Wahlkampf Vorbilder an Bürgersinn und Höflichkeit sein - und nach dem Urnengang Schrittmacher der Versöhnung. Ganz nach dem Motto der Zusammenkunft am Wahltag: "Erinnere dich am 6. November daran, was wirklich zählt."


Von Ronald Gerste