Mehr Entscheidungen für das Leben
In den USA nimmt die Zahl der Abtreibungen ab - aber warum?

Mehr Entscheidungen für das Leben

"Eine Implosion der Abtreibungs-Industrie" oder ein Erfolg strengerer Gesetze? Experten und Aktivisten streiten über die Gründe des Rückgangs der Abtreibungszahlen.

Von Thomas Spang |  Washington - 14.06.2015

Für den Vorsitzenden der "Priester für das Leben" Frank Pavone liegt die Erklärung dafür klar auf der Hand. "Die Abtreibungs-Industrie hat über die vergangenen Jahre eine Implosion erlebt", so der Pro-Life-Aktivist. Auf der anderen Seite der Debatte hält die Präsidentin von "Planned Parenthood" Cecile Richard einen leichteren Zugang zu Verhütungsmitteln sowie Sexualerziehung für die entscheidenden Faktoren.

Rückgang besonders in demokratisch regierten Staaten

Belege ließen sich in den erhobenen Zahlen für alle Theorien finden. Fünf der sechs Bundesstaaten mit den größten Rückgängen finden sich beispielsweise fest in der Hand der Demokraten, die sich politisch einen legalen Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen in den USA auf die Fahnen geschrieben haben. Hawaii hat minus 30 Prozent, New Mexico minus 24 Prozent, Nevada und Rhode Island jeweils minus 22 Prozent und Connecticut minus 21 Prozent.

Stärkere Regulierung in republikanisch regierten Staaten

Richtig ist aber auch, dass der nationale Trend einhergeht mit einer Fülle an gesetzgeberischen Aktivitäten in jenen Bundesstaaten, die darauf abzielen, Abtreibungen stärker als bisher zu regulieren. Die Expertin Elizabeth Nash vom unabhängigen Guttmacher Institute hat in 31 republikanisch geführten Staaten seit 2011 insgesamt 267 Maßnahmen gezählt, die Schwangerschaftsabbrüche neuen Regeln unterwerfen.

Zu den beschlossenen Einschränkungen gehören ein Verbot der meisten Abtreibungen nach der 20. Schwangerschaftswoche, eine Anhebung der medizinischen Ausstattung sowie Mindeststandards von Kliniken, in denen Abbrüche durchgeführt werden, als auch die Zulassung der dort praktizierenden Ärzte bei lokalen Krankenhäusern.

All das führte zur Schließung von Einrichtungen, die bis dahin legal ihre Dienste angeboten hatten. Allein in Texas haben die 2013 beschlossenen Einschränkungen zu einer Halbierung der Abtreibungskliniken auf 18 geführt. Nachdem das Bundesberufungsgericht von New Orleans gerade eine Klage gegen das Gesetz zurückgewiesen hat und es in etwas mehr als zwei Wochen voll in Kraft treten kann, wird sich die Zahl nach Schätzung von Experten auf neun verringern.

Die Sorge der "Pro-Choice"-Lobby in Texas ist so groß, dass sie nun versucht, die Angelegenheit vor das oberste US-Verfassungsgericht zu bringen. Einen solchen Schritt haben die Befürworter eines weitgehend ungehinderten Zugangs zum Schwangerschaftsabbruch bislang gemieden, wegen der mehrheitlich konservativen Richter dort. Das Gericht selbst griff das Thema auch nur mit spitzen Fingern auf.

Das oberste Gericht soll für Klarheit sorgen

Der Rechtswissenschaftler Michael Dorf von der Cornell-Universität meint, es sei höchste Zeit, dass der Supreme Court bei einigen Fragen Klarheit schaffe. "Er muss entscheiden, was Frauen in Konfliktsituationen zuzumuten ist". Damit spielt Dorf auf das bislang letzte "große Urteil" von 1992 an, in dem das Verfassungsgericht erklärte, es müsse sichergestellt sein, dass Schwangere keiner "ungebührlichen Last" ausgesetzt werden.

Die Statistik wirft die Frage auf, was jenseits von Einschränkungen oder einfacherem Zugang zu Verhütungsmitteln den nationalen Trend ausmacht. Denn dieser ist quer durch die Bundesstaaten zu verzeichnen. In demokratisch regierten ohne Restriktionen und in republikanischen Staaten, die auf dem Gesetzesweg stärker eingriffen.

Janet Morana von der Organisation "Silent No More", die Frauen ermutigt, über ihre Erfahrungen mit Abtreibungen zu sprechen, macht einen gesellschaftlichen Einstellungswandel aus. "Egal wo die Betroffenen in der Sache stehen, es bleibt bei vielen von ihnen psychologischer und körperlicher Schmerz zurück." Viele Frauen hörten inzwischen zu - "und entscheiden sich für das Leben".

Von Thomas Spang