Inge Deutschkron, Überlebende des Holocaust, spricht am 30.01.2013 in Berlin im Bundestag auf einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus zu den Abgeordneten und Besuchern.

"Mein Kind, du bist Jüdin."

Normalerweise ist der Bundestag ein recht lauter Ort. Da geht’s hoch er – meistens. Am Mittwoch war jedoch alles anders. Da kamen die Abgeordneten zusammen, um den Opfern des Holocaust zu gedenken und den Worten Inge Deutschkrons zu lauschen. Die letzten Klänge des traditionellen jüdischen Gebets "El Male Rachamim", vorgetragen vom Synagogal Ensemble Berlin, waren gerade erst verklungen, als die 90-Jährige das Podium betrat.

Berlin - 30.01.2013

Sie trug ein schwarzes Kleid, an ihrem linken Arm baumelte eine ziegelsteinrote Handtasche. Sie ging leicht gebeugt zum Rednerpult, erkundigte sich bei Bundestagspräsident Norbert Lammert noch kurz nach dem Skript zu ihrem Vortrag, und legte los: Ihre Mutter habe sie wenige Tage nach dem 30. Januar 1933, Hitlers Machtergreifung, zur Seite genommen, um ihr die neuen Verhältnisse zu erklären: "Mein Kind, du bist Jüdin. Du gehörst jetzt einer Minderheit an." Das müsse irgendwas mit Religion zu tun haben, mutmaßte Inge Deutschkron damals.

Sie schrie nicht, sie klagte nicht an, sie trauerte nicht

Deutschkron erinnerte weiter an die jubelnden Massen, die Hitler 1933 begrüßten, an die Menschen, die wegschauten, als SS und SA am 9. November 1938 jüdische Geschäfte und Synagogen anzündeten, und an die sechs Millionen Juden, die von heute auf morgen einfach weg waren – deportiert. Das einzige, was die Ermordung verzögerte, sei die Kapazität der Reichsbahn gewesen, so Deutschkron.

Sie schrie nicht, sie klagte nicht an, sie trauerte nicht – sie erzählte mit der nüchternen Stimme einer Chronistin. Und gerade dies hinterließ Spuren in den Gesichtern der Abgeordneten. Und dann sprach sie, die Jüdin, von ihrer Schuld: "Mit welchem Recht drücke ich mich vor diesem Schicksal, das auch das meine hätte sein müssen?" Sie hatte sich mit ihrer Mutter vor den Nazis versteckt, und das bereite ihr noch immer Schuldgefühle. Die Frage blieb unbeantwortet.

Lammert erinnerte an den Holocaust in Osteuropa

Zuvor hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert das Wort ergriffen und seinerseits an die Machtübernahme der Nationalsozialisten erinnert, die "kein Betriebsunfall in der Gesichte" und "weder zufällig noch zwangsläufig" war. "Die Selbstaufgabe der Weimarer Demokratie ist eine bleibende Warnung an die Nachgeborenen", so Lammert weiter. Angesichts der Mordserie der rechten Terrorgruppe "NSU" und zahlreichen Gewalttaten gegen Juden und Ausländer mahnte er, dass die deutsche Demokratie kein Geschenk für die Ewigkeit sei.

Es ging Lammert jedoch nicht nur um Deutschland: "Der Holocaust im Osten – vor allem in der Ukraine und in Weißrussland – gehörte lange zu den wenig erforschten Kapiteln des Zweiten Weltkriegs." Er erinnerte an Babij Jar, nahe Kiew, jenem Ort, an dem am 30. September 1941 exakt 33.771 ukrainische Juden erschossen wurden – akribisch dokumentiert von den Tätern. Umso mehr habe er sich gefreut, dass auch dieses Jahr etwa 80 Jugendliche aus ganz Europa der Einladung des Bundestags gefolgt sind, um sich mit dem Holocaust in der Ukraine zu beschäftigen.

Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog hat den Holocaust Gedenktag 1996 eingeführt. Seitdem wird jedes Jahr anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945, den Opfern des Nationalsozialismus gedacht. Jahr für Jahr berichten Zeitzeugen über die Gräueltaten während des Holocaust – unter anderem der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész, der ehemalige israelische Staatspräsident Shimon Peres und der Literaturkritiker und Überlebende des Warschauer Gettos Marcel Reich-Ranicki. (mir)