Näherinnen in Bangladesch demonstrieren gegen schlechte Arbeitsbedingungen.
Moderne Sklaverei macht vor dem deutschen Reihenhaus nicht Halt

Meine 31 Sklaven

31 Sklaven: So viele Menschen arbeiten nach Berechnungen der Organisation "Slavery Footprint" für unseren Autor Uwe Bork. Zwar arbeiten die nicht in seinem Reihenhaus - doch aufgeschreckt durch die Berechnungen hat sich Bork sein eigenes Konsumverhalten genauer angeschaut.

Von Uwe Bork |  Bonn - 14.06.2015

Nein, ich bin nur ein ganz normaler deutscher Bürger mit ebenso normalen monatlichen Gehaltsbezügen. Und trotzdem - so eine der modernen Definitionen für einen Sklaven - arbeiten für mich einunddreißig Menschen, die über keinerlei persönliche Autonomie und Entscheidungsgewalt mehr verfügen? Es scheint so... Nun bohnern die Opfer meiner Ausbeutung aber natürlich nicht etwa das Parkett in unserem Reihenhaus und sie mähen auch nicht den Rasen in unserem schmalen Garten.

Nein, meine Sklaven beschäftige ich anderswo: sie versorgen mich mit Shrimps für den etwas ausgefalleneren Belag meiner Pizza, indem sie wie Gefangene quasi rund um die Uhr auf Fabrikschiffen vor der thailändischen Küste schuften. Sie spinnen Baumwolle für meine Hemden in den Textilbetrieben Südindiens, wo nach Angaben von "terre des hommes" ungefähr 120.000 junge Mädchen und junge Frauen unter unmenschlichen Bedingungen und häufig unter sexueller Ausbeutung ihren Brautpreis erwirtschaften müssen. Oder sie ernten als verschleppte Kinder in Westafrika für mich den Kakao meiner Schokolade: Ein aus Mali an die Elfenbeinküste verkauftes Kind kostet nach Angaben eines Plantagenbesitzers, der für eine Dokumentation der ARD befragt wurde, rund 230 Euro und kann dafür unbegrenzt ausgebeutet werden.

21 Millionen Sklaven weltweit - mindestens...

Obwohl jegliche Form von Sklaverei offiziell seit 1980 weltweit als abgeschafft gilt, geht die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) nach wie vor davon aus, dass auf der Erde rund 21 Millionen Menschen als Sklaven gehalten werden, eine nicht zu unterschätzende Dunkelziffer noch nicht einmal eingerechnet. Diese Sklaven sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, denn nach einer Schätzung der ILO werden mit ihrer Ausbeutung jährlich rund 150 Milliarden Dollar verdient. Moderne Sklavenhalter streichen bis zu 35.000 Dollar pro Jahr und pro Zwangsarbeiter ein, und zwar nicht nur dort, wo der sprichwörtliche Pfeffer wächst oder schützende Sozialstandards für überflüssiges Beiwerk gehalten werden.

Knapp 47 der insgesamt 150 Milliarden Dollar Profit entstehen in den sich für besonders entwickelt haltenden Staaten Europas und Nordamerikas. Der Hauptgewinnbringer in diesen Regionen dürfte nicht die Arbeit in Haushalt, Landwirtschaft oder Industrie sein, hier wird das große Geld vornehmlich mit alles andere als freiwillig erbrachten sexuellen Dienstleistungen gemacht.

Dutzende Frauen in einer Fabrik in Goa (Indien) sitzen an Nähmaschinen und nähen unter Aufsicht.
Bild: © KNA

In den Textilbetrieben Südasiens spinnen nach Angaben von "terre des hommes" rund 120.000 junge Mädchen und Frauen unter oftmals unmenschlichen Bedingungen Baumwolle für die westliche Bekleidungsindustrie.

Und dennoch: Zwangsprostitution ist auch hier nicht alles. Der in dieser Angelegenheit besonders sensible Papst Franziskus rechnete bei seinem Besuch in Neapel ebenso nur mit einem Hungerlohn bezahlte Jobs oder Schwarzarbeit ohne Altersversorgung und ohne jede Kündigungssicherheit unter die unmenschlichen Arbeitsverhältnisse und wetterte: "Das nennt man Sklaverei, das ist Ausbeutung! Das ist nicht menschlich und das ist nicht christlich. Und wenn der, der so etwas tut, sich Christ nennt, dann ist er ein Lügner! Das ist nicht wahr, das ist nicht christlich."

Franziskus hat die Abschaffung der Sklaverei, zu der er neben der Zwangsarbeit und der Zwangsprostitution auch die zwangsweise Entnahme von Organen rechnet, zu einer der Hauptaufgaben seines Pontifikats gemacht. Mindestens ebenso stark wie auf gesetzgeberische Maßnahmen setzt er bei dieser Aufgabe auf Aktionen von unten, auf ein verändertes Bewusstsein nicht nur bei Christen. Eine gemeinsame Erklärung zur Abschaffung der Sklaverei bis zum Jahr 2020 wurde im Dezember 2014 von Führern aller großen Weltreligionen unterzeichnet, der Vatikan selbst betreibt zudem eine eigene Internetseite mit Dokumenten und vielen Multimedia-Angeboten zum Thema.

Papst Franziskus: Sklaverei ist eine "soziale Plage"

Von meinen eigenen 31 Sklaven habe ich allerdings nicht auf dieser Seite erfahren. Ihre Zahl kenne ich, seit ich einen ausführlichen Online-Fragebogen auf der Seite "Slavery Footprint" ausgefüllt habe, der sehr genau zu berechnen verspricht, wie stark mein privater Konsum mit der modernen Sklaverei verknüpft ist. In der Erhebung wird nach der Größe der Wohnung genauso gefragt wie nach den Essgewohnheiten, nach meinem Bestand an Unterhaltungselektronik wie nach meiner Bereitschaft, fair gehandelte Produkte zu kaufen. Und plötzlich wird beim Blick in den Kühlschrank oder in die Kleiderkommode ganz konkret, was Papst Franziskus in seiner Botschaft zum diesjährigen Weltfriedenstag gemeint haben könnte, als er die moderne Sklaverei als "soziale Plage" verurteilte.

Wir Verbraucher müssen dieser Plage nicht hilflos begegnen. Wir können mit der Macht unserer Brieftaschen und Kreditkarten steuernd eingreifen, wenn es darum geht, menschliche Arbeit auch menschlich zu gestalten. Wir müssen dazu durch verbindliche und verlässliche Kennzeichnungen auf den Waren allerdings zweifelsfrei erkennen können, ob etwas zu fairen Bedingungen produziert wurde oder nicht. Erst wenn ich weiß, wo und für wen sie arbeiten, kann ich schließlich dafür sorgen, dass meine 31 Sklaven in eine menschenwürdige Freiheit entlassen werden.

Von Uwe Bork